"Die Wiener lieben den Bass"

In den vergangenen Jahren erlebte die elektronische Tanzmusik einen Boom. Fluch oder Segen für die Wiener Clubs? Wie geht es 2015 musikalisch weiter? "Die Presse am Sonntag" fragte bei DJs und Bookern nach.

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Musikproduzentin und DJ Joyce Muniz. – (c) Jan Simon/Exploited Ghetto

„Come on crazy party people, make some noise.“ Wenn selbst die bitterböse Bürosatire „Stromberg – Der Film“ (2014) Slogans aus dem EDM-Bereich (das Schlagwort EDM steht für Electronic Dance Music) aufgreift und persifliert, weiß man, dass elektronische Tanzmusik längst im Mainstream angekommen ist. Joyce Muniz, Musikproduzentin und DJ, weiß mit der Musik, die hinter dem Akronym steht, freilich wenig anzufangen, wenngleich die Amadeus-Award-Gewinnerin (gemeinsam mit Skero für den Track „Kabinenparty“) auch 2014 bilanziert: „Es war ein gutes Jahr für Dance-Musik, vor allem für kommerzielle Musik wie EDM.“ Die in Brasilien geborene Wienerin schätzt aber die Musikszene hier, auch weil sie „mehr im Underground angesiedelt ist“ als in Metropolen wie Berlin und London.

Dennoch hat Wien in den vergangenen Jahren aufgeholt. Es gibt mehr Veranstalter, mehr Locations, mehr Festivals, mehr Angebot. Fluch oder Segen? „Beides“, meint Johannes Piller, Booker der Grellen Forelle am Donaukanal. „Das Publikum kann jedes Wochenende aus einer Fülle von Veranstaltungen auswählen. Natürlich gibt es momentan ein gewisses Überangebot, was es viel schwieriger macht als noch vor fünf Jahren. Aber die Stadt wächst, und jedes Jahr kommen mehr Studierende in die Stadt. Die wollen gute Musik hören, darauf baue ich“, sagt Piller.


Ständiger Wandel.

Auch sein Pendant bei der Pratersauna sieht eine Chance im Wachstum der Stadt. „Das Angebot zum Feiern wird definitiv größer in Wien. Es ist auch sinnvoll, weil die Stadt schnell wächst. Die Clublandschaft ändert sich ständig. So viele internationale Bookings in einem Jahr gab es wahrscheinlich noch nie in Wien. Außerdem ist Clubmusik immer mehr Populärmusik, und daher werden auch breitere Massen angesprochen“, so Sebastian Eckl, der neue Programmverantwortliche des Clubs im Prater.

Das ist nicht das einzige Neue in der Pratersauna. Ende Februar nimmt sich der Club nach fünf Jahren durchgehendem Betrieb erstmals eine zweiwöchige Auszeit, sagt Ko-Betreiber Hennes Weiss. Mit einem „komplett umgebauten Floor“ will man sich neu aufstellen, auch inhaltlich. „Der Druck, den Leuten etwas bieten zu müssen, ist immer da“, meint Eckl, der mit Booking- und Gagenentwicklungen in der Pratersauna auch nicht zufrieden ist und Kritik übt. „Wir wollen wieder mehr in Atmosphäre und gute Musik investieren, und nicht nur in große Namen.“


Große Namen, Acts für Nerds.

Johannes Piller kennt das DJ-Geschäft ausgezeichnet. Seit Jahren kennt man ihn als DJ unter dem Namen Laminat und als Ko-Veranstalter der Techno- und Podcast-Reihe „Bebop Rodeo“. Seit dem Sommer 2014 ist er für das Programm der Grellen Forelle verantwortlich. Seine Philosophie: „Es braucht die großen Namen genauso wie Acts für Nerds.“

Valerio Dittrich alias MOTSA ist längst keiner dieser Geheimtipps mehr, spätestens seit seine Nummer „Sleepless Nights“ im renommierten britischen Musikmagazin „Mix Mag“ erschienen ist. Der House-Produzent und DJ schätzt das nächtliche Clubleben in Wien. „Mittlerweile hat die Stadt eine Vielfalt an großen und kleineren Clubs. Von der Stimmung ist das Werk am Donaukanal mein Favorit.“ Der Club der Kunst- und Kulturinitiative von Stefan Stürzer und Benjamin Hötzendorfer präsentiert sich seit Kurzem in neuem Gewand, sprich mit einem neuen Hauptfloor in einem frisch ausgebauten Stadtbahnbogen.

Eine Renaissance erlebt auch das Roxy. Die Club-Institution in Wieden hatte vor drei Jahren zugesperrt. Ende 2012 wurde die beliebte Keller-Location wiederbelebt. Joyce Muniz spielte dort früher öfter. „Es ist von außen und innen ein Club, der überall sein könnte, in Paris, London oder New York. Es ist Boheme, hat Nightlife-Flair.“ Muniz weiß, wovon sie spricht, sie tritt in der ganzen Welt auf.

Mit dem Auflegen hat sie im Alter von 16 Jahren begonnen. Damals noch Drum'n'Bass, später auch Tech mit Baile Funk. Heute geht ihr Stil mehr in Richtung House. „Meine Sets sind breit. Es kann aber manchmal Funk-lastiger und Techno-lastiger werden.“ Der Wiener Produzentin zufolge wird Clubmusik nach dem Deep-House-Hype wieder etwas „düsterer und härter“.

Johannes Pilller sieht das recht ähnlich: „Neunziger-House raus, Techno in sämtlichen Facetten rein. An den Rändern hat sich einfach wirklich viel getan, und dabei kam es zu einer Rückbesinnung. Ging es in den Jahren davor darum, den klanglich perfekt produzierten Track abzuliefern, steht der organisch-dreckige Sound wieder mehr im Vordergrund. Das Streben nach Perfektion wich dem Abbilden unserer Gesellschaft, und die ist eben schmutzig, roh und hart.“

Laut Piller sollte man hiesige Produzenten wie den jungen Salute und dessen kleinen Bruder, Oberst & Buchner, sowie MOTSA in diesem Jahr besonders beachten. Letzterer glaubt nicht, dass sich Clubmusik nur in eine spezielle Richtung entwickelt. „Es existieren immer diverse Genres und Subgenres nebeneinander.“

Eklektizismus hat der Niederösterreicher DJ Schmolli seit jeher hochgehalten. In Wien spielt er interessanterweise relativ selten, dafür in Moskau, Los Angeles und Rio de Janeiro. Seine ersten Mashups produzierte er vor 15 Jahren. Er mischt etwa die 1990er-Jahre-Grunge-Helden Nirvana mit dem französischen Elektronik-Funk-Duo Chromeo. Der Wiener Neustädter wünscht sich „mehr Mut zum Risiko und eine breitere musikalische Ausrichtung der Clubs“.

Verdient ein lokaler DJ mehr? Ein oftmals heikles Thema ist das Verhältnis von lokalen und eingeflogenen DJs. Valerio Dittrich fände es „schön, wenn es vielseitigere Bookings geben würde“. Heimische Talente sollten noch mehr gefördert werden, meint er weiters. Was sagen die Booker dazu? Sebastian Eckl von der Pratersauna meint, dass fast alle Clubs es vernachlässigt hätten, lokale DJs und Produzenten „besser zu positionieren“, also zur Hauptzeit – die zumeist im Zeitraum zwischen ein und vier Uhr früh angesiedelt ist – auftreten zu lassen. Auch die großen Abweichungen bei den Gagen stehen zur Diskussion. „Ich kenne einige DJs in Wien, die für 100 Euro bessere Sets spielen als so manche internationale Acts um 3000 Euro“, meint Eckl.

Wohl auch aufgrund seiner DJ-Biografie legt Piller vermehrt den Blick auf die „hier ansässige Szene“. Diese habe sich in den letzten Jahren mehr und mehr entwickelt. Eine gute Nachricht für Betreiber, Besucher und die DJs.

Und so freut sich auch Joyce Muniz auf Heimspiele: „Es ist immer wieder schön, in Wien zu spielen. Die Wiener lieben den Bass, genauso wie ich.“

Djs im Kurzporträt

Joyce Muniz gewann 2010 den Amadeus Award für den besten Song. Die House-Produzentin/DJ tritt weltweit auf.

DJ Schmolli aus Niederösterreich hat sich als Mashup-Künstler einen Namen gemacht. Er spielt auch in Moskau und L.A.

MOTSA wuchs in Schottland auf. Seine House-Nummer „Sleep-less Nights“ erschien im renommierten Magazin „Mix Mag“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2015)

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