Wo Cannabis nicht high macht

In Hanfthal raucht man Hanf nicht, man isst ihn. Doch um die Renaissance der Pflanze ist es ruhig geworden, jetzt soll sie als Isoliermaterial neues Interesse wecken.

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MARIJUANA – EPA

Nein, man ist nicht high nach dem Hanfschnitzel. Auch das Parfait aus Hanfnüsschen zeigt keinerlei Wirkung und auch nicht der Hanfgugelhupf. Am ehesten benebelt vielleicht noch das Hanfbier – wenn man genug davon trinkt.

„,Wird man davon nicht high?‘ Das fragt man noch immer sehr oft“, sagt Erich Frasl. Der 64-Jährige ist der Hanfpionier hier oben im Norden Niederösterreichs. Er war der Erste, der 1995 in Reingers Hanf angepflanzt hat. Er löste damit einen wirtschaftlichen, vor allem aber einen touristischen Boom aus in einer Gegend, in der Österreich einst endete (Reingers liegt direkt am einstigen Eisernen Vorhang) und die kaum jemand mit Absicht bereiste. Mittlerweile ist es etwas ruhiger geworden um den Hanf, aber das könnte sich heuer mit neuen Produkten und neuen Impulsen wieder ändern.

Warum macht der niederösterreichische Hanf also nicht high? Der Hanf, der hier angepflanzt wird, ist ein speziell gezüchteter Nutzhanf, lateinisch Cannabis sativa. Ihm fehlt weitestgehend der Stoff THC – Tetrahydrocannabinol, einfacher gesagt: jenes Zeug, das high macht. Andere Hanfsorten, der indische Hanf etwa (Cannabis indica), enthält viel THC und wird derzeit gerade mit viel Leidenschaft im US-Bundesstaat Colorado angepflanzt. Völlig legal. In Österreich ist der Anbau dieser berauschenden Hanfsorte illegal. Frasl ist das alles egal: „Ich hab für das Rauschzeugs nix übrig.“

Über viele Jahrhunderte war Österreich eine Hanfhochburg. Noch in der Monarchie wurde die Pflanze auf 45.000 Hektar angebaut, man nutzte sie für Kleidung, Nahrung, Papier (die amerikanische Unabhängigkeitserklärung wurde auf Hanfpapier geschrieben). Vielleicht auch zur Entspannung, man weiß es nicht genau, weil es niemanden kümmerte. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Pflanze verboten (angeblich, nachdem sich US-Soldaten eingeraucht hatten) und blieb es, bis man Hanf vor einigen Jahren wiederentdeckte.

Wie verwurzelt Hanf mit Österreich einst war, kann man an manchen Ortsnamen erahnen: Hanfthal beispielsweise, eine Katastralgemeinde von Laa an der Thaya. Lange Zeit hatte man nichts als einen skurrilen Ortsnamen. Mittlerweile vermarktet man den recht gut. Im Hanfthal-Hof etwa, wo Familie Wagner all die eingangs erwähnten Hanfspeisen serviert. Man hat ein Hanfmuseum und bietet eine Hanf-Erlebnistour. 1200 Gäste machten die Tour vergangenes Jahr – viel für eine Ortschaft, die sonst nichts zu bieten hat, außer die schöne Tradition, jedes Jahr einen Baum für alle neugeborenen Ortsbewohner zu pflanzen.

Hanf hat mitgeholfen, den 650-Einwohner-Ort zu beleben, erklärt Gerhard Schmid, Obmann der Dorfgemeinschaft. Der Dorfbäcker macht Hanfbrot, ein Winzer machte Hanfwein, über die Hanfland KG vertreibt man Hanfnudeln, Hanfaufstrich, begehrte Gesichtscremen, Tee, sogar Schokolade macht man aus Hanf.


Berauschendes Labyrinth. Die große Euphorie hat sich aber gelegt, auch in Reingers, das sich selbst als „Hanfdorf“ tituliert. Pionier Frasl pflanzt keinen Hanf mehr an. Es habe Absatzprobleme gegeben, weil Verwerter nur Biohanf wollten und man das Stroh nicht nutzen konnte.

Jetzt aber hat ein oberösterreichisches Baustoffunternehmen Hanfstroh als Dämmstoff entdeckt und wirbt als „ökologische Alternative“. „Wenn das funktioniert, würde das den Hanfanbau wieder attraktiv machen“, sagt Frasl. „Wir überlegen, dass wir wieder einsteigen.“ Das tun andere Bauern auch, dann könnte die Zahl der Landwirtschaften von 30, 40 mit einer Anbaufläche von etwa 450 deutlich steigen. Diese 450 Hektar sind übrigens „sicher die meist- und bestkontrollierten in der österreichischen Landwirtschaft“, glaubt Frasl. Die AMA prüfe nämlich ständig, damit die Bauern ja den weitestgehend THC-freien Hanf anbauen „und nichts anderes“.

Heuer nutzt man die Hanfflächen noch für Lustigeres: Es werde wieder ein Hanflabyrinth geben, versichert Astrid Pleha, die „Hanftante“ von Reingers. Für ein Labyrinth ist die Pflanze ideal geeignet, weil sie drei Meter hoch wird, ausgesprochen pflegeleicht ist, wenn sie nicht in praller Sonne oder stauendem Wasser steht, und nicht anfällig für Krankheiten. Auch die Ausstellung werde man neu konzipieren. Das ganze Dorf soll wieder stärker seinem Titel als Hanfdorf gerecht werden, dazu sollen auch die Dorfbewohner Hanf in ihren Vorgärten anpflanzen.

Was vor allem eine Frage aufwirft: Äußerlich ist der „gute“ und der „böse“ Hanf nicht zu unterscheiden. Besteht nicht die Gefahr, dass sich vielleicht der eine oder andere Dorfbewohner den Hanfboom zunutze macht und ganz offen die indische Version anpflanzt? Christian Schlosser glaubt als Bürgermeister von Reingers an das Gute in seinen Bürgern, als Polizist, der er hauptberuflich ist, kommt die Erfahrung dazu: „So etwas macht man nicht im Freien, das züchtet man eher in Lagerhallen oder in Wohnungen.“

Oder man hat Pech, wie eine Familie, von der Pleha weiß. In deren Garten wuchs plötzlich Hanf, der böse Nachbar zeigte die Familie an, die Polizei rückte aus und stellte die Pflanzen sicher. Später stellte sich heraus, dass die Familie nur Gutes getan hatte: Sie fütterte die Vögel, nur enthielt das Vogelfutter auch Hanfsamen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2014)

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