Das Geschäft mit dem Hangover

09.02.2013 | 18:19 |  von Karin Schuh (Die Presse)

Regelmäßig zur Faschingszeit tauchen sogenannte Anti-Hangover-Drinks auf, die den Kater bekämpfen wollen – um dann bald selbst wieder zu verschwinden.

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Ob jede Gesellschaft die Produkte bekommt, die sie verdient, sei einmal dahingestellt. Eine Produktkategorie zumindest taucht seit Jahren verlässlich um diese Zeit, also im Fasching, auf, um dann recht rasch wieder zu verschwinden: die Anti-Kater-Drinks, die den Alkoholabbau fördern sollen. Neuerdings erscheinen diese meist bunten Wässerchen in mehr oder weniger professioneller Aufmachung und – man will ja zumindest nicht offiziell zum Alkoholtrinken animieren – als Anti-Hangover-Drinks. Auf genauere Nachfrage bezieht sich dieser Hangover dann auch nicht unbedingt auf Alkoholkonsum, sondern einfach auf unsere Hochleistungsgesellschaft. Auch ein Weg, um mit dem Problem des hohen Stellenwerts von Alkohol in unserer Gesellschaft (inklusive Missbrauchs und negativer Folgen) umzugehen.


Strengere Gesetze. „Alljährlich zu dieser Zeit poppen solche Produkte auf, sie halten sich aber meist nicht lange“, sagt dazu Markus Zsivkovits, Ernährungswissenschaftler und Lebensmittelgutachter der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages). Ab heuer haben es die Drinks, die meistens via Online-Versand oder in der Gastronomie verkauft werden, aber besonders schwer. Seit 14.Dezember 2012 ist nämlich eine neue EU-Regelung in Kraft, nach der gesundheitsbezogene Angaben einer zentralen Zulassung der EU unterliegen. „Und die ist derart streng, dass sie rund 90 Prozent der Antragsteller nicht bekommen“, so Zsivkovits. „Für eine Angabe hinsichtlich des verstärkten Abbaus von Alkohol gibt es das sicher nicht.“

Für die Anti-Hangover-Drinks wie Noho, Der Drink oder Kaahée, die derzeit auf dem österreichischen Markt sind (beziehungsweise Letzterer ab März sein wird), bedeutet das also: Verkauft dürfen sie zwar werden, handelt es sich doch um alkoholfreie Erfrischungsgetränke oder Nahrungsergänzungsmittel. Wer aber mit gesundheitsbezogenen Angaben à la „wirkt gegen Katerbeschwerden“ oder „verstärkt den Abbau von Alkohol“ werben will, hat es schwer. „Das wird erstens wissenschaftlich geprüft und zweitens auch noch politisch“, so der Lebensmittelprüfer. Und dass Letzteres in Bezug auf Umgang mit Alkohol positiv ausgeht, bezweifelt er. Schon jetzt werden die meisten solcher Produkte eher im Verborgenen – also online oder auf Partys – verkauft. Manchmal geht das auch gut, spätestens wenn ein Mitbewerber aufmerksam wird und das Produkt bei einer zuständigen Behörde prüfen lässt, ist es aber wieder vorbei.

Fragt man bei den Herstellern nach, will sich natürlich jeder von der Konkurrenz abheben und mit dem Thema Alkohol nichts zu tun haben. Verena Thiem, die gemeinsam mit Lukas Keindl den amerikanischen Drink Noho im vergangenen Sommer auf den österreichischen Markt gebracht hat, meint dazu: „Unser oberstes Gebot ist ein verantwortungsvoller Umgang mit Alkohol.“ Die Verpackung des Drinks, der Extrakte von Ingwer und Kaktusfeige enthält, suggeriert allerdings etwas anderes. Die 60-ml-Shots, die im Doppelpack verkauft werden – er soll vor und nach dem Alkoholkonsum getrunken werden –, werben jedoch mit den Sprüchen „Nie mehr Kater“ oder „The drink before you drink“. Auf die Frage, was dieser Drink kann, meint Thiem: „Man macht sich wie beim Sport im Vorfeld mit Mineralstoffen leistungsstärker.“ Als Faustregel gelte: „Alle fünf Getränke ein Noho.“


Modern Performers. Ähnlich argumentiert Julian Rauchdobler, der ab 1. März den Drink Kaahée auf den Markt bringt. Er formuliert hingegen etwas vorsichtiger und spricht von „Phasen erhöhter Lebensintensität“ und nennt seine Zielgruppe „modern performer.“ Beworben wird das Produkt mit Sprüchen wie „von peruanischen Schamanen seit Jahrtausenden überliefert und wissenschaftlich erforscht“ – was sich wohl eher auf die darin enthaltene Pflanze, die rote Kaktusfeige, als auf das Getränk beziehen dürfte.

Noch eine Spur vorsichtiger gibt sich Der Drink, der bereits seit knapp sechs Jahren auf dem Markt ist. Das Gemisch aus Ginkgo, Ginseng, grünem Tee, Artischockenextrakt, Mineralstoffen und Vitaminen wird mittlerweile auch über Apotheken als Nahrungsergänzungsmittel vertrieben. Wobei auch die Argumente des Gründers, Johannes Auersperg, in Richtung Alkohol gehen. „Man kann ihn mischen, etwa mit Bier oder Prosecco. Gerade bei Frauen wird nach dem dritten Glas immer rumgegackert, und vieles hat keinen Sinn mehr. Da kann der Drink beleben, man bleibt länger fit, weil er das Gehirn durchblutet.“ Na dann.

Die Drinks

Der Drink. Das österreichische Getränk ist seit 2007 auf dem Markt und wird als Nahrungsergänzungsmittel über Apotheken, Shops und in der Gastronomie verkauft.

Noho. Das amerikanische Getränk wird seit Sommer 2012 auch in Österreich in Shops und Tankstellen verkauft.

Kaahée. Das österreichische Getränk steht kurz vor der Markteinführung und wird ab 1. März via Event- und Szenegastronomie vertrieben.

Rebound. Das Getränk mit dem Slogan „feel better tomorrow“ ist seit dem Vorjahr auf dem deutschen Markt, hierzulande online erhältlich. iStockphoto

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2013)

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