Steampunks: Hansdampf in fremden Welten

09.02.2013 | 18:21 |  von Eva Winroither (Die Presse)

Sie sind Erfinder, Entdecker, Zeitreisende im Sinne Jules Vernes und für manche wohl etwas verrückt: Steampunks träumen von einer Zeit, in der alles mit Dampf betrieben wird.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Wer Dag Rauber und Matthias Richter so vor sich sieht, könnte meinen, sie sind aus einem anderen Zeitalter. Und irgendwie sind sie es auch. Die beiden tragen Gilets aus Leder, enge Hosen und Zylinder, die sie selbst gestaltet haben. Auf Matthias' Hut sind wiederum Goggles angebracht, die er zu Lampen umgebaut hat. Dag hat eine bronzefarbene Pistole aus Metal bei sich, so schwer, dass sie mit einer Hand kaum zu halten ist. Damit wird er auf Dinosaurier schießen, vielleicht auch auf Eindringlinge aus einer andere Welt – alles im Stil des 19.bis frühen 20. Jahrhunderts und mit Geräten, die ausschließlich mit Dampf betrieben werden.

Dag Rauber und Matthias Richter sind „Steampunks“. Die Bewegung ist verhältnismäßig jung. Erst Anfang 2000 wurde dafür ein (länderübergreifender) allgemein gültiger Begriff gefunden, auch wenn die Bewegung schon vorher begonnen hat, sich zu entwickeln. Im Film „Hellboy“ finden sich Steampunk-Elemente, so wie auch in „Wild Wild West“. Im Internet existieren zahlreiche Videos und Fotos von einer Szene, die die Vergangenheit romantisiert und mit Science-Fiction-Elementen aufgeputzt hat.

Steampunks versetzen sich in eine Welt, in der die Dampfkraft eine größere Bedeutung erlangt hat als Strom. Nicht nur Eisenbahnen werden mit Dampfmaschinen betrieben, sondern auch Computer, Luftfahrzeuge und Raumschiffe. Wobei das Wort „Punk“ für Rauber und Richter das „Selbstmachen“ bedeutet: Kostüme, Ausrüstung, Geräte – alles wird auf alt getrimmt und so umgebaut, als würde es mit Dampf betrieben. So haben sie die Zeitmaschine (aus einem alten Radio) gebastelt, den Abenteurergurt genäht und hunderte Dinge entworfen, die sich in Richters Wiener Wohnung auf den Tischen türmen. Eines der wichtigsten Accessoires: die Goggles, die immer Teil des Outfits sind.

Im Alltag führen der Kunstschmied (Richter) und der selbstständige Werber (Rauber) dann mit ihren Freunden Rollenspiele durch. „Wir sehen das als eine alternative Wirklichkeit“, sagt Rauber. Dort haben die beiden verschiedene Identitäten: Dag ist Anführer der Expeditionsgruppe, außerdem verrückter Wissenschaftler, Matthias der Techniker, der alles bauen kann.

„Für mich hat Dampf etwas Reines, er spiegelt den Forschersinn wider“, sagt Rauber, der seit etwa vier Jahren in der Szene aktiv ist. Kennen gelernt haben sich der gebürtige Deutsche und der Wiener in der Schule. Über Umwege sind sie beim Steampunk gelandet. Beide waren lange in der Mittelalterszene aktiv, haben in Verkleidung (in der Szene heißt das „Gewandung“) an Veranstaltungen teilgenommen. Rauber ist „Star Trek“-Fan, also auch in der Zukunft häufiger zu finden. Beide haben für jede Zeit eigene Charaktere.

Noch heute sind die beiden als Steampunks auf Mittelalter-Conventions unterwegs, nehmen an viktorianischen Picknicks in Wien teil. „Wir sagen dann immer, dass wir mit dem Luftschiff aus einer alternativen Zeit angereist sind“, erklärt Rauber. Es ist ja nicht so, dass es zwischen den Welten keine Missverständnisse geben würde. Zwischen ihren Rollen wechseln die beiden aber mühelos hin und her. „Man bekommt eine gewisse Übung“, sagt Rauber, wobei er sich bei dem Wort „Rolle“ verkrampft. „Für mich ist das keine Rolle, sondern Alltag“, sagt er. Es ist sein Lebensstil.

Flucht aus dem Alltag. Der 28-Jährige hat in Wien eine Ausbildung zum Designer angefangen, aber nicht abgeschlossen. Zu starr waren die Vorgaben der Schulen. Ist doch genau das Überwinden von Grenzen, was ihn an der Steampunk-Bewegung fasziniert. „Heutzutage wird wenig erfunden. Alles ist schon entdeckt. Nur schlafen, essen und duschen ist aber einfach nicht genug. Wir wollen etwas erleben“, sagt Rauber. „Man kann das schon als Flucht aus dem Alltag sehen“, fügt Richter hinzu. Als Kunstschmied macht ihm das Basteln am meisten Spaß. „Wichtig ist bei uns, dass alles eine Funktionalität hat“, sagt der 30-Jährige. Nichts wird zur Zierde am Outfit angebracht. Damit stehen sie im Gegensatz zur amerikanischen Bewegung, wo Steampunk gern als Modebewegung gesehen wird und die Kostüme mit Metallzahnrädern übersät sind.„Man muss aber sagen, dass es innerhalb der Szene 40 bis 50 verschiedene Meinungen gibt, was Steampunk ist“, sagt Rauber. Für sie hat die Bewegung ihren Ursprung in der Science-Fiction-Literatur, in Werken von Jules Verne und H. G. Wells.

Stammtisch gegründet. In Österreich, schätzen die beiden, umfasst die Szene etwa 500 Menschen. 220 gehören zum Wiener Kreis und treffen sich regelmäßig beim Steampunk-Stammtisch, den die beiden gegründet haben. Ihre Freundinnen und Frauen – Richter ist verheiratet – sind bei den meisten Events dabei, natürlich auch in Steampunk-Montur. „Man wird schon neugierig angeschaut“, sagt Rauber. Ihr altmodisches Outfit tragen die beiden trotzdem auch im Alltag. Meistens zumindest, denn als Selbstständiger hat Richter damit kaum ein Problem, Rauber dagegen wechselt als Eventmanager und Werber schon immer wieder in einen unauffälligen Anzug.

Irgendwann, so hoffen sie, können sie ihr Hobby einmal zum Beruf machen. Vielleicht als Filmausstatter arbeiten und Requisiten entwerfen. So wie es derzeit aussieht, ist das zwar Zukunftsmusik, aber für Rauber und Richter hat die Zukunft schließlich schon begonnen – irgendwie.

Dampfwolken

Steam-Heart heißt das Label, das Rauber und Richter gegründet haben. Auf der Plattform wird Equipment präsentiert, aber auch Steampunk-Veranstaltungen werden angekündigt. Alle paar Wochen findet ein Stammtisch statt.
http://steam-heart.deviantart.com

Rund 500 Personen umfasst die heimische Steampunk-Szene. Mehr als 200 davon leben in Wien und sind auch auf Facebook unter „Steam-Heart“ organisiert.

Filme wie „Hellboy“ oder „Wild Wild West“ beinhalten typische Steampunk-Elemente.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2013)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

1 Kommentare
0 0

kleine Korrektur

Zu Beginn möchte ich einmal ein großes Lob an unsere Journalistin aussprechen, die ein großes Interesse an diesem Thema gezeigt hat und die Flut an Informationen geduldig über sich ergehen hat lassen. Sie hat so ziemlich das Wichtigste in Ihrem Bericht festgehalten jedoch anscheinend eine Sache mißverstanden...

Im Artikel wird erwähnt, dass meine Lampen-Goggles und die Zeitmaschine (der Inter-Temporal-Permutator) Umbauten seien. Das stimmt so nicht ganz. Es handelt sich dabei (wie bei fast allen meinen Arbeiten) um 100% Eigenbau! Selbst Dinge wie der Drehknopf, die Datumsanzeige und die Zeitfeld-Iris habe ich selbst entworfen und angefertigt (per Hand aus Blechen ausgesägt, gedreht, gefräst...). Die einzigen Fertigteile die ich hierbei verwendete waren LEDs und die Plasmascheibe!

Wer mehr über unsere Arbeiten und deren Entstehung erfahren will ist herzlich eingeladen unsere Homepage zu besuchen und uns über diese (oder Facebook) zu kontaktieren!

MfG
Matthias

AnmeldenAnmelden