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Lovegrove: Alles fließt

25.10.2007 | 13:23 |  AMELIE ZNIDARIC (Die Presse - Schaufenster)

Er hat den Sony Walkman entworfen, Apple Computer, Möbel, ein Solarauto und eine Strassenleuchte für Wien. Der britische Designer Ross Lovegrove über digitale Gotik, Futurismus und weiche Kameralinsen.

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Am 29. Oktober heißt es: Licht aus für den Solar Tree. Drei Wochen lang, keinen Tag länger, darf die Straßenleuchte von Ross Lovegrove vor dem Museum für angewandte Kunst (MAK) am Wiener Ring stehen, so hat es die zuständige Magistratsabteilung beschieden. Nur noch kurze Zeit also, um sich den Entwurf eines Designers anzusehen, dessen Arbeit man sonst nur in teuren Designgeschäften oder im Museum zu sehen bekommt. Ross Lovegrove ist für seine fließenden, organischen Formen weltberühmt, die Design-Bibel „Wallpaper“ schreibt über ihn, dass er in Zukunft zweifelsohne als seiner Zeit weit voraus gelten wird.

Mit Ihrer Straßenlaterne hat MAK-Direktor Peter Noever erneut die Diskussion um die Beleuchtung am Wiener Ring angeheizt.

Ich liebe Leute wie ihn, die nicht locker lassen. Wer versucht, progressiv zu sein, wird überall auf der Welt auf Widerstand stoßen. Dabei gibt es moderne Formensprache auch da, wo man sie nicht erwartet: Wer meinen Baum kritisiert, soll sich den Stephansdom anschauen. Diese Steinarbeiten aus dem 15. Jahrhundert sind so unglaublich zeitgenössisch, heute verwenden wir dafür digitale Technologien, in Wahrheit ist gotische Architektur digital.

Die Leuchte arbeitet mit Solarenergie ...

Sie ist auf unglaublich intelligente Art autonom, vom Wiener Stromnetz unabhängig. Sie könnte sogar Energie, die sie nicht braucht, ins Netz abgeben. Wir könnten noch wunderbare Dinge damit tun, zum Beispiel Anschlüsse einbauen, damit man sein Telefon aufladen oder Information downloaden kann. Wir könnten auch eine schöne Sitzgelegenheit darum herum entwerfen, sodass sich die Menschen mit dem Laptop dazusetzen können.

Design, das als futuristisch gilt, spielt oft mit organischen Formen. Aber das kennen wir schon aus den 1960er-Jahren. Welche Formensprache wäre Ihrer Meinung nach denn wirklich neu?

Futurismus lag damals in der Luft, die atomare Technologie, das Wettrennen ins Weltall, die Idee von Sputnik. Viele Designer und Architekten nahmen das auf und experimentierten mit organischem Design – auch wenn sie zu keinem Ergebnis kamen. Erst heute, 40 bis 45 Jahre später, haben wir die Technologie, unsere Visionen so umzusetzen, wie wir sie uns ausdenken. Es geht also nicht um die Form, sondern um die Technologie der Umsetzung. Was modern aussieht und was wirklich modern ist, das sind zwei verschiedene Dinge. Was wir heute tun, wäre vor zehn Jahren nicht möglich gewesen.

Sie sprechen oft von einer idealen Zukunft. Wie könnte die aussehen?

Man kann die Zukunft bezwingen: Alles, was ein Mensch denken kann, wird irgendwann auch sein. Seitdem Fritz Lang in Metropolis fliegende Autos gezeigt hat, rechnen wir damit, dass Autos irgendwann fliegen werden. Wir müssen die magnetischen Kräfte der Erde erst besser verstehen, aber es gibt Experimente, und irgendwann wird es so weit sein. Das Problem ist, dass viele Designer mit dem arbeiten, was sie wissen. Aber damit setzen sie sich selbst Grenzen. Ich baue auch auf meinen Erfahrungen auf, aber außerdem versuche ich, alle relevanten neuen Entwicklungen einzubeziehen. Und darüber hinaus spekuliere ich.

Inwiefern?

Vor kurzem kam eine japanische Delegation zu mir, und sie sagten: Wir wollen, dass Sie etwas in Japan entwickeln, was wollen Sie tun? Und wissen Sie, Nokia ist heute mit seinen Mobiltelefonen der weltweit größte Produzent von Kameras. Also antwortete ich: Finden Sie mir einen Kamerahersteller, und wir werden ein Telefon in eine Kamera einbauen statt umgekehrt. Und dann habe ich gesagt, dass ich eine organische Linse für diese Kamera haben will, weich, so wie am menschlichen Auge. Als sie sagten, aber so eine Technologie gibt es nicht, erwiderte ich nur: Sie sind Japaner! Finden Sie jemanden, der sie entwickelt. Denn ich weiß, dass das geht. Wenn es in meinem Auge funktioniert, dann muss es auch in einer Kamera funktionieren. Es geht nicht darum, ein Boot zu machen, das aussieht wie ein Wal oder eine Leuchte wie einen Baum. Es geht darum, zu verstehen, wie die Natur beim Wal oder beim Baum funktioniert und warum.

Sie verwenden häufig zwei Slogans: „evolutionary biologist“ und „organic essentialism“. Was heißt das?

Ich finde es so langweilig, mich als Designer zu bezeichnen, es ist so beliebig wie ein Hamburger. Jeder will heute Designer sein, aber was für ein Design machen sie? Ein Evolutionsbiologe hingegen ist jemand, der die Menschen wachrüttelt, und das passt gut zu meinem Selbstverständnis. Und Essentialismus heißt: nicht mehr und nicht weniger als unbedingt nötig. Organisch ist dabei die Art und Weise, wie ich denke. Ich gehe niemals den geraden Weg, gerade Linien geben etwas vor, was nicht ist und sie sind so selbstgefällig. Die Natur macht das nicht.

Ross Lovegrove
1958 in Cardiff, Wales, geboren. Nach seinem Studium heuert Love-grove beim deutschen Designbüro „Frog Design“ an und arbeitet dort am Walkman für Sony und am Apple Computer. Nach einem Aufenthalt in Paris – er berät, zum Teil mit Jean Nouvel und Philippe Starck, Firmen wie Louis Vuitton und Hermès –, kehrt er nach London zurück und entwirft seitdem u. a. für Airbus, Cappellini, Moroso, Artemide, Peu-geot, Apple Computers, Vitra und Olympus Cameras. Er hat zahlreiche internationale Preise gewonnen, seine Arbeit wurde vielfach publiziert und steht weltweit im Museum.

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