Quantified-Self-Bewegung: Die Vermessung des Ich

Körperfett, Stresslevel und zurückgelegte Schritte: Immer mehr Menschen messen ihren Körper und teilen die Daten im Internet. Gerade nach dem NSA-Skandal stellt sich die Frage, was mit diesen Daten passiert.

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QuantifiedSelfBewegung Vermessung – (c) www.BilderBox.com (www.BilderBox.com)

Die Szene löst Gänsehaut aus: Die 30-jährige Biologin Mia Holl steht vor der Anklagebank. Die Richterin fixiert sie mit bösem Blick, während die Protokollführerin nach Mias Oberarm greift und den Chip herausnimmt, der sich wie bei jedem Bürger unter der Haut befindet. Damit wird gemessen, wie Mia mit ihrem Körper umgeht. Der Grund für ihre Vorladung und schließlich die Verurteilung zu einer Geldstrafe: Sie hat eine Zigarette geraucht.
Die Szene stammt aus dem Roman „Corpus Delicti“ von Juli Zeh. Darin zeichnet sie ein düsteres Bild einer Gesellschaft, in der der Staat die Körperfunktionen seiner Bürger kontrolliert. Die Dystopie ist 2009 erschienen, und so gut wie allen Gesprächspartnern, die sich mit dem Phänomen der Vermessung des Körpers beschäftigen, ein Begriff. Dem Befürworter genauso wie dem skeptischen Datenschützer, dem Technikfreak ebenso wie der Autorin, die das Phänomen untersucht hat. Erst unlängst diskutierte Zeh spätnachts im ZDF mit dem Populärphilosophen Richard David Precht über das Thema. Sie glaubt, dass wir uns „im Übergang von einer Welt des Geistes in eine des Körpers und des Körperkults“ befinden.

Worauf die Autorin anspielt, ist die sogenannte Quantified-Self-Bewegung (QS), eine in den USA ursprünglich für den Sport entwickelte Methode, die eigenen Körperfunktionen mittels technischer Geräte wie Handy-Apps oder Körperwaagen zu messen. Ganz neu ist das freilich nicht, Joggingbänder und Pulsuhren gibt es schon lange, doch durch das Aufkommen der Smartphones und die Tendenz, selbst kleinste Geräte mit dem Internet zu verbinden, gibt es eine neue Komponente in der Selbstvermessungswelt: Man kann die ermittelten Daten nicht nur archivieren, man kann sie auch mit aller Welt teilen. Wer möchte, kann also sein aktuelles Gewicht laufend via Twitter verkünden oder die Freunde auf Facebook mit Geschwindigkeit und Dauer der letzten Joggingrunde updaten. Schritte, Körperfett, Blutdruck, gelesene Buchseiten, am Computer verbrachte Stunden, Stress, Geld, das man ausgegeben hat – das ist nur ein Auszug jener Dinge, die man heute automatisch messen lassen kann, und sich damit gewissermaßen auf die Spuren von Leonardo da Vinci begibt.

Knowledge by numbers. Das Motto der Bewegung, die von den Gründern des „Wired“-Magazins, Gary Wolf und David Kelly, 2007 ins Leben gerufen wurde, lautet: „Knowledge by numbers – Selbsterkenntnis durch Zahlen“. In kleinen Meet-ups treffen sich die Selftracker, wie man die Selbstvermesser auf Englisch nennt, um sich auszutauschen. Der Ingenieur, Blogger und Technik-Trendscout Florian Schumacher hat die QS-Bewegung, so die Abkürzung, 2011 in Deutschland etabliert. Er sagt, bei den Treffen würden weniger „Power User“ als viel mehr Produktentwickler und technikaffine Menschen zusammenkommen. Es ist also in erster Linie Neugierde, die die Selftracker antreibt. Und wo bleibt der Sicherheitsgedanke – gerade angesichts des jüngsten NSA-Skandals, der aufzeigte, dass der US-Geheimdienst automatisch jeden E-Mail-Verkehr, jedes Chatprotokoll mitliest? Wie weit entfernt sind wir von Juli Zehs Dystopie? Im Gesundheitswesen kommen wir ihm mit der elektronischen Gesundheitsakte schon recht nahe. So düster wie Juli Zeh sieht Schumacher die Sache nicht. In „Corpus Delicti“ hätten die Menschen nämlich keine freie Wahl mehr, diese sei aber Grundlage des Selbstvermessens. Dass es beim Selftracking automatisch immer um das Teilen der Daten gehe, hält er für ein Vorurteil. „Manche Dienste haben keinen Zugriff auf das Internet.“

Wie ein Stützrad für den Körper. Selftracker wollen sich in erster Linie selbst besser kennenlernen oder leichter an ein Ziel – etwa Gewichtsverlust oder Muskelaufbau – kommen. Das sei wie mit dem Stützrad beim Fahrrad: „Wenn man etwas daraus gelernt hat, braucht man das Tool nicht mehr.“

Auch Bart de Witte, Leiter des Gesundheitswesens für Zentral- und Osteuropa bei IBM, sieht Selftracking als Stützrad für seine Gesundheit: „Ich habe meine DNA-Daten vor vier Jahren an 23andme.com abgegeben und dadurch von Gesundheitsrisken erfahren, die ich mit Gewichtsreduktion oder Lebensumstellungen reduzieren kann. Kurz danach hatte ich meine Waage, twitterte mein Gewicht und meinen Blutdruck. 18 Monate später hatte ich 15 Prozent meines Körpergewichts verloren.“ Die Selbstvermessung funktioniere wie die Anzeigetafel im Auto. „Stellen Sie sich vor, Sie hätten keine Warnleuchten, wenn der Öldruck oder andere Messwerte nicht stimmen.“ Der gebürtige Belgier möchte demnächst das erste QS-Meet-up in Wien initiieren, denn bisher gab es solche Treffen in Österreich noch nicht.
Dass die QS-Bewegung männlich dominiert ist, stimmt übrigens nur teilweise. Ja, die Affinität zu technischen Spielereien sei bei Männern häufiger vorhanden, die Hauptnutzer von Schrittzählern und Körperwaagen seien aber Frauen, sagt Florian Schumacher.

Körper als Maschine. Eine zweite häufig genannte Motivation für Selbstvermesser ist die Suche nach dem eigenen Körpergefühl. Die deutsche Autorin Ariane Greiner und der Journalist Christian Grasse, die in ihrem Buch „Mein digitales Ich“ eine distanzierte Bestandsaufnahme der QS-Bewegung gemacht haben (siehe Interview), erzählen, was Forschungen zeigen: Männer hätten kein Körpergefühl, der eigene Körper sei für viele „eine Maschine, die an ihnen dranhängt, die nur auffällt, wenn sie nicht funktioniert“. Deshalb begrüßen Ärzte und Forscher das neue Interesse des Mannes am Körper. Das birgt aber auch Gefahren, etwa den Verlust der gesunden Körperwahrnehmung und die Sucht nach einem Gerät, das sagt, wie der Körper tickt.

Die QS-Bewegung naturgemäß besonders skeptisch sieht der Wiener Datenschützer Georg Markus Kainz, der jedes Jahr den „Big Brother Award“ an Datenschutzfeinde vergibt. Das Grundproblem sei, dass viele Unternehmen vor allem an die Messdaten herankommen wollen, um mehr über ihre Kunden zu erfahren. Gerade bei billigen Geräten wie Sportuhren könne man die Daten überhaupt nur via Internet und nicht auf einem Offline-Gerät auslesen. „In unserer digitalen Welt sind Daten weltweit vernetzt. Und der NSA-Skandal zeigt: Was technisch möglich ist, nutzen die Behörden bereits.“

Zudem gibt er zu bedenken: „Daten, die wir heute sammeln und gut finden, müssen morgen nicht automatisch immer noch für gut befunden werden.“ Was rät er Nutzern, die sich Sorgen um ihre Daten machen? „Die Geräte nicht kaufen.“ Wer vom Anbieter gezwungen werde, seine persönlichen Daten preiszugeben, der solle zu einem anderen gehen. „Noch gibt es die Wahlmöglichkeit.“ Das sei vergleichbar mit dem Biotrend: Wenn die Nachfrage steigt, wird es einen Markt für datenschutzmsichere Produkte geben. Ähnlich wie 1848, als die bürgerliche Gesellschaft Menschenrechte formuliert hat, brauche es heute einen Kodex für die vernetzte Welt.

Ein mit dem Selftracking verwandter Trend ist das Lifelogging: Mit speziellen tragbaren Minikameras wird automatisch jede Minute des Lebens fotografisch festgehalten – es ist die ausgelagerte Erinnerungsmaschine, die die eigene Sterblichkeit verhindern soll. Auch dieses Phänomen ist freilich nicht ganz neu. Die Kunst war hier einmal mehr Vorreiter. Der Fotograf Noah Kalina war im Millennium-Jahr einer der Ersten, der täglich ein Selbstporträt machte, die Fotos ins Netz stellte und in einem sieben Minuten langen Zeitraffervideo aneinanderreihte. Einziger Effekt dieses Langzeitprojekts: Der Alterungsprozess wird sichtbar. Bleibt die Frage: Wollen wir das überhaupt, unseren Verfall bestaunen?

Damit hat alles begonnen: Apps, die die Sensoren von Smartphones nutzen, um die Aktivitäten des Handybesitzers aufzuzeichnen.

Nokia hatte den „Sports Tracker“ für Symbian-Smartphones und Apple eine Kooperation mit Nike, um den iPod als Trainingsbegleiter zu optimieren. Der Trend, seine sportlichen Leistungen aufzuzeichnen und Freunden und potenziellen Neidern zu präsentieren, kam bereits vor einigen Jahren ins Rollen – heute sind die „App Stores“ der Smartphone-Systeme voll mit „Trackern“ jeder Art.

Wirklich groß sind aber nur wenige Anbieter. Den Markt teilen sich im Wesentlichen das dänische Endomondo, Österreichs Runtastic und der US-Anbieter Runkeeper. Das Prinzip funktioniert so: Über Beschleunigungssensor und GPS werden Geschwindigkeit, Strecke und Distanz zum Beispiel eines Laufs erfasst – die Ergebnisse kann der Nutzer stolz im Internet präsentieren. Zusätzlich sorgen Belohnungssysteme und kleine Spielchen für Motivation, und Nutzer können Statistiken ihrer sportlichen Leistung erstellen. Endomondo kooperiert regelmäßig mit größeren Sportveranstaltungen wie Marathons.

Fitnessarmbänder, Waagen, Uhren: Sie sind die ergänzende Hardware zu den Apps und Nachfolger der  Laufuhren, die es schon länger gibt.

Das Smartphone stößt als Diktiergerät für den menschlichen Körper an seine Grenzen. Wer beim Sport Geschwindigkeit, Distanz und Höhenmeter aufzeichnet, möchte vielleicht auch seinen Puls überwachen und überhaupt: So praktisch Smartphones auch sein mögen, sie können nicht rund um die Uhr in der Nähe des zu überwachenden Körpers sein. Ein Armband schon. „Jawbone up“ ist ein solches Fitnessarmband, das über eine korrespondierende App Fragen wie „Wie viele Minuten war ich an diesem Tag aktiv?“ oder „Wie lange war meine längste Ruhepause?“ beantwortet. Das Armband zählt jeden Schritt den der Nutzer macht, berechnet Kalorien und überwacht sogar den Schlaf.

Unbarmherzig heizt der Tracker das schlechte Gewissen an: „Um 19.30 Uhr geht die Sonne unter, Sie haben 37 Prozent ihres Bewegungsziels erreicht.“ Geräte dieser Art gibt es bereits viele, besonders beliebt ist auch eine Waage (von Withings), die auf Wunsch das Körpergewicht des Nutzers über Twitter teilt.

Life Logging: Die Angst davor, vielleicht nicht jeden denkwürdigen Moment des Lebens Revue passieren lassen zu können, treibt mitunter seltsame Blüten.


Diese kleine Kamera heißt „Autographer“, wird um den Hals getragen und dokumentiert das Leben des Trägers automatisch. Kleine Sensoren sorgen dafür, dass die Kamera selbst entscheiden kann, was ein denkwürdiger Moment ist – zum Beispiel, wenn sich die Temperatur ändert oder eine Bewegung registriert wird. Selbstverständlich sind die unzähligen Bilder mit Standortdaten versehen.

Klingt verrückt, ist es aber offenbar nicht: Der Hersteller OMG schätzt allein den britischen Markt für Life-Logging-Geräte auf bis zu 4,5 Millionen Kunden. Rob Shields ist einer dieser peniblen Dauerfotografen. Er hat sich sein Smartphone umgehängt und jede Minute automatisch ein Foto aus seiner Perspektive aufgenommen. Hochgeladen in ein Web-Album, wurde daraus eine Suchmaschine für seine Vergangenheit. Dank Geo-Tags, Schlagwörter und Gesichtserkennung lassen sich Fragen wie „Wann habe ich das letzte Mal Sushi gegessen?“ oder „Wie heißt der Mann, den ich auf dem Datenkongress letztens kennengelernt habe?“ beantworten. Daten, an denen wohl auch etliche Firmen oder Behörden großes Interesse hätten. Sara Gross

Austro-Faktor: Mit »Runtastic« spielt eine Firma aus Oberösterreich auf dem »Tracker«-Markt vorn mit. Eine eigene App zählt nun auch die Liegestütze.

Vor etwa vier Jahren hatten junge Absolventen der FH Oberösterreich die Idee, eine Sport-Tracking-App für den deutschsprachigen Markt zu entwickeln. Heute ist daraus eine ganze App-Sammlung geworden, die weltweit auch ganz gern als kostenpflichtige „Pro“-Version gekauft wird. „Runtastic“ gibt es nicht mehr nur zum Aufzeichnen von Lauf- oder Radtouren. Eine „Push-up“-App bringt unzählige Nutzer dazu, Liegestütze über ihrem Smartphone zu machen, das diese mittels Sensor zählt und auf Wunsch mit der Community teilt. Für Sit-ups, Kniebeugen, Klimmzüge, Mountainbikes oder Rennräder gibt es eigene Apps, und sogar einen Pulsmesser hat Runtastic im Angebot, der die Kamera des Handys nutzt, um den Puls des Nutzers zu überwachen. Im Schnitt wird jede Sekunde eine Runtastic-App heruntergeladen, gab Runtastic im Mai bekannt.

Mittlerweile haben die Linzer in die USA expandiert. Im Gesundheitsbereich gibt es noch ein anderes österreichisches Jungunternehmen, das mit einer Tracking-App aufwartet: Das Wiener Start-up mySugr hilft Diabetespatienten mit einer App beim Protokollieren von Blutzuckerwerten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2013)

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