Die respektable Seite der Droge

12.01.2013 | 18:02 |  von Doris Kraus (Die Presse)

In Kalifornien kann man es leicht als Analgetikum kaufen, in Österreich bekommt man synthetisch hergestelltes THC nur über ein Schlupfloch im Suchtmittelgesetz.

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Die „Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin“ hat keinen Zweifel daran, welche Nebenwirkungen der Hanfdrogen Haschisch und Marihuana derzeit die gefährlichsten sind: Es sind alle jene, die direkt aus der Illegalität des Cannabis-Konsums resultieren, wie die fragwürdige Reinheit eines auf dem Schwarzmarkt erworbenen Produkts, die Dosierbarkeit und die Tatsache, dass man keine weiteren Forschungen über die medizinische Wirkung von Cannabis anstellen kann.

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Das aber wäre dringend notwendig, meint Kurt Blaas, praktischer Arzt in Wien-Neubau und Aktivist für den Einsatz von Cannabis in der Medizin. Denn Cannabis wird bereits etwa in den USA mit Erfolg vor allem in der Schmerztherapie angewendet. Unter anderem verstärkt es die Wirkung von Opiaten so, dass deren Dosierung reduziert werden kann.

Dabei kommt es allerdings auf die Art der Schmerzen an. Neuere Forschungen ergaben bei manchen Patienten nicht nur eine gesteigerte Hautsensibilität durch die Einnahme der Droge, sondern sogar eine höhere Schmerzempfindlichkeit.

Besonders bewährt hat sich Cannabis aber in der Behandlung von Nebenwirkungen der Chemotherapie (fördert den Appetit, verbessert die Stimmung) sowie bei multipler Sklerose oder Migräne – überall dort, wo durch eine Entspannung der Muskeln eine Linderung der Schmerzen eintritt. Auch beim Tourettesyndrom wird es gegen Krampfanfälle eingesetzt.

Synthetisches THC. In Österreich gibt es ein Schlupfloch, um aus medizinischen Gründen in den Genuss von Cannabis zu kommen. Tetrahydrocannabinol (THC), der psychotrope wie therapeutische Hauptwirkstoff, kann synthetisch hergestellt werden und gilt dann nicht als Zubereitung aus Cannabis nach dem Suchtmittelgesetz. Das unter „Dronabinol“ geführte Medikament muss vom Chefarzt bewilligt werden, dann werden die Kosten übernommen. Fehlt die Bewilligung, kann die Arznei aber auch gegen Bezahlung in der Apotheke bezogen werden. Voraussetzung dafür ist allerdings ein Suchtmittelrezept – und eine Apotheke, die das Medikament anbietet. Die meisten Patienten nehmen Cannabis als Tropfen, Mundspray oder Kapseln, geraucht wird es von den wenigsten.

Auch high wird man bei der medizinischen Verwendung von Cannabis nicht unbedingt. Die erwünschte therapeutische Wirkung tritt nämlich meist bereits bei Dosierungen unterhalb der psychotropen Schwelle ein. Dennoch bleibt das Hauptargument gegen Cannabis in der Medizin die Angst vor Abhängigkeit. Noch vor einigen Jahren schrieben deutsche Experten in einem Bericht an den Bundestag: „Cannabis ist eine berauschende Substanz, deren Konsum grundlegend gesundheitsgefährdend ist.“ Im Jahr 2011 wurde allerdings auch in Deutschland der Weg zur Herstellung cannabishältiger Arzneien gegen Schmerzen durch eine Änderung des Betäubungsmittelgesetzes grundsätzlich frei gemacht.


Keine Suchtgefahr? Befürworter von Cannabis in der Medizin argumentieren, dass die Chance, süchtig zu werden, sehr gering ist, wenn der Stoff unter ärztlicher Aufsicht eingenommen wird. Kritiker halten dagegen, dass das eigentlich für medizinische Zwecke gedachte Cannabis noch immer viel zu oft seinen Weg auf die Straße findet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2013)

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