Marihuana: Vom Teufelskraut zum Joint mit der Mama

12.01.2013 | 18:02 |  von SOLMAZ KHORSAND (Die Presse)

Cannabis galt früher als Teufelskraut, das junge Menschen auf die schiefe Bahn bringt. Zuletzt haben zwei Staaten in den USA Marihuana als Genussmittel legalisiert. Wäre auch die österreichische Gesellschaft bereit?

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Meistens kifft Heike zu Hause. Bis zu neun Joints können das an einem Wochenende werden, wenn die 16-jährige Gymnasiastin mit ihren Freunden in ihrem Zimmer einen Film anschaut und „entspannt“, wie sie es nennt. Manchmal kommt auch ihre Mutter dazu, nimmt einen Zug, begutachtet, „ob der Stoff gut ist oder nicht“ und geht wieder. „Solange ich schulisch alles auf die Reihe kriege, ist es okay“, sagt Heike und zuckt mit den Schultern. „Und ich glaube nicht, dass ich so matschig wirke.“

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Cannabis zu rauchen ist Alltag geworden. Eltern tun es. Ihre Kinder tun es. Und manchmal tun sie es auch gemeinsam. Längst ist es nicht mehr „das Kraut mit den Wurzeln aus der Hölle“, wie es amerikanische Sittenwächter in den Dreißigerjahren genannt haben. Als „Staatsfeind Nummer eins“ hat man es damals im berüchtigten Anti-Cannabis-Film „Reefer Madness“, in dem eine Gruppe Jugendlicher nach dem Konsum des Teufelskrauts zu vergewaltigen und morden begann, bezeichnet. Heute kann man über den Film nur schmunzeln. Im November des Vorjahres haben ausgerechnet im prüden Amerika die Wähler in Colorado und Washington für eine völlige Legalisierung von Marihuana gestimmt. In Zukunft sollen Erwachsene, die älter als 21 Jahre sind, Gras anbauen und besitzen dürfen. Nicht zu medizinischen Zwecken, sondern als legales Genussmittel. Ist das der Paradeentwurf für andere Länder? Ist der Joint am Abend bald genauso Normalität wie das Achtel Rotwein nach der Arbeit?

„Wir sind alle in dieser Cannabiskultur groß geworden, selbst jüngere Pensionisten. Viele haben Erfahrungen damit gemacht. Das hat zu einer gewissen Normalisierung geführt“, sagt Psychologe Alfred Uhl. Er ist Leiter der Suchtpräventionsforschung und Dokumentation am Wiener Anton-Proksch-Institut. Viel hat sich geändert. Selbst die Hypothese, dass es sich bei Cannabis um eine Einstiegsdroge für härtere Substanzen handelt, haben viele Experten fallen lassen. Und die Zeiten, als Cannabis die Anti-Establishment-Droge einer rebellischen Hippie-Generation war, sind auch längst vorbei.


Jugend mit Erfahrung. „Drogenkonsum funktioniert heute häufig völlig ideologie- und utopiefrei als Stimmungsmacher und Dröhnung, die man sucht und braucht, um mit einem System zurechtzukommen, in dem man sich nicht immer gut fühlt, gegen das man sich aber auch nicht allzu sehr auflehnt“, sagt Beate Großegger, wissenschaftliche Leiterin des Wiener Instituts für Jugendkulturforschung. Laut aktuellem Drogenbericht hat in Österreich jeder siebente Jugendliche unter 15 Jahren schon einmal am Joint gezogen, bei den 17-Jährigen ist es fast jeder Dritte. Die Zahlen der jugendlichen Cannabis-Konsumenten sind über Jahre stabil geblieben.

Heike und ihre Freundinnen, Petra und Matilda, waren 14 Jahre alt, als sie das erste Mal Marihuana geraucht haben. Rebellieren mussten die Mädchen nicht. Sie stammen alle aus toleranten Elternhäusern, wo es auch schon einmal vorkommen kann, dass ein Vater es lieber sieht, wenn seine Tochter kifft, als dass sie sich mit Alkohol volllaufen lässt. Keine verwahrlosten Jugendlichen sind diese jungen Frauen in ihrer hippen Kleidung, mit gepflegten Haaren und den Plänen, einmal groß in der Kunst oder im Journalismus Karriere zu machen. Sie haben Nebenjobs, die sie aus Spaß machen, die Schule, die sie als Pflichtprogramm absolvieren, und eben das Wochenende, an dem manchmal ein Joint geraucht wird. Falls Cannabis in Österreich jemals legalisiert werden sollte, haben sie klare Vorstellungen was passieren wird. „Ich glaube nicht, dass ich mehr rauchen würde, höchstens mehr in der Öffentlichkeit“, meint Heike. Angst, von der Polizei aufgehalten zu werden, hat das Mädchen mit den rocken Locken bereits heute nicht, wenn sie auf offener Straße Gras raucht. Ihre Freundin Petra erhofft sich bei einer Legalisierung vor allem eine bessere Qualität, oft genug wurde ihr „gestrecktes Zeug“ angedreht, von dem ihr schlecht wurde.

Zu beschaffen ist das Gras leicht, vergangenes Jahr hatten die Schülerinnen gleich drei Dealer in ihrer Klasse, die ihnen die Droge besorgen konnten. Vor 20 Jahren musste ein Jugendlicher noch größere Strapazen auf sich nehmen, erinnert sich Günther S. Der heute 42-jährige Bankangestellte wird nie die Lokale auf der Gumpendorfer Straße vergessen, die er aufsuchen musste, um an sein Kraut zu kommen.

100 Schilling pro Gramm. Eistee und Cola hat es dort gegeben, konsumieren musste jeder Gast ein Getränk. Wenn sich das Lokal gefüllt hatte, öffnete sich irgendwann ein Hinterzimmer oder die Männertoilette und eine stämmige Gestalt verteilte den Stoff für 100 Schilling das Gramm. „Es war ein Gegenentwurf zu den Alkoholikern“, erklärt Günther S. seine damalige Motivation zu rauchen. Bis zu drei Joints hat er in seiner Jugend am Tag geraucht, mittlerweile konsumiert er diese Menge im Monat.

An Cannabis heranzukommen ist heute um einiges leichter. Ja, es gibt sie noch, die Hinterzimmer in Lokalen, wo man für ein paar Euro ein Säckchen Gras oder Haschisch erstehen kann. Aber viele Konsumenten haben auch selbst die Initiative ergriffen und bauen ihre Hanfstauden im eigenen Wohnzimmer an. Das Zubehör dazu kann – zwar in einer rechtlichen Grauzone, aber im Grunde legal – in eigenen Hanf-Shops (siehe unten) erworben werden. Harald Schubert betreibt seit rund 15 Jahren sein Geschäft, Bushdoctor. Für ihn wäre eine Legalisierung in jedem Fall ein Vorteil. „Dann würden für uns ganz normale marktwirtschaftliche Regeln gelten.“

Doch ist Österreich bereit für ein weiteres legales Suchtmittel auf dem Markt? Die Österreicher glauben es nicht. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts OGM haben sich 2011 rund 77 Prozent aller Befragten für ein Verbot der Droge ausgesprochen, nur 17 Prozent sind für eine Legalisierung.

Schlechter Umgang. „Der Cannabiskonsum würde sprunghaft ansteigen mit allen problematischen Folgen, die es haben kann“, prognostiziert Wolfgang Dür. Der Gesundheitssoziologe ist Direktor des Programms „Health Promotion Research“ am Ludwig-Boltzmann-Institut in Wien. Ob die Österreicher denn vernünftig mit einem neuen Suchtmittel umgehen könnten? Dür zeigt sich äußerst skeptisch: „Das kriegen wir beim Rauchen nicht hin, das kriegen wir bei Alkohol nicht hin, warum sollten wir das bei Cannabis hinkriegen.“

Lexikon

Cannabis. Der wissenschaftliche Begriff für die Pflanzengattung Hanf. Die Pflanze wird neben dem Gebrauch als Faser-, Heil- und Ölpflanze auch als Rauschmittel verwendet.

Marihuana. Die getrockneten, harzhaltigen Blütentrauben und Blätter der weiblichen Pflanze werden Marihuana (umgangssprachlich auch Gras) genannt.

Haschisch. Aus Pflanzenteilen der weiblichen Cannabispflanze wird Harz gewonnen, das zu Platten oder Blöcken gepresst wird.

THC. Abkürzung für Tetrahydrocannabinol.THC ist der Hauptwirkstoff der Cannabispflanze.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2013)

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  • Die respektable Seite der Droge

    In Kalifornien kann man es leicht als Analgetikum kaufen, in Österreich bekommt man synthetisch hergestelltes THC nur über ein Schlupfloch im Suchtmittelgesetz.

  • Hanf-Shops boomende Branche

    Dutzende Geschäfte verkaufen Zubehör, das eindeutig der Herstellung und dem Konsum von Drogen dient. Möglich ist das durch einen Graubereich im Suchtmittelgesetz – der Anbau von Cannabis ist erst strafbar, wenn er zur Suchtgiftherstellung dient.

  • Cannabis aus dem Labor: "Das Zeug ist vielen zu stark"

    Hanf hat seinen Nimbus als Bio-Rauschmittel schon lange verloren. Zuletzt waren synthetische Cannabis-Abkömmlinge und genmanipuliertes Saatgut der Renner. Mit zum Teil verheerenden Auswirkungen.

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100 Kommentare
 
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an hr. SOLMAZ KHORSAND

wie waers mal einen aufklaerenden artikel ueber die uralte kulturpflanze hanf zu schreiben:

kurze geschichte - auch die kriegszeiten

anwendungsgebiete - industrieell energietechnisch -UMWELTTECHNISCH ernaehrungs -u. gesundheits....

unsere resoursen gehen zu ende !!!!!!!!!!!!

ich denke als redakteur sollten sie die wahren infos finden

0 1

an hr. SOLMAZ KHORSAND


Die Verbote nützen ausschließlich der Drogenmafia

und dort sitzt auch die Kriminalität.

Die Entscheidung zum Kettenrauchen, Komasaufen und sich zu Tode fressen trifft ausschließlich der Einzelne.

Nur bei Haschisch, Marihuana etc. stellt der Staat Verbote auf und fördert damit die Kriminalität und dass sich eine Handvoll Drogenbaron dumm und dämlich verdient.

Die Qualität ist am Schwarzmarkt nicht kontrollierbar. Der Käufer und Konsument setzt sich der Erpressbarkeit aus.

Und - Verbote locken.

DAHER: Freier Verkauf und Besteuerung!


...

Ich hab mir jetzt die Kommentare kopiert, damit ich meinen Enkelkindern mal zeigen kann wie saudumm die Menschen 2013 noch waren...

Und dann werden wir uns genütlich eine Tüte genehmigen... ;-)

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Das Thema lässt die meisten das Nachdenken vergessen

Ist ja auch einfacher net über den Tellerrand und Propaganda hinauszuschauen... legalisieren und beobachten das sich kaum etwas ändern wird vom "normalen" Konsum aber der problematische und die dazugehörende Kriminalität auf einmal drastisch zurrückgeht. Zig Tausend Jahre legal VS 80 Jahre Verbot der nur Existenzen zerstört hat, mit Argumenten stößt man eh auf taube Ohren also einfach machen.

Re: Das Thema lässt die meisten das Nachdenken vergessen

die Niederlande machens vor! Anfang dieses Jahres wollte man dort ein Gesetz verabschieden um den Cannabis Tourismus zu unterbinden......nach einem halben Jahr Testphase in der Grenzregion hat man diese Idee jetzt zur freiwilligen Umsetzung ausgeschrieben da durch eine verpflichtende Umsetzung nur negative Effekte entstanden wie allem zuvor ein extremer Anstieg des illegalen Handels, aber auch hatte der Versuch 600 Arbeitslose zur Folge und auchnkriminelle Strukturen wurden dadurch wieder gestärkt und auf den Plan gerufen den Markt zu übernehmen.
Besser versteuern......verhindern kann mans eh nicht, weil der ders konsumieren will wird das weiterhin tun egal ob legal oder illegal!

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Marihuana: Vom Teufelskraut zum Joint mit der Mama

wenn ein Staat der Kriminalität nicht mehr Einhalt gebieten kann, dann legalisiert er sie.
Jede Art von Drogen gehört grundsätzlich verboten.
Angebliche Vorbilder der Jugend sagen ganz offen und öffentlich das sie Drogen genommen haben. Dekadenz hoch drei.
Wo sind wir eigentlich hingekommen !!!!!!!!!!!!!!!

Re: Marihuana: Vom Teufelskraut zum Joint mit der Mama

Jedes Psychopharmakon ist eine Droge. Und der Konsum dieser Drogen steigt von Jahr zu Jahr.

Sie dürfen getrost diese Entwicklung in Frage stellen. Aber bitte heißen Sie nicht das Eine gut und verdammen das Andere. Cannabis ist Medizin. Wie jedes andere Psychopharmakon auch.

Kriminalisierung ist der falsche Weg, um den Bedarf an Psychopharmaka zu verringern. Sie schafft nur mehr Leiden als eh schon da ist. Da müssen Sie schon bei den Wurzeln ansetzen.

Gleiches gilt übrigens auch für Alkohol, dessen Schadenspotenzial laut einer Studie von David Nutt bedeutend höher liegt.

Re: Marihuana: Vom Teufelskraut zum Joint mit der Mama

also ihrer Meinung nach Alkohol, Tabak und die ganzen "legalen" Drogen der Pharmaindustrie auch? oder wer masst sich hier an die Grenze zu ziehen?

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Re: Marihuana: Vom Teufelskraut zum Joint mit der Mama

Man sieht ja das Chaos und die Anarchie die in den Niederlanden oder Tschechien herrschen, wo Cannabis legal ist. *Ironie*

Ich kenne niemanden, der Marihuana raucht und KEIN Dodel ist. Korrelation oder Kausalzusammenhang?


Re: Ich kenne niemanden, der Marihuana raucht und KEIN Dodel ist. Korrelation oder Kausalzusammenhang?

bei mir ist es umgekehrt ;-)

Re: Ich kenne niemanden, der Marihuana raucht und KEIN Dodel ist. Korrelation oder Kausalzusammenhang?

Dann kennens die falschen Leute! Wahrscheinlich ham sich die Cannabiskonsumenten die sie kennen schon als Jugendliche die Gehirnzellen weggesoffen!

Jetzt frag ich mich gerade..


..warum die ganzen Poster, die ich bislang wegen Trollerei und nervigen Beiträgen ausgeblendet habe, sich allesamt in diesem Artikel zur Legalisierung von Marihuana wiederfinden.

Abwarten

Wenn die Menschen in diesem Land weiter rot und grün wählen, ist es bis zur Legalisierung nicht mehr weit... Sie werden es auch brauchen, um vor der dann herrschenden Realität aus Massenzuwanderung, noch höheren Steuern und linkslinker Gleichmacherei zu flüchten!

Re: Abwarten

Wie Sie meinem unten stehenden Beitrag leicht entnehmen können bin ich durchaus nicht "für Drogen", aber das ist noch lange kein Grund derartige Verschwörungstheorien gut zu heißen oder auch nur ernst zu nehmen.
MfG sirgerald

Was bringt unser Qualitätsblatt am Sonntag?

Eine zustimmende Reportage über den Cannabiskonsum von Schülerinnen. Das nenne ich einen Paradigmenwechsel. Ob dies indessen erfreulich ist, bleibt wohl dahingestellt. Ich bin wohl ein intoleranter Spießer.

legalisieren...

Und damit die ganze sache entkriminalisieren. Das "Einstiegsdroge" argument funktioniert nur weil derzeit der selbe dealer, der pott verkauft auch derjenige ist, der harte drogen verkauft... Natuerlich muessen rahmenbedingungen geschaffen werden. Marihuana nicht unter 21 (sollte auch fuer alkohol, speziell schnaps und dergleichen gelten) und stickte, hohe strafen fuer alle harten drogen. Und natuerlich sollten die selben regeln gelten wie bei Alkohol (don't smoke and drive, keine drogen fuer minderjaehrige).Alkohol toetet direkt oder indirekt wesentlich mehr menschen als pott, trotzdem scheit die gesellschaft damit kein problem zu haben. Ich hab in meinem leben vielleicht 2 joints geraucht und werd drogen weiterhin meiden, legal oder nicht. Aufklaerung und verantwortungsvoller umgang mit drogen ist es was fehlt...

Die Wahrheit..


..über die Wirkung von Marihuana auf Menschen:

http://bit.ly/XvLyxf

Re: Die Wahrheit..

... und die Erde ist eine Scheibe.

Re: Re: Die Wahrheit..


Ihnen ist aber schon klar, dass Marihuana zu allererst die Ironie-Rezeptoren im Gehirn schädigt?

das grösste Problem.....

......der legalisierungsbewegung ist das Geld.........in Österreich gibt es halt leider noch mehr Lobbys(Alkohol, Pharma,etc.) die Kampagnen dagegen subventionieren als reiche Befürworter........in Washington gab es 2,4millionen Dollar Budget für die Legalisierung und nur 750000 Dollar Budget dagegen.........also muss sich hier in Österreich nur noch ein reicher aufgeklärter Pionier finden!

Du meine Güte!

Jedenfalls ist Kiffen schlimmer als ein Kirchenaustritt!
Oder Standard lesen!

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Diese Verharmlosung einer erwiesenen Einstiegsdroge ist ungeheuerlich!

Dass am Schluss dieser versteckten Verharmlosung etwas Einwand kommt, macht die Sache nicht besser sondern eher noch schlimmer. Wirt doch dieser zaghafte gerade noch untergebrachte Einwand nur wie ein Feigenblatt!!!
Die Presse und ihr Scghreiber sollen sich schämen!

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Wirt doch dieser zaghafte gerade noch untergeEinstiegsdroge ist ungeheuerlich!

alk ist österreichs einstiegsdroge!!!!!

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Ihre Logik ist eine typische Dummheit verkasppter Suchtis!

Im Klartext heißt das, was sie da verzapfen: Weil Alkohol eine einstiegsdroge ist muß Cannabis ebenfalss als Einsiegsdroge geduldtet werden! Das ist mit Verlaub echt blöd!

 
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