Marihuana: Vom Teufelskraut zum Joint mit der Mama

Cannabis galt früher als Teufelskraut, das junge Menschen auf die schiefe Bahn bringt. Zuletzt haben zwei Staaten in den USA Marihuana als Genussmittel legalisiert. Wäre auch die österreichische Gesellschaft bereit?

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Harald Schubert – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Meistens kifft Heike zu Hause. Bis zu neun Joints können das an einem Wochenende werden, wenn die 16-jährige Gymnasiastin mit ihren Freunden in ihrem Zimmer einen Film anschaut und „entspannt“, wie sie es nennt. Manchmal kommt auch ihre Mutter dazu, nimmt einen Zug, begutachtet, „ob der Stoff gut ist oder nicht“ und geht wieder. „Solange ich schulisch alles auf die Reihe kriege, ist es okay“, sagt Heike und zuckt mit den Schultern. „Und ich glaube nicht, dass ich so matschig wirke.“

Cannabis zu rauchen ist Alltag geworden. Eltern tun es. Ihre Kinder tun es. Und manchmal tun sie es auch gemeinsam. Längst ist es nicht mehr „das Kraut mit den Wurzeln aus der Hölle“, wie es amerikanische Sittenwächter in den Dreißigerjahren genannt haben. Als „Staatsfeind Nummer eins“ hat man es damals im berüchtigten Anti-Cannabis-Film „Reefer Madness“, in dem eine Gruppe Jugendlicher nach dem Konsum des Teufelskrauts zu vergewaltigen und morden begann, bezeichnet. Heute kann man über den Film nur schmunzeln. Im November des Vorjahres haben ausgerechnet im prüden Amerika die Wähler in Colorado und Washington für eine völlige Legalisierung von Marihuana gestimmt. In Zukunft sollen Erwachsene, die älter als 21 Jahre sind, Gras anbauen und besitzen dürfen. Nicht zu medizinischen Zwecken, sondern als legales Genussmittel. Ist das der Paradeentwurf für andere Länder? Ist der Joint am Abend bald genauso Normalität wie das Achtel Rotwein nach der Arbeit?

„Wir sind alle in dieser Cannabiskultur groß geworden, selbst jüngere Pensionisten. Viele haben Erfahrungen damit gemacht. Das hat zu einer gewissen Normalisierung geführt“, sagt Psychologe Alfred Uhl. Er ist Leiter der Suchtpräventionsforschung und Dokumentation am Wiener Anton-Proksch-Institut. Viel hat sich geändert. Selbst die Hypothese, dass es sich bei Cannabis um eine Einstiegsdroge für härtere Substanzen handelt, haben viele Experten fallen lassen. Und die Zeiten, als Cannabis die Anti-Establishment-Droge einer rebellischen Hippie-Generation war, sind auch längst vorbei.


Jugend mit Erfahrung. „Drogenkonsum funktioniert heute häufig völlig ideologie- und utopiefrei als Stimmungsmacher und Dröhnung, die man sucht und braucht, um mit einem System zurechtzukommen, in dem man sich nicht immer gut fühlt, gegen das man sich aber auch nicht allzu sehr auflehnt“, sagt Beate Großegger, wissenschaftliche Leiterin des Wiener Instituts für Jugendkulturforschung. Laut aktuellem Drogenbericht hat in Österreich jeder siebente Jugendliche unter 15 Jahren schon einmal am Joint gezogen, bei den 17-Jährigen ist es fast jeder Dritte. Die Zahlen der jugendlichen Cannabis-Konsumenten sind über Jahre stabil geblieben.

Heike und ihre Freundinnen, Petra und Matilda, waren 14 Jahre alt, als sie das erste Mal Marihuana geraucht haben. Rebellieren mussten die Mädchen nicht. Sie stammen alle aus toleranten Elternhäusern, wo es auch schon einmal vorkommen kann, dass ein Vater es lieber sieht, wenn seine Tochter kifft, als dass sie sich mit Alkohol volllaufen lässt. Keine verwahrlosten Jugendlichen sind diese jungen Frauen in ihrer hippen Kleidung, mit gepflegten Haaren und den Plänen, einmal groß in der Kunst oder im Journalismus Karriere zu machen. Sie haben Nebenjobs, die sie aus Spaß machen, die Schule, die sie als Pflichtprogramm absolvieren, und eben das Wochenende, an dem manchmal ein Joint geraucht wird. Falls Cannabis in Österreich jemals legalisiert werden sollte, haben sie klare Vorstellungen was passieren wird. „Ich glaube nicht, dass ich mehr rauchen würde, höchstens mehr in der Öffentlichkeit“, meint Heike. Angst, von der Polizei aufgehalten zu werden, hat das Mädchen mit den rocken Locken bereits heute nicht, wenn sie auf offener Straße Gras raucht. Ihre Freundin Petra erhofft sich bei einer Legalisierung vor allem eine bessere Qualität, oft genug wurde ihr „gestrecktes Zeug“ angedreht, von dem ihr schlecht wurde.

Zu beschaffen ist das Gras leicht, vergangenes Jahr hatten die Schülerinnen gleich drei Dealer in ihrer Klasse, die ihnen die Droge besorgen konnten. Vor 20 Jahren musste ein Jugendlicher noch größere Strapazen auf sich nehmen, erinnert sich Günther S. Der heute 42-jährige Bankangestellte wird nie die Lokale auf der Gumpendorfer Straße vergessen, die er aufsuchen musste, um an sein Kraut zu kommen.

100 Schilling pro Gramm. Eistee und Cola hat es dort gegeben, konsumieren musste jeder Gast ein Getränk. Wenn sich das Lokal gefüllt hatte, öffnete sich irgendwann ein Hinterzimmer oder die Männertoilette und eine stämmige Gestalt verteilte den Stoff für 100 Schilling das Gramm. „Es war ein Gegenentwurf zu den Alkoholikern“, erklärt Günther S. seine damalige Motivation zu rauchen. Bis zu drei Joints hat er in seiner Jugend am Tag geraucht, mittlerweile konsumiert er diese Menge im Monat.

An Cannabis heranzukommen ist heute um einiges leichter. Ja, es gibt sie noch, die Hinterzimmer in Lokalen, wo man für ein paar Euro ein Säckchen Gras oder Haschisch erstehen kann. Aber viele Konsumenten haben auch selbst die Initiative ergriffen und bauen ihre Hanfstauden im eigenen Wohnzimmer an. Das Zubehör dazu kann – zwar in einer rechtlichen Grauzone, aber im Grunde legal – in eigenen Hanf-Shops (siehe unten) erworben werden. Harald Schubert betreibt seit rund 15 Jahren sein Geschäft, Bushdoctor. Für ihn wäre eine Legalisierung in jedem Fall ein Vorteil. „Dann würden für uns ganz normale marktwirtschaftliche Regeln gelten.“

Doch ist Österreich bereit für ein weiteres legales Suchtmittel auf dem Markt? Die Österreicher glauben es nicht. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts OGM haben sich 2011 rund 77 Prozent aller Befragten für ein Verbot der Droge ausgesprochen, nur 17 Prozent sind für eine Legalisierung.

Schlechter Umgang. „Der Cannabiskonsum würde sprunghaft ansteigen mit allen problematischen Folgen, die es haben kann“, prognostiziert Wolfgang Dür. Der Gesundheitssoziologe ist Direktor des Programms „Health Promotion Research“ am Ludwig-Boltzmann-Institut in Wien. Ob die Österreicher denn vernünftig mit einem neuen Suchtmittel umgehen könnten? Dür zeigt sich äußerst skeptisch: „Das kriegen wir beim Rauchen nicht hin, das kriegen wir bei Alkohol nicht hin, warum sollten wir das bei Cannabis hinkriegen.“

Lexikon

Cannabis. Der wissenschaftliche Begriff für die Pflanzengattung Hanf. Die Pflanze wird neben dem Gebrauch als Faser-, Heil- und Ölpflanze auch als Rauschmittel verwendet.

Marihuana. Die getrockneten, harzhaltigen Blütentrauben und Blätter der weiblichen Pflanze werden Marihuana (umgangssprachlich auch Gras) genannt.

Haschisch. Aus Pflanzenteilen der weiblichen Cannabispflanze wird Harz gewonnen, das zu Platten oder Blöcken gepresst wird.

THC. Abkürzung für Tetrahydrocannabinol.THC ist der Hauptwirkstoff der Cannabispflanze.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2013)

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