Tanzen: Stillstand ist Rückschritt

17.01.2013 | 14:57 |  von Sabine Hottowy (Die Presse - Schaufenster)

Wem der Dreivierteltakt zu lahm ist, der soll es doch mit ein paar neuen Hobbys versuchen: Lindy Hop, Voguing oder Hoop Dance bieten sich an.

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Links, rechts, tap und auf geht’s ­– das Parkett ist frei, der geneigte Tänzer hat Hochsaison, seine Einsatzgebiete sind weitläufig. Als Traditionalist dreht man sich im Redoutensaal der Wiener Hofburg, Anhänger der bequemen Wäsche tanzen Polka auf dem „Ball der Gewichtheber“ im Schutzhaus, andere bleiben im Wohnzimmer und walzen die Couch zur Seite, damit die Übertragung des Staatsballs aus der Oper bei den Nachbarn von unten besser ankommt. Egal ist in jedem Fall, wo man es tut, Hauptsache, man tut es: tanzen. Tanzen vertreibt nicht nur die Zeit zwischen debütantischer Polonaise und Tombola, Tanzen passt auch zur Jetzt-bin-ich-sportlich-Einstellung in den Tagen nach dem Neujahrskonzert. Abseits vom klassischen Pas de bourrée und dem Elmayer’schen Ball-Blitz-Kurs treffen hier ein paar junge Tanztrends zusammen. Wobei so mancher, was seine Entstehungsgeschichte anbelangt, schon im Greisenalter angekommen ist. Der Lindy Hop zum Beispiel.

Immer schön bouncen. Lindy Hop existiert seit gut 80 Jahren, auch wenn er zwischenzeitlich in den Ruhestand ging. Seit einigen Jahren erlebt er ein Comeback. Glenn Miller, Louis Prima oder Benny Goodman geben wieder den Ton an. Und das passt zu den Burlesque-Shows und Swing-Wochenenden in Volkstheater, Wirr und Café Leopold – genauso wie Stricken mit Mutti und Wandern mit den Cousins: Rezessionschic ist angesagt. In wirtschaftlich kargen Tagen wägt der Mensch seine Werte ab und wendet sich oftmals gern der (Unterhaltungs) Kultur alter Tage zu. Und wenn Frau schon im Vintage-Kleid steckt und Herr mit dem taillierten Anzug liebäugelt, dann ist der nächste Tanzkurs nicht weit. Die Wurzeln des Lindy Hop liegen in den 1930er-Jahren. Mit federnden Knien, akrobatischen Wurfeinlagen und wechselndem Führungsverhältnis kreiselten sich die Paare damals in Richtung Rock ’n’ Roll. Heute organisiert der Verein IG Hop laufend Kurse. Über die Motivation der Anfänger kann man dort nicht viel sagen: „Lindy Hop ist kommunikativ, schaut elegant und zugleich lustig aus, wahrscheinlich sind das die Attribute, die ihn anziehend machen“, vermutet Oreenie Vout von der IG Hop. Er gibt aber zu bedenken: „Lindy Hop zu lernen ist nicht leicht und bedarf eines intensiveren Sich-Einlassens in die Materie.“ Wem das zu aufregend ist, kann es fürs Erste mit dem Discofox aufnehmen. Der ist und bleibt in Mode, weiß Wolfgang Wagner, Präsident des Tanzlehrerverbands Österreichs. „Discofox wird stark getanzt, vor allem, weil es sich um einen Einheitsschritt handelt, der zu allem passt.“

Strike a pose! Neues gibt es auch im urbanen Sektor. Joachim Kapuy von der Impulstanz Crew, die heuer ihren 30er feiert, sieht zwei Strömungen: Während in Europa die Anhänger des athletischen Tanzsports Parkour elegant Hindernisse im öffentlichen Raum überwinden, setzt der bekannte Choreograf Trajal Harrell in New York auf Voguing. Also hoch auf die Zehenspitzen und mit strammen Beinen und kantigen Armbewegungen der fiktiven Kamera schmeicheln. Voguing entstand im New York der 1960er-Jahre, der Legende nach auf der Gefängnisinsel Rikers Island, auf der Häftlinge die Titelseiten von Glamour-Heften parodierten. Weiterentwickelt wurde der Stil von der afroamerikanischen Schwulenszene. Mit selbst geschneidertem Pomp und im Geheimen – 1960 war Homosexualität in den meisten Staaten der USA nicht legal. Im Zuge der Bürgerrechtsbewegung entwickelte sich Voguing dann zum Manifest, der Tanz war ein politisches Bekenntnis gegen Ausgrenzung, fürs Anderssein. Der Manager der Sex Pistols, Malcolm McLaren („Deep In Vogue“), und Madonna („Vogue“) machten den Trend massentauglich. Heutzutage mischt man ein bisschen Hip-Hop und Modern dazu; dieser Mix findet sich dann etwa bei Beyoncé und Lady Gaga.

Bei der Stange bleiben. Nachdem er in Australien und den USA schon seit etwa zehn Jahren geläufig ist, setzt sich der Pole Dance nun auch in der schüchternen Alpenrepublik immer mehr durch. Woher kommt der Aufschwung? „Frauen und Männer erkennen, dass es hier nicht nur darum geht, mit dem Popo zu wackeln, sondern dass es sich definitiv um hartes Training handelt“, glaubt Mona Arbinger, die Inhaberin mehrerer Polearts-Studios. Sie selbst reizen „die ästhetischen und flüssigen Bewegungen. Poledance ist eine sehr junge Tanzsportart. Immer wieder gibt es neue Tricks, Spins, Kombis und Übergänge.“

Pole ist ein feminines Work-out, das sein Rotlicht-Aroma längst verloren hat. Es geht um eine positive Selbstwahrnehmung und ein gesundes Körperbewusstsein. Arbinger dazu: „Unser Programm ist sehr weiblich gestaltet, somit finden sich bei uns 99 Prozent der Frauen wieder.“ Was im englischsprachigen Raum ebenfalls boomt, ist Hoop Dance. Als Tanzgerät dient hier eine alte Modeerscheinung, der Hula-Hoop-Reifen. Lisa Pfleger bietet Kurse an und schwärmt von der Kombination aus freiem Tanz und den Reifentricks: „Können muss man gar nichts, es geht viel um Körpergefühl und das richtige Gespür, aber das entwickelt man sowieso.“

Die Stangen haben den Hoops aber vielleicht bald fünf Ringe voraus. Bei den Olympischen Sommerspielen 2016 soll Poledancing als Demonstrationssportart eingeführt werden, dafür kämpft die World Pole Sport Federation. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, bedenkt man, dass im Olympischen Komitee durchwegs Männer sitzen. Werbekunden und Zuschauer lassen sich mit dieser Disziplin sicher ganz gut bei der Stange halten.

TIPP
Tanzkurse für Freunde des Lindy Hop, Charleston und Swing über www.ighop.at
Voguing am Pier15, Sparkassaplatz 3, 1150 Wien, www.supersoulme.com
Poledance in Wien und Umgebung siehe www.polearts.at
Hula Hoops und Hoop-Dance-Kurse auf www.hoopdance.at.

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