Männern wird oft vorgeworfen, dass sie gerne mit den Gefühlen von Frauen spielen. Das stimmt, erklärt aber den Mann an sich nur zum Teil. Denn Männer spielen insgesamt gerne. Punktum. Und zwar nicht nur mit dem, was in Kaffeetisch-Bildbänden als „Männerspielzeug“ deklariert wird: Sportautos, Motorräder, teure Uhren und Gadgets aller Art.
Man hört nicht sehr oft von Frauen, die bei dem Gedanken, Mutter zu werden, begeistert ausrufen: „Endlich! Jetzt kann ich mir das Barbiemobil kaufen, das ich mir schon immer gewünscht habe.“ Im Gegensatz dazu ist die Zahl der Männer, die nach einem positiven Schwangerschaftstest der Partnerin umgehend ausrücken und sich mit verschmitztem Grinsen und verschwitzten Handflächen die Deluxe-Version von Carrera & Co. anschaffen, Legion. Oder die für ihre Söhne grundsätzlich Spielzeug besorgen, für das die Buben zwar noch zu klein, die Männer aber groß genug und in den besten Jahren sind.
Wer nach Erklärungen sucht, warum Männer so gerne spielen, wird viele spekulative Ansätze finden, jedoch wenig Konkretes. Das ist umso erstaunlicher, als die Nachricht vom maskulinen Spieltrieb nicht gerade eine neue ist. Die Hersteller elektronischer Spiele wissen seit Jahrzehnten, dass ihre Hauptabnehmer über 25 und männlich sind. Dasselbe gilt für „Gaming“-Websites aller Art.
„Lego for Men“
Aufmerksame Spielzeugkonzerne wie Lego haben darauf schon vor einiger Zeit reagiert und aufgehört, den Kindern Spielsachen anzudrehen, die eigentlich für ihre Väter gedacht sind. Mittlerweile kann man auch „Lego for Men“ kaufen und vom VW-Bus bis zu Big Ben, dem Rockefeller Center oder R2D2 aus „Star Wars“ alles zusammenbauen, was Männerherzen höherschlagen lässt. Die Begeisterung ist so groß, dass bereits 250weitere Modelle, die „mann“ gerne bauen würde, vorgeschlagen und bewertet wurden. In den Worten so manchen spiel- und bauwütigen Vaters klingt das verdächtig nach Eman(n)zipation: „Schluss mit den Zeiten, als man mit schlechtem Gewissen im Spielzeuggeschäft zur Kassa schleichen musste“, jubelt der Betreiber der Website Spielzeug 30+. Und ebenfalls Schluss damit, die eigenen Kinder anflehen zu müssen, ob sie nicht vielleicht Lust hätten, am Nachmittag ein Flugzeug zusammenzusetzen.
Ein bisschen Gott spielen? Warum aber bauen und konstruieren auch erwachsene Männer so gern oder lassen ferngesteuerte Autos und Züge durch eigens dafür erschaffene Welten fahren? Eine nicht ganz ernst gemeinte Erklärung liefert der deutsche Journalist Nicol Ljubic: Männer, die mit Modelleisenbahnen spielen, meinte er in seiner Kolumne „Die Geheimnisse der Männer“, wollten sich einfach nur ihr eigenes Paradies erschaffen – und dabei ein klein wenig Gott spielen.
Die Psychologin Patricia Göttersdorfer geht das Thema da schon etwas ernster an. Fast zumindest. „Wussten Sie“, meint sie, „dass im ehemaligen Herzmansky-Kaufhaus die Spielzeugabteilung direkt neben der Männerabteilung war? Das war bestimmt kein Zufall.“ Eine von Göttersdorfers Erklärungen ist die schlichte, dass sich viele Männer mit dem Kauf besonders teurer Spielsachen eigene Kinderträume erfüllen wollen. „Das ist die Autorennbahn, die man immer wollte, aber nie bekam. Jetzt ist man groß – und jetzt kauft man sie beim ersten Anlass.“ Beziehungsweise beim ersten Kind.
Ein weiteres Modell greift etwas weiter in die Vergangenheit zurück: Männer lernen die Verhaltensweisen, die als typisch für ihre Geschlechterrolle gelten, traditionell auf spielerische Art und Weise. Das gelte unter anderem für Kampf und Jagd. Der Bedarf für diese Tätigkeiten ist zwar mittlerweile überschaubar beziehungsweise in den sportlichen und beruflichen Konkurrenzkampf verlagert worden, der Spieltrieb aber ist unvermindert vorhanden. Für Göttersdorfer ist Spielen Teil einer „männlichen Überlebenstätigkeit“, eine Art „Probehandeln“. Durch Spielen, das hat die Hirnforschung bewiesen, werden die Neuronen besser miteinander verknüpft.
Bauen oder kuscheln?
Das gilt allerdings nicht nur für Buben. Doch Mädchen lernen anders. Entwicklungspsychologen verweisen darauf, dass soziales Lernen durch Kommunikation bei Mädchen deutlich stärker ausgeprägt ist als bei Buben. Mädchen würden dadurch auf ihre spätere Rolle als Mutter vorbereitet, sagen die einen („nature“). Andere halten dagegen, dass dies auch nur ein soziales Konstrukt sei und dass die Eltern mit Mädchen von Geburt an einfach unbewusst anders umgingen als mit Buben („nurture“).
Ein anderer Ansatz klingt leicht sarkastisch. Er besagt, dass Frauen Leben spielen und Männer Spiele spielen. Erwachsene Frauen haben nicht länger das Bedürfnis, Puppen zu betüdeln, weil sie Kinder haben, um die sie sich kümmern.
Das letzte Erklärungsmodell schließlich zieht die gesellschaftlichen Realitäten ins Kalkül, wie sie in vielen Familien noch immer gelten. Zur Frage, warum Männer mehr spielen als Frauen, meinte ein Teilnehmer einer Diskussion im Netz: Wenn Männer nur einen Bruchteil der Zeit, die sie mit Spielen verbringen, für den Haushalt aufwendeten, hätten Frauen überhaupt erst einmal die Chance, sich zu überlegen, ob sie auch etwas spielen wollen. Oder war es vielleicht doch eine Teilnehmerin?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2012)
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