Styling: Hinter der Maske

Die Models stehen immer im Rampenlicht, die Designer zumeist, aber wer kennt schon die Namen der Make-up-Künstler? Dabei sorgen sie für den Komplettlook der Modehäuser.

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(c) Christian Dior
Die Haute-Couture-Schauen stellen so ziemlich den Höhepunkt in einem Modejahr dar. In einem Beautyjahr aber auch. Denn Make-up, das bei einer so prestigeträchtigen Schau auf den Laufsteg geschickt wird, kann nur von Elite-Visagisten entworfen und geschminkt werden. Eine echte Schlüsselposition für Make-up-Häuser. Und genau da findet momentan ein Generationenwechsel statt.
Bei Chanel etwa folgt mit Jahresbeginn Peter Philips dem eingespielten Duo Heidi Morawetz und Dominique Moncourtois als Chefvisagist nach. Jahrzehntelang waren die Österreicherin und der Franzose, der noch mit Madame Coco persönlich zusammengearbeitet hatte, für die Looks von Chanel zuständig. Und diese Looks stellen nach außen hin das einheitliche Erscheinungsbild in Sachen Make-up bei Modeschauen, Fotostrecken und in der Werbung dar und spiegeln sich in weiterer Folge natürlich in den Produkten wider. Die erste Kollektion von Peter Philips, Absolvent der Académie des Beaux Arts in Antwerpen, wird ab Herbst zu kaufen sein, schon im Frühling ist er aber für die Fashion Shows von Chanel, Balmain und Alexander McQueen verantwortlich.
Auch bei Shiseido wird in den Looks dieses Frühlings zum ersten Mal die Handschrift eines neuen Chefvisagisten erkennbar sein. Der gebürtige Brite Dick Page, schon seit einigen Jahren beim japanischen Konzern, und somit vertraut mit der Unternehmenslinie, ist nun nach Tom Pecheux für Kreation und Produktentwicklung
des Shiseido-Make-up verantwortlich. Ebenfalls neue Namen gibt es bei Lancôme und Yves Saint Laurent: Gucci Westman wird in einigen Monaten abgelöst – Spekulationen zufolge von Aaron De May –, und Val Garland zeichnet bei YSL schon für die Frühjahrskollektion verantwortlich.
Chefvisagisten wie Dick Page oder Tyen von Dior, dem wir bei der aktuellen Haute-Couture-Schau über die Schulter geschaut haben, gestalten die Gesichter der Models für den Laufsteg. Damit ist ihre Arbeit weltweit in Magazinen zu sehen und beeinflusst somit Stylisten, Fotografen und andere Make-up-Artisten. Und sie gestalten die Lippenstifte, Lidschatten und Mascaras des jeweiligen Labels. Die Chefvisagisten legen nämlich fest, welche Produkte der dekorativen Kosmetik es in welchen Farben, mit welchem Duft und in welcher Textur zu kaufen geben wird. Die Konzeption einer saisonalen Make-up-Linie muss man sich als langen Prozess vorstellen, vergleichbar mit dem in der Mode, mit der die Chefvisagisten übrigens in engstem Austausch stehen.

Wechselspiel. Nicht nur die Farben von Lippenstift und Co. werden bei Chanel, Dior oder anderen Konzernen denen der aktuellen Mode angepasst oder als lebhafter Kontrast dazu konzipiert. Auch die Texturen, also die haptischen Eigenschaften von Stoffen, Leder, Garnen und so weiter, fließen in den kreativen Prozess mit ein. Wenn glänzende Oberflächen die Mode einer Saison bestimmen, wird von den Chefvisagisten darauf Bezug genommen – und entweder mit Kontrasten, also matten Make-up-Looks, geantwortet oder auch, gleichsam parallel, mit ebenfalls glanzvollen Schminkprodukten. Stoffmuster, Garnproben und Fotos sowie Schnittmuster visualisieren dabei die geplante Modekollektion und inspirieren die Make-up-Designer.
Der wechselseitige Austausch beginnt etwa 18 Monate vor der Markteinführung einer Kollektion, wenn die Konsumenten noch nicht einmal annähernd an diese kommenden Saisonen denken. Die Arbeitsteilung des komplexen Entwurfsprozesses wird zum Beispiel bei Dior deutlich: Ein sogenannter Farbausschuss liefert erste Farbideen, Chefvisagist Tyen steht diesem Team als „Orchesterchef“ vor und dirigiert die weitere Arbeit, in die dann auch Dermatologen und Chemiker eingebunden sind, um die Farben in einer bestimmten Make-up-Textur stofflich zu verwirklichen.

Manche Nagellacke sind Superstars. Dass nicht jede Modemarke automatisch einen gleichnamigen Kosmetikpartner zur Seite hat, zeigt das Beispiel Mac: Mode vom eigenen Reißbrett gibt es keine zu kaufen, dafür dominieren die hauseigenen Visagisten weltweit die Backstagebereiche. Für zahlreiche Schauen schminkt Mac-Profi Gordon Espinet die Models, darunter jene von Kenzo, Alberta Ferretti, Roberto Cavalli oder Bottega Veneta.
Die Chefvisagisten und somit Chefdesigner der großen Make-up-Marken sind zwar nicht so bekannt wie Modedesigner, von denen jeder und jede mit einem bestimmten Kleidungsstück verbunden wird, aber auch einige ihrer Kreationen sind Superstars: Den Nagellacken „Vamp“ und „Black Satin“ von Chanel etwa gelang dieses Kunststück – jährlich schaffen tausende andere Beautyprodukte samt dazugehörigen Marketingstrategien das nicht, verschwinden vielmehr still und leise in der Versenkung. Was haben Morawetz und Moncourtois da für beständige Erfolgsgaranten geschaffen? Zwei Sorten der „Nicht-Farbe“ Schwarz, die sich durch einen silbernen Unterton, angeblich inspiriert von Satinbändern und Luxus-Autolackierungen, unterscheiden und die begehrter sind als die meisten knalligen Töne. Es sind eben subtile Unterschiede, die manche Produkte – und deren Schöpfer – zu Stars machen und manche nicht.
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