Bett und Tisch. Sie gehören zusammen und sind – wenn auch symbolisch – die Hauptschauplätze zwischenmenschlicher Paarbeziehungen. Deutlich wird das vor allem dann, wenn an einem Ort das Miteinander nicht mehr so gut funktioniert. Denn denn lässt sich das vielleicht an diesem Ort noch verdrängen – etwa indem man sich am Tisch in die Zeitung oder das Essen vertieft, anstatt ins Gespräch. Spätestens am anderen Ort rächt sich das dann aber.
Nicht nur deshalb sind die meisten Paartherapeuten auch Sexualtherapeuten und umgekehrt. Wobei vor allem der Berufsverband der Psychologinnen und Psychologen großen Wert auf die Bezeichnung Paar- und Sexualpsychologe legt, denn nur dann könne davon ausgegangen werden, dass es sich um professionelle, fundiert ausgebildete Anbieter handelt. Sexualtherapeut darf sich nämlich so gut wie jeder nennen, Sexualberater ohnehin. „Speziell ausgebildete Psycholog(inn)en, Psychotherapeut(inn)en und Mediziner(innen) sind bei sexuellen Schwierigkeiten die richtigen Ansprechpartner“, sagt dazu die Paar- und Sexualpsychologin Daniela Renn.
Von Lustlosigkeit bis Pädophilie. Während sich die Paartherapie hierzulande schon seit langen Jahren etabliert hat, ist die gezielte Sexualtherapie erst einige Jahre jung. Sie wird nicht nur von Paaren in Anspruch genommen, die mit ihrem Sexualleben unzufrieden sind, sondern auch von Menschen mit sexuellen Störungen wie etwa Pädophilie. Danach richten sich auch Art und Dauer der Behandlung.
Wobei sich Paare beim Sexualtherapeuten eher selten (zu zweit) einfinden. Denn meist geht die Initiative von einer Person aus. „Im Idealfall wird dann auch der Partner einbezogen, sofern es dabei sinnvoll ist“, sagt dazu die Sexual- und Paarpsychologin Christina Raviola. Wann sich jemand zu einer Sexualtherapie entscheidet, hängt vom Leidensdruck ab. Wobei sich Renn und Raviola darüber einig sind, dass das Bewusstsein für sexuelle Probleme und die Bereitschaft, dabei auf professionnelle Hilfe zu setzen, gestiegen ist – bei Männern und Frauen.
Das Geschlechterverhältnis ist meist ausgeglichen. Wobei Raviola meint: „Männer kommen überhaupt relativ schnell bei sexuellen Problemen in die Praxis. Und die Patienten werden insgesamt jünger.“ Zu den häufigsten Problemen zählen Lustlosigkeit – bei beiden Geschlechtern – sowie Orgasmusschwierigkeiten bei Frauen und Erektionsstörungen bei Männern. Um physische Gründe auszuschließen, rät Raviola vorab zu einer gynäkologischen oder urologischen Untersuchung. Ist das geklärt, gibt es aber noch eine Reihe an unterschiedlichen Gründen. So kann die Lustlosigkeit etwa nicht nur an Stress, Überforderung oder schlicht dem falschen Partner liegen, sondern auch daran, dass man sich selbst zu wenig kennt oder sich nicht gehen lassen will oder kann.
Bier statt Sex. Raviola, die seit 25 Jahren in diesem Bereich tätig ist, hat steigende Ansprüche beobachtet, wofür sie auch die Medien verantwortlich macht. „Man sieht in jedem Film tollen Sex und liest, dass jede dritte Frau sechs Orgasmen hintereinander hat. Das erzeugt natürlich Druck.“ Und dem sind vor allem Männer ausgesetzt. „Ich habe viele männliche Patienten, die sagen: ,Bevor ich mir das antu, geh ich lieber auf ein Bier.‘“ Immerhin haben Leistungsdruck und Versagensängste nicht nur mit veralteten Männerbildern zu tun, sondern auch mit der Tatsache, dass bei Männern die Erektion sichtbar ist. Aber auch Frauen leiden unter dem Druck. „Frauen haben eine Spur weniger Leistungsdruck, aber dafür den Druck, dass ihnen alles Spaß machen muss und dass sie für alles offen sein müssen, im wahrsten Sinne des Wortes. Das muss aber jede für sich selbst entscheiden“, so Raviola.
So hat sie etwa auch Patienten, bei denen einer der beiden auf BDSM (Sadomasochismus) steht, der andere aber nicht. Wie man das löst? „Das ist nicht so einfach zu beantworten. Aber im schlimmsten Fall hilft eine Trennung oder eben ein Kompromiss.“
Sex nach Programm. Neben der klassischen Sexualtherapie, die neben Gesprächen auch spezielle sexualtherapeutische Übungen beinhaltet, wachsen aber auch die Angebote, die darauf zielen, das Liebesleben eines Paares nicht einschlafen zu lassen. Die beiden Psychotherapeuten und Imago-Coaches Ute und Hans Giffey bieten solche Workshops unter dem Label Senseros an. Das Ehepaar hat es sich dabei zum Ziel gesetzt, die „serielle Monogamie“ abzuschaffen. „Die meisten wollen Treue, aber auch Spannung. Viele wechseln deshalb den Partner, weil sich sonst bei vielen Paaren nach einer gewissen Zeit Pyjamasex in Komfortzonen einstellt“, sagt Hans Giffey. „Da geht es nicht mehr ums Experimentieren oder um Sinnlichkeit. Und wenn dann Spielzeuge eingesetzt werden, besteht die Gefahr, zu technisieren.“
Deshalb bietet er mit seiner Frau Workshops, Kurzurlaube oder Trips in die Toskana an, die allerdings eine entsprechende Bereitschaft zum (gemeinsamen) Sex voraussetzen. Denn das, was Giffey „Räume schaffen“ nennt, sind dann doch recht programmierte Abläufe. So werden etwa Wochenend-Packages inklusive „prickelndem Beziehungsdinner“ angeboten. Dabei sollen zwischen den Gängen schriftliche Anregungen dazu dienen, offen über Wünsche und Sehnsüchte zu sprechen. Die anschließende Umsetzung in der Romantik-Suite ist da schon fast vorprogrammiert. Das mag für manche eine Bereicherung sein, für andere, die unter Druck und zu hohen Erwartungen leiden, wohl eher weniger.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)
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