Gutes Benehmen: Der Kavalier kommt aus der Mode

Müll wegwerfen oder Vordrängen werden als ungehörig empfunden. Die Tugenden der Kavaliere der alten Schule werden weniger wichtig.

Der Handkuss, wie ihn hier der damalige Bundeskanler Wolfang Schüssel an der deutschen Kanzlerin Angela Merkel praktiziert, wurde nicht abgefragt.
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Der Handkuss, wie ihn hier der damalige Bundeskanler Wolfang Schüssel an der deutschen Kanzlerin Angela Merkel praktiziert, wurde nicht abgefragt.
Der Handkuss, wie ihn hier der damalige Bundeskanler Wolfang Schüssel an der deutschen Kanzlerin Angela Merkel praktiziert, wurde nicht abgefragt. – (c) AP (MYRIAM VOGEL)

92 Prozent der Österreicher halten gutes Benehmen für wichtig. Die Definition adäquater Umgangsformen hat sich aber in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Der Kavalier der alten Schule ist etwas aufs Abstellgleis geraten, der Dresscode wurde lockerer und die urösterreichische Titelwirtschaft verlor an Bedeutung. Das zeigt eine Umfrage des Linzer Instituts IMAS, deren Ergebnisse am Freitag veröffentlicht wurden.

Die Meinungsforscher interviewten im heurigen August 1077 repräsentativ ausgewählte Österreicher über 14 Jahre und verglichen die Daten mit einer Umfrage von 1973. Damals fanden es 74 Prozent höchst unschicklich, wenn Frauen mit Lockenwicklern einkaufen gehen oder Autofahrer einander den Vogel zeigen (61 Prozent). Theaterbesuche in Alltagskleidung waren für 60 Prozent der Österreicher nicht akzeptierbar, heute mokieren sich darüber nur noch 33 Prozent. Kein eigenes Sonntags-Outfit anzulegen, empfanden damals 30 Prozent aus Fauxpas, heute tun das nur mehr 15 Prozent.

Gentleman-Tugenden werden weniger wichtig

Auch die Benimmregeln für Männer im Umgang mit Frauen haben sich geändert: 1973 fanden es 58 Prozent ungehörig, wenn er ihr nicht in den Mantel hilft, heute stört das nur mehr 23 Prozent. Sitzen zu bleiben, wenn eine Dame den Raum betritt, war früher ebenfalls für deutlich mehr Leute (41 Prozent) ein Fehltritt als heute (zehn Prozent).

Die Anrede "Herr oder Frau Doktor" ist nicht mehr so verbindlich wie früher. Einen promovierten Akademiker nur mit seinem Namen anzusprechen, widersprach 1973 noch für 32 Prozent der Etikette, heute stört das nur mehr 18 Prozent. Von jemandem, den man lediglich flüchtig kennt, mit "Du" angesprochen zu werden, empfinden 33 Prozent als nicht in Ordnung (1973 nicht erhoben).

Auch wenn vieles lockerer geworden ist, so legen die Österreicher nach wie vor Wert auf gute Umgangsformen. Ältere und besser Gebildete messen ihnen besonders viel Bedeutung zu. Dennoch sind auch 86 Prozent der Unter-30-Jährigen der Ansicht, gutes Benehmen sei wichtig. Unter den Über-50-Jährigen sind es 95 Prozent.

Was heutzutage nicht goutiert wird

Heute wird man laut Umfrage vor allem schief angeschaut, wenn man auf der Straße etwas wegwirft - für 73 Prozent ist das ungehörig - oder sich an der Kassa vordrängt (72 Prozent). Einem älteren oder gebrechlichen Menschen in der Straßenbahn keinen Sitzplatz anzubieten, halten 71 Prozent für ein Zeichen schlechter Kinderstube.

Wer einem anderen Autofahrer den Parkplatz vor der Nase wegschnappt, wird von 67 Prozent als Manieren-Muffel empfunden, ebenso, wer sich nach dem Toilettenbesuch nicht die Hände wäscht. Im rauchfreien Bereich blauen Dunst zu erzeugen, halten 55 Prozent für ungehörig, sonntags Rasen zu mähen 44 Prozent. Neue Technologien bringen zudem neue Benimmregeln: Handyklingeln im Kino oder Spital ist 47 Prozent ein Dorn im Auge, öffentliches lautes Telefonieren 31 Prozent. Dem Sitznachbarn in Öffis über die Schulter zu schauen, wenn dieser liest oder surft, halten 42 Prozent für unhöflich.

(APA)

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