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Parfums abseits der Masse: Immer der Nase nach

16.10.2008 | 12:33 |  Von Petra Percher (Die Presse - Schaufenster)

Durch den Zwang zur totalen Individualisierung erleben Parfums abseits der Masse einen nie da gewesenen Boom. Was kleine Parfumeure anders machen, und wie große Konzerne darauf reagieren, zeigen drei Beispiele.

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Schon lange, bevor Parfums zu einem der lukrativsten Zweige der Schönheitsindustrie wurden, gehörten edle Düfte in hübschen Flakons zu den begehrenswertesten Kostbarkeiten. Früher einmal waren sie selten und teuer. Heute hingegen kommen pro Jahr mehr als 200 neue Parfums heraus. Die meis-ten davon fallen in die Kategorie leistbar. In Zeiten der totalen Individualisierung sollte es also nicht schwierig sein, sich auch olfaktorisch abzuheben.

Ist es aber. Die große Masse der Parfums folgt nämlich Trends ähnlich denen in der Mode. Und deswegen riechen in einem Jahr alle nach Iris, im nächsten alle nach Lavendel und im dritten alle nach Rose. Ein Einheitsbrei.
Für Abwechslung sorgen die Nasen hinter sogenannten Nischendüften. Nasen, das sind im Duftjargon Parfumeure mit dem richtigen Riecher. Und die mischen am liebsten Düfte abseits des Mainstream. Natürlich müssen dafür die Rahmenbedingungen stimmen. Vor allem: keine Budgetbeschränkung, wenn es um extravagante Ingredienzien geht, und kein Zwang, einen Duft zu kreieren, der möglichst vielen gefallen soll.

Das Ergebnis der totalen Individualisierung. Eine
dieser Nasen kennt man als M. Micallef. In Wahrheit heißt der Kreative dahinter aber Geoffrey Nejman. Die Marke stammt vom Namen seiner Frau, die für die handbemalten Flakons zuständig ist. Bei seinem Besuch in Wien erzählt er vom momentanen Boom der Nischendüfte, zu denen er auch seine Kreationen zählt. „Als wir vor zehn Jahren angefangen haben, gab es nicht viele von uns.“ Als wichtigstes Unterscheidungsmerkmal zu Industriedüften nennt er den Luxus, nie auf den Preis schauen zu müssen. „Ich mische einfach, bis es passt, und dann wird berechnet, was das Parfum kostet.“ Und das kann schon etwas ausmachen. Der Durchschnittspreis für ein Kilo „Basis“ liegt heute bei 20 Dollar. Dieses Öl wird später mit
Alkohol und Wasser je nach Konzentration zu Parfum, Eau de Toilette oder Eau Legere gemischt.

„Unsere Basis“, so Nejman, „kostet oft 200 Dollar.“
Auch Camille Goutal, die ihrer Mutter Annick Goutal im gleichnamigen Dufthaus als Parfumeurin nachgefolgt ist, spricht von einem Schlaraffenland, in dem sich Duftmanufakturen im Gegensatz zu Großkonzernen befinden: „Wir können alles verwenden, was wir möchten, koste es, was es wolle.“ Ihre Basen hätten sogar schon 3000 Dollar pro Kilo gekostet. Das sei für die Experimentierfreudigkeit unerlässlich. Gerechnet werde dann noch früh genug, wenn die Formel fix und fertig ist und das Parfum tatsächlich auf den Markt gebracht wird. Im Hause
Annick Goutal stehen nicht einmal Computer im Labor. „Da geht es uns wirklich gut. Bei großen Produzenten sitzt der Parfumeur oft nur vor dem Computer und schreibt Formeln so lange um, bis unten der richtige Preis steht. Das muss frustrierend sein“, sagt Goutal. „Das ist, als wäre ich Maler und dürfte kein Rot verwenden.“ Wollen wir hoffen, dass es so bleibt. Annick Goutal gehört mittlerweile zu Starwood Capital. Der Fonds hatte Annick Goutal zusammen mit dem Kristall-Konzern Baccarat und mehreren Hotel-Ketten 2005 von der Champagner-Dynastie Taittinger übernommen. Der ehrgeizige Plan: Annick Goutal soll zur globalen Marke werden, aber gleichzeitig exklusiv bleiben. Ein spannendes Projekt.

Kosmetikriesen kaufen Nasen. Die Preise für natürliche Essenzen steigen enorm. Yasmin und Iris zählen heute zu den teuersten Inhaltsstoffen. Deswegen werden sie immer öfter synthetisch nachgebaut und alte Parfum-Formeln dahingehend umgeschrieben. Riechen könne man den Unterschied nicht, sind sich die Nasen einig. „Ein Nachteil von synthetischen Parfums ist, dass sie nicht so lange halten“, sagt Nejman, fügt aber an: „Für Konzerne ein doppelter Gewinn, weil man es öfter braucht.“

Dass synthetische Stoffe automatisch billiger sind, stimmt so einfach aber auch nicht. Echten Moschus etwa gibt es nicht mehr. Er stammt aus einer Drüse beim Geschlechtsorgan des Moschushirschen. „Dafür müssen Tiere umgebracht werden, heute ein Ding der Unmöglichkeit“, so Nejman. Also gibt es künstliche Nachbauten dieses Aphrodisiakums in allen Preisklassen. Die Luxusvarianten nennen sich „Muscon“ und „Irone“ und können laut Goutal 120.000 Euro pro Kilo kosten. Wegen Allergiebestimmungen wurden viele natürliche Inhaltsstoffe von der EU verboten. „Machen wir uns nichts vor, den 100-prozentig natürlichen Duft gibt es nicht mehr“, sagt Nejman. Der Anteil an natürlichen Extrakten liegt bei kleinen Düften bei zwei Drittel, bei „Industriedüften“ sei es genau umgekehrt.

Keiner will so riechen die die ganze U-Bahn. Ein Grund, warum Nischendüfte derart boomen. Sie sind innerhalb der letzten zehn Jahre von einem Umsatzanteil von drei auf unglaubliche 34 Prozent hinaufgeschnellt. Das liegt auch an der Gegenbewegung der Kosmetikindustrie: Große Player geben längst selbst sehr selektiv vertriebene Düfte heraus, etwa die Parfums der Modemarken. So macht es Estée Lauder mit Tom Ford und der Private
Collection. L’Oreal mit Viktor & Rolf. Puig mit Comme des Garçons. Coty Prestige mit Marc Jacobs. Andere Konzerne kaufen Nischenmarken samt Nasen einfach auf oder stellen sie als hauseigene Parfumeure ein. Das Lockmittel ist da: viel Geld.

Serge Lutens ist Chefdesigner des japanischen Kosmetikriesen Shiseido. Am Flakon seiner Parfums ist davon wenig zu merken. Lutens ist besessen von Düften und hat klare Visionen, wie sie riechen sollen. Bei der Umsetzung unterstützt ihn Chris Sheldrake.  Doch der bleibt wie die meisten talentierten Parfumeure hinter großen Namen – ein Phantom.

TIPP
Der Nabel der Parfumwelt befindet sich im französischen Örtchen Grasse. Dort zeigt das soeben wiedereröffnete Musée International de la Parfumerie seine Schätze.

www.museesdegrasse.com

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