Wie Yoga nach Europa kam

Räucherstäbchen, Verrenkungen, esoterisches Brimborium – vieles, was über Yoga kursiert, ist vor allem Klischee. Ein Kongress in Wien soll nun mit Mythen über die indische Lehre aufräumen.

Yoga nach Europa
Schließen
Yoga nach Europa
Yoga – (c) REUTERS (ERIC THAYER)

Irgendwas mit Indien. Räucherstäbchen. Verknotete Beine. Oder zumindest etwas mit körperlicher Fitness. Yoga mag längst ein Teil der globalen Massenkultur sein, doch in der breiten Öffentlichkeit ist die philosophische und religiöse Lehre mit indischem Ursprung ein Musterbeispiel für gelebtes Nicht- oder Halbwissen. Was auch daran liegen könnte, dass Yoga als Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung noch relativ jung ist. Zwar wurde die europäische Forschung bereits Ende des 18.Jahrhunderts auf das Phänomen aufmerksam, doch die Beschäftigung mit modernem Yoga auf wissenschaftlicher Ebene ist gerade einmal gute 25 Jahre alt. Und vieles davon, was in wissenschaftlichen Kreisen geforscht wird, dringt nur zögerlich an die Öffentlichkeit. Ein Zustand, den ein Kongress in Wien ändern soll. „Yoga in Transformation“ lautet der Titel der Veranstaltung, die kommende Woche zahlreiche Yoga-Wissenschaftler aus aller Welt versammelt, aber auch die interessierte Öffentlichkeit erreichen soll.


Die ersten Kontakte. Karl Baier ist einer der Initiatoren der Konferenz. Am Institut für Religionswissenschaft der Universität Wien widmet sich der gebürtige Bayer vor allem den zeitgenössischen Formen – unter anderem hat er ein Buch über den Weg des Yoga nach Europa geschrieben. Und dieser hat seine Ursprünge weit vor den 1960er-Jahren, als indische Spiritualität zur Modeerscheinung einer nach neuen Wegen lechzenden Jugend wurde. „Die ersten Kontakte zum traditionellen Yoga gab es wahrscheinlich schon im Mittelalter, wenn nicht gar in der Antike“, sagt Baier. Erste Belege gibt es in Form von Reiseberichten aus der Neuzeit. Tatsächliche Bekanntheit erlangte Yoga aber erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts, vor allem in adeligen, intellektuellen und künstlerischen Kreisen fand man zunächst an der Meditationspraxis Gefallen.

In Wien tauchte Yoga erstmals um 1900 auf – das Interesse an Spiritismus, Okkultismus und Geheimkulten war auf einem Höhepunkt angelangt. „Man experimentierte praktisch damit und suchte den Kontakt mit Lehrern aus Indien“, erzählt Baier. Eine der wichtigsten Figuren dabei war Karl Kellner, ein Großindustrieller, der unter anderem in Hallein eine Papierfabrik betrieb. Er war mit mehreren Yogis in Kontakt, die damals durch Europa zogen, um unter anderem auf der Weltausstellung in Budapest 1896 Vorführungen ihres Könnens zu geben. Wobei die körperliche Dimension mit diversen Verrenkungen noch keine allzu große Rolle spielte. Vielmehr ging es darum, sich meditativ in Versenkung zu begeben.

„Es gab damals in Budapest sogar einen kleinen Skandal“, erzählt Baier, „da Yogi Bheema Sena Pratapa sich vor Publikum in Versenkung begab und nicht erreichbar für die Außenwelt war– aber man hat herausgefunden, dass er nachts heimlich seinen Platz verlassen und Milch getrunken und Kuchen gegessen hat.“ Kellner zweifelte allerdings nicht an den Fähigkeiten des Yogi, lud ihn nach Hallein ein und fuhr mit ihm zum 3. Internationalen Kongress der Psychologie nach München – Kellner verfasste damals sogar eine Schrift über Yoga. Und der österreichische Industrielle praktizierte Yoga auch selbst – so ist aus handschriftlichen Aufzeichnungen überliefert, dass er die Yoga-Sitzhaltung einnahm, in Meditation versank und in ein früheres Leben eintauchte. Auch das, obwohl Kellner sportlich war, diente nicht der körperlichen Ertüchtigung, sondern sollte die Konzentration stärken.

Im Wien der Jahrhundertwende war Yoga also schon präsent. Selbst Sigmund Freud kam über seinen Jugendfreund Friedrich Eckstein mit der neuen Lehre in Kontakt. In „Das Unbehagen in der Kultur“ schrieb er sogar über das „Einssein mit dem All“ und über Eckstein, der es durch seine Beschäftigung mit Yogapraktiken zum „Allwisser“ gebracht habe.

Die Ursprünge. Es ist aber nicht nur die jüngere Vergangenheit, um die es bei der Konferenz gehen soll. Auch die Wurzeln des Yoga sollen thematisiert werden. Mit Philipp Maas – er ist ein weiterer Mitinitiator – ist etwa auch ein Forscher vertreten, der sich mit den alten handschriftlichen Sanskrit-Texten beschäftigt, in denen die Entstehung und Entwicklung von Yoga beschrieben sind: wie es sich von einer Meditationstechnik im Lauf der Jahrhunderte weiterentwickelt hat – und durchaus auch mit westlichen Einflüssen angereichert wurde. „Modernes Yoga ist eine Mischung aus verschiedenen Traditionen“, sagt Maas. Viele indische Ursprünge liegen noch im Dunkeln, weil ein Großteil der alten Texte noch nicht erschlossen ist. Dafür gibt es Belege, dass etwa Bodybuilding und Gymnastik, die mit dem britischen Kolonialismus nach Indien gelangten, zunehmend Eingang in die Lehre fanden. Auch Teile der aus Schweden stammenden Ling-Gymnastik sind in Yoga eingeflossen. All diese Einflüsse haben auch in Indien für ein Yoga-Revival gesorgt, denn im frühen 19.Jahrhundert war die Lehre in ihrem Ursprungsland eigentlich gar nicht populär.

Insgesamt ist und war modernes Yoga, wie es heute in Europa und den USA betrieben wird, also keine Tradition, die in Indien jahrtausendelang ausgeübt wurde und die sich dann auf den Weg in den Westen machte. Sondern ein interkulturelles Phänomen, das im Kontext der Modernisierung der indischen Gesellschaft und unter Einfluss der westlichen Kultur entstand. Ein Phänomen allerdings, das heute in vielerlei Erscheinungsformen auftritt, weil es keine zentrale Definitionsmacht gibt, die bestimmen kann, was Yoga ausmacht. Dementsprechend orientiert man sich an einer der zahllosen Denkschulen, wie Yoga praktiziert wird. „Aus meiner eigenen Erfahrung“, sagt Wissenschaftler Philipp Maas, „kippen im Gespräch die Rollen sehr schnell. Da wollen mir die Leute erzählen, wie es wirklich ist – wie sie es eben aus ihren Büchern kennen.“

Wie es letztlich richtig ist, darüber wird beim Kongress in Wien jedenfalls nicht entschieden. Ob mit oder ohne Räucherstäbchen, mit ritueller Dimension zur Befreiung des Körpers aus dem Kreislauf der Wiedergeburt oder allein als Mittel zur körperlichen Ertüchtigung– wie es etwa Schauspielerin Julia Roberts formulierte: „Ich will nicht mein Leben verändern, nur meinen Po.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2013)

Kommentar zu Artikel:

Wie Yoga nach Europa kam

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen