Kalorienzählen für Kinder: Eine Siebenjährige auf Diät

Der Diätwahn erobert auch die letzten Bastionen: Nicht nur Mütter haben direkt nach der Geburt wieder auszusehen wie vor der Schwangerschaft, auch Kinder sind vor dem Kalorienzählen nicht mehr gefeit.

Kalorienzaehlen fuer Kinder Eine
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Kalorienzaehlen fuer Kinder Eine
(c) BilderBox (Wodicka BilderBox com)

Früher, in der guten alten Zeit, galt schlank auch schon als schön, machten Frauen auch schon Diäten. Um nach den Feiertagen wieder ins Lieblingsgewand zu passen, im Sommer die berühmte Bikinifigur zu erreichen oder beim nächsten „Anlass“ im Wortsinne eine gute Figur zu machen. Die Wege dorthin reichten immer schon von Geheimtipps wie hart gekochten Eiern – und zwar nur hart gekochten Eiern – bis zur erstaunlicherweise immer wieder erfolgreichen Methode des weniger Essens und mehr Bewegens.

Aber es gab Grenzen, Ausnahmen: Schwangere durften zunehmen, und die öffentliche Meinung fand es verzeihlich, wenn nach der Geburt nicht sofort alle Pfunde verschwunden waren. Und Kinder durften Eis und Schokolade essen, „das wächst sich noch aus“, hieß es. Auch wenn das nicht immer für alle stimmte.

Diese Zeiten sind vorbei, inzwischen verschwinden Zelebritäten direkt nach der Entbindung und tauchen erst Monate später wieder auf, um ihren „Post-Baby-Body“ zu präsentieren. Und auch für Kinder gibt es scheinbar keine Schonfrist mehr.


Keine Monstermutter. In den USA sorgte im vergangenen April Dara-Lynn Weiss für Aufsehen, als sie sich bemüßigt fühlte, in der „Vogue“ einen Essay über ihren Leidensweg als Mutter zu veröffentlichen, nachdem sie ihr sieben Jahre altes Kind auf Diät gesetzt hatte. Jetzt ist ihre Geschichte auch als Buch auf den Markt gekommen, „The Heavy“ („Die Schwere“) lautet der Titel, der bezeichnende Untertitel: „Eine Mutter, eine Tochter, eine Diät“ – in genau dieser Reihenfolge. Darin erzählt die Autorin und Internetproduzentin – die selbst seit ihrer Highschool-Zeit permanent auf unterschiedlichsten Wegen damit beschäftigt ist, ihr Gewicht zu kontrollieren – von ihrem Kampf mit dem Appetit der Tochter, den Reaktionen des privaten Umfelds und später auch der Medien.

Die Beschimpfungen der New Yorkerin als „Monstermutter“ in einigen Medien greifen allerdings zu kurz, hier ist keine Eislaufmutti Amok gelaufen, hat keine Model-Mama versucht, einen Vorzeige-Size-Zero-Teenager heranzuziehen. Auslöser für das Projekt Diät war die Diagnose Adipositas, die ihr Kinderarzt mit der Botschaft „Jetzt müssen Sie etwas unternehmen“ überbrachte, als Tochter Bea sieben Jahre alt, 1,34 Meter groß und 42 Kilo schwer war. Und Weiss unternahm etwas.

Ab sofort waren Beas Lebensmittel nach einem Programm der Kinder-Ernährungsexpertin Joanna Dolgoff in grüne (gute), gelbe (naja) und rote (böse) Lebensmittel eingeteilt, es gab genaue Kalorienangaben für jede Mahlzeit, die nicht überschritten werden durften, und jeden Freitag einen Termin bei der Ernährungsberaterin, bei dem das Kind auf der Waage den Erfolg oder Misserfolg der Vorwoche ablesen konnte.

Fanatische Kalorienjagd. Um die Tochter durch die Diät nicht zur Außenseiterin in der Familie werden zu lassen, waren auch die Eltern und der jüngere Bruder in das rot-gelb-grüne Programm eingebunden, allerdings nur mit mäßigem Erfolg, da jeder in der Familie mehr essen durfte – und trotzdem schneller Gewicht verlor als Bea. Und was am heimischen Mittagstisch ohnehin schon kein allzu großes Vergnügen war, entwickelte sich für die immer verbissener jede Kalorie jagende Mutter in der Öffentlichkeit zu einem regelrechten Drama. In den Hauptrollen: Betreuerinnen, die Bea fettarmes Joghurt mit Mandeln geben („Sieben Kalorien für eine dieser winzigen Nüsse – warum sollte das irgendjemand essen, der versucht, Gewicht zu verlieren?“), Eltern von Schulfreunden, die dem Kind einen Müsliriegel statt der exakt 100 Kalorien zählenden Portion Minibrezeln anbieten („Natürlich ist so ein Vollwert-Apfel-Müsliriegel nahrhafter als Beas Snack, aber er hat auch 40 Prozent mehr Kalorien!“) und Babysitter, die dem Kind eine kleine Schale Ramen-Suppe vor dem Gymnastikunterricht servieren („Ich war völlig fassungslos angesichts der Suppentasse“).

Als Bea nach dem „Französischen Tag“ in der Schule heimkommt und Brie, Baguette und Mousse au Chocolat gekostet hat, macht das Kind erste Bekanntschaft mit dem Thema „Dinner Cancelling“; und kurz darauf lernt ein Starbucks-Barista den Zorn einer Mutter kennen, die aufgebracht einen halb vollen Becher Kakao wegschüttet, weil er Schlagobers dazugegeben hat. Bei McDonald's werden endlose Diskussionen mit dem Personal geführt, wie viele Kalorien welches Gericht nun ganz genau hat; die Frage, warum man mit einem adipösen Kind überhaupt zu McDonald's geht, stellt sich nicht.

Richtiggehend besessen von dem Ziel, ihre Tochter in einem Land, in dem ernsthaft diskutiert worden ist, Eltern fettsüchtiger Kinder das Sorgerecht zu entziehen, wieder in den Bereich des Normalgewichts zu bringen, wird „schlank“ für Weiss zum Synonym für „gesund“. Industriell verarbeitete Lebensmittel mit wenig Kalorien aber vielen Inhaltsstoffen avancieren zu den neuen Helden im Alltag der vorher eher vollwertig denkenden Mutter.

Und obwohl weder Sport und Bewegung noch die Frage, warum das Kind sich von klein auf immer hungrig fühlt, kaum eine Rolle spielen, ist das Ziel nach einem entbehrungsreichen Jahr erreicht: Bea darf wieder als normalgewichtig bezeichnet werden, das böse Wort „adipös“ schwebt nicht mehr über der Mutter – und die „Vogue“ interessiert sich brennend für einen Essay zu dem Thema.


Gewaltiger Shitstorm. Weiss ist sofort begeistert von der Idee, „meine Geschichte“ zu erzählen, und nach einigem Zögern stimmt auch die erschlankte Bea dem Bericht samt Fotoshooting zu. Nachdem der Artikel erschienen ist, bricht ein gewaltiger Shitstorm los, auf Internetplattformen aller Art empören sich Eltern über die „Diät-Mom“, wobei es nicht darum geht, dass ein adipöses Kind im Gewichtsverlust unterstützt wird, sondern um die harsche, unbarmherzige und bloßstellende Art, mit der das Kind diszipliniert und jetzt der Öffentlichkeit vorgeführt wurde.

Auf dem Frauenblog jezebel.com überschlagen sich die Postings, hier distanziert sich schließlich auch Ernährungsberaterin Dolgoff von der Mutter, die das Programm nach einigen Monaten auf eigene Faust weitergeführt hatte, und weist darauf hin, dass der emotionale Aspekt des Gewichtsproblems bei Bea während der ganzen Zeit vollständig ignoriert worden sei.


Medium mit Modelmaßen.
Dass ausgerechnet die Modelmaße preisende „Vogue“ als Medium für die Publikation ausgewählt wurde, erhitzt die Gemüter zusätzlich – und wird heute von Dara-Lynn Weiss neben dem Veröffentlichen der Bilder als einer der wenigen Fehler gesehen, die sie möglicherweise gemacht hat. Davon abgesehen sieht sie sich aber bis heute als kämpfende Mutter, die es aus Liebe zu ihrem Kind auf sich genommen hat, unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen.

Zumindest die Werbetour für ihr Buch absolviert Weiss jetzt allerdings allein, Tochter Bea ist aus den Medien völlig verschwunden. Und das soll auch auf absehbare Zeit so bleiben. „Ich habe erkannt, dass das meine Geschichte ist, nicht ihre“, erklärte die Mutter jetzt in einem Interview mit der „Huffington Post“. Und das war sie wohl von Anfang an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2013)

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