„Eine klassische Karriere wäre mir zu langweilig gewesen“

10.11.2012 | 18:27 |  von eva winroither (Die Presse)

Frauen wie Kristina Mandl sind jung, gut ausgebildet und pfeifen so lange auf den Job, solange sie daheim bei ihren Kindern bleiben wollen. Als »Hausfrau« sehen sie sich nicht.

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Als Kristina Mandl beschloss, mit Lukas eine Familie zu gründen, war sie gerade einmal 20 Jahre alt. „Mädchen, aus dir hätte noch was werden können“, jammerte ein guter Freund im ersten Moment. Peinliches Schweigen. Nachsatz: „Also, ich meine, Managerin in einer großen Firma.“ Wieder Schweigen. „Aber, na ja, jetzt managst du halt die Familie!“

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Der gute Freund hatte allen Grund zum Staunen. Die Verlobung zwischen der Jus-Studentin mit den Topnoten und ihrem Freund, damals noch in einem Trainee-Programm, kam nach einem halben Jahr Beziehung, die Hochzeit nach eineinhalb Jahren. Das erste, geplante Kind kam vier Monate vor der Hochzeit auf die Welt. Da stand Kristina kurz vor der Diplomarbeit.

„Für mich war immer klar, dass ich früh Kinder haben will“, sagt sie acht Jahre später in ihrem Haus im niederösterreichischen Seyring. Dort haben sich Kristina und ihr Mann vor vier Jahren die Hälfte eines Doppelhauses gekauft. „Eigentlich habe ich mir immer vorgestellt, bis 25 bei einem Anwalt zu arbeiten und dann bis 30 mindestens drei Kinder zu bekommen. Jetzt haben wir es eben umgedreht“, sagt die heute 28-Jährige. Neben Tochter Lisa (7) gibt es noch Lena (5) und Sohn Max, zwei Jahre alt.

Für viele nicht nachvollziehbar. Der Weg, den Kristina mit 20 Jahren beschritten hat, ist für viele Frauen kaum nachvollziehbar. Sie ist jung, sie hat eine akademische Ausbildung, sie wurde nicht ungewollt schwanger – und trotzdem hat sie auf die Karriere verzichtet und wollte stattdessen Hausfrau und Mutter und für ihre Familie da sein. Und das in einer Zeit, in der die Geburtenrate nur langsam wieder ansteigt, Frauen ihr erstes Kind erst mit 30 Jahren bekommen und dann im Durchschnitt nicht einmal zwei.

Dabei sei der Wunsch, eine Familie zu gründen, bei jungen Menschen nach wie vor vorhanden, sagt Christiane Rille-Pfeiffer, Mitarbeiterin am Österreichischen Institut für Familienforschung. Dass Frauen dennoch immer später und weniger Kinder bekommen, sei Folge eines Zusammenspiels verschiedener Ursachen. „Wer ein Kind will, muss sich finanziell abgesichert fühlen“, sagt Rille-Pfeiffer. Dazu gehöre eine angemessen Wohnsituation, aber auch das Gefühl von Stabilität in der Partnerschaft und der Grad der persönlichen Entwicklung. „Junge Menschen wollen zuerst die Ausbildung abschließen und dann ihre Qualifikationen im Beruf austesten.“

Lebensziel: Früh Eltern werden. „Es hat einfach gepasst“, sagt Kristina. Sie und ihr Mann wollten immer schon früh Eltern werden. Hinzu sei die familiäre Prägung gekommen. Beide haben Geschwister. Dazu passt auch das Umfeld, in dem sie sich bewegen. Ihr Mann Lukas ist Ex-ÖAAB-Generalsekretär und Landtagsabgeordneter (VP). Die Entscheidung, ihre Karriere hintanzustellen, fiel allerdings lange vor dem Karriereschub ihres Mannes.

Seit acht Jahren ist Kristina Mandl in erster Linie für ihre Familie da. Am Vormittag bringt sie ihre beiden Töchter in Schule bzw. Kindergarten, den Nachmittag verbringt sie spielend mit den eigenen Kindern und den Nachbarskindern, die täglich vorbeischauen. Nach der Geburt ihres dritten Kindes hat sie dann ihr Jus-Studium abgeschlossen.

Ihr Mann Lukas ist aufgrund seines Berufes ständig unterwegs. Er geht um acht Uhr aus dem Haus und kommt nicht vor zehn oder elf Uhr abends zurück, arbeitet am Samstag und ist oft auch am Sonntag auf Veranstaltungen im Einsatz – dann allerdings gemeinsam mit der Familie. Dass Kristina die meiste Zeit mit ihren Kindern alleine ist, stört sie nicht. Im Gegenteil: Sie könne ja nicht von ihrem Mann verlangen, dass er drei Kinder ernährt, gleichzeitig aber regelmäßig um vier Uhr zu Hause sein soll. Es ärgert sie immer, wenn junge Ehefrauen solche „realitätsfernen“ Forderungen stellen. „Wenn ich daheim bleiben will, dann muss Lukas voll arbeiten“, sagt sie.

Abwertende Kommentare. Ein ähnliches Konzept leben auch Andrea und Philipp Sommer, 29 und 33 Jahre alt in Melk. Sie sind seit sechs Jahren verheiratet und haben drei Kinder. Tochter Valeria, sechs Jahre alt, kam auf die Welt, da war die Tinte auf Andreas Sponsionsurkunde noch nicht getrocknet. Ein Wunschkind.

In der Öffentlichkeit fühlt sich die hübsche Frau häufig unverstanden. „Ich werde immer wieder schief angesehen, weil ich 29 bin und drei Kinder habe“, sagt sie. Abwertende Kommentare („War das geplant“?) hat sie während ihrer dritten Schwangerschaft zur Genüge gehört. „Heutzutage kann sich einfach niemand mehr vorstellen, dass man gerne bei den Kindern zu Hause ist und sich auch in der Mutterrolle selbst verwirklichen kann“, sagt sie.

Vielleicht betont Andrea Sommer deshalb besonders stolz den Magister (FH), den sie in Gesundheitsmanagement abgeschlossen hat. „Damit jeder sieht, dass ich vorher etwas Akademisches gemacht habe.“ Sommer hofft, später einen Vorteil in der Arbeitswelt zu haben, weil sie familientechnisch „quasi schon alles erledigt hat“. Gesundheitsmanagement für Kinder kann sie sich vorstellen. Etwas, das sich mit dem Familienleben vereinbaren lässt. Philipp soll aber nach wie vor der Hauptversorger der Familie sein.

Mit dem Begriff „Hausfrau“ hat auch Kristina Mandl ein Problem – wie viele Frauen in einer vergleichbaren Lage. „Ich habe zum Beispiel keine Freude am Putzen und der Gartenarbeit“, sagt sie. Deshalb leistet sie sich auch eine Putzfrau. Und „für immer daheim bleiben“ ist auch kein Konzept, dem sie etwas abgewinnen kann. Die Mutterrolle ist ihr zwar das Wichtigste, daneben aber beginnt sie bereits, über ihre berufliche Zukunft nachzudenken – mit den ersten praktischen Konsequenzen. Seit Kurzem arbeitet sie einen Tag in der Woche als Familienberaterin bei Gericht.

Klassische Karriere? Langweilig! Dass sie es sich mit dem späten Jobeinstieg nicht unbedingt leichter gemacht hat, glaubt Kristina Mandl nicht. „Man muss wissen, dass man auch etwas anderes könnte“, sagt sie. „Und überhaupt: Der klassische Karriereweg, so mit Ausbildung abschließen, mehrere Jahre arbeiten und dann Kinderkriegen, der wäre mir sicher viel zu langweilig gewesen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2012)

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3 Kommentare

hausmänner?

Ich finde erstaunlich, dass in beiden Artikeln, die zum Thema dieses Wochenende in der Presse erschienen sind kein Wort zu Vätern zu finden ist, die zuhause bleiben, während ihre Frauen das Geld verdienen. Das ist zwar - zugegeben - eine seltene Variante, doch ich kenne im Bekanntenkreis zumindest ein Beispiel. Und im Gespräch haben mir schon mehrere junge Männer erklärt, sie könnten sich so eine Rollenverteilung zumindest ein paar Jahre vorstellen. Ob sie das dann tatsächlich umsetzen können, sowohl finanziell als auch sozial, bleibt natürlich offen. Dass das Modell Hausmann in beiden Artikeln nicht einmal angedacht wird ist meiner Ansicht aber der eigentliche Konservatismus und nicht das Phänomen Hausfrau.

untypisch

Dass hier die klassische "akademisch gebildete Hausfrau" und Abgeordnetengattin als Beispiel angeführt wird, ist schon einigermaßen skurill.
Dass sie aus öffentlichen Mitteln gefördert, studiert hat, um diesen Beruf von Anfang an nie ausüben zu wollen, sei auch bemerkt (oder es findet sich dann später in den sicherlich zahlreich vorhanden Funktionärsverbindungen eine passende "Beschäftigung"). Hier wird ganz offen das typische ÖVP Klischeebild der "Nurhausfrau" mit dem meist abwesenden ("Karriere")Ehemann/Vater vertreten, der dann zu seiner politischen Funktion auch noch die passende "heile" Familienwelt vorweisen kann.
Das kann wohl auch nur dort passieren, wo öffentliche Töpfe als unerschöpfliche Geldquellen zur Verfügung stehen, ein Familienbild, das in dieser Gestaltung wohl immer schon möglich und vorhanden war. Es wäre interessant gewesen, Menschen, die in einem echten Wettwerb stehen und nicht schon das passende Umfeld mitbringen, zu dokumentieren. Angesichts dieses oberflächlichen Artikels hat man das Gefühl, in alten Zeiten gelandet zu sein, mit dem Unterschied, dass die angeführten Frauen angeben, sich frei (und willig) für die "Hausfrauenrolle" entschieden zu haben!

Endlich Umdenken!

Ich denke, es wird immer wichtiger werden, dass neue und vor allem flexiblere Modelle der Kinderbetreuung entwickelt werden. Die Gesellschaft und die Wirtschaft wird sich zwangsläufig anpassen und neue Familienkonstellationen und Formen des Zusammenlebens zulassen müssen. Sehr interessant zu der Thematik ist dieser Artikel http://www.atkearney361grad.de/2012/11/08/die-rahmenbedingungen-muss-man-sich-selber-schaffen/

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