Floskeln: "Wer A sagt..." - sagt auch anderen Unsinn

Tagtäglich werden wir mit Floskeln konfrontiert, die schon so geläufig sind, dass wir sie kaum mehr zu hinterfragen wagen. Genau das sollten wir aber machen.

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Ohren zu – Imago

Sie haben sich so in unser Gehirn eingebrannt, dass sie einfach wahr sein müssen. Jene Redewendungen, Sinnsprüche und Glaubenssätze, die wir schon so oft gehört haben. „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ zum Beispiel ruft sofort zustimmendes Nicken hervor. Tatsächlich mag der Spruch in mancher Hinsicht seine Richtigkeit haben. Doch, ein kleines Gedankenexperiment, jetzt versuchen Sie einmal, diesen Satz in einem Bild darzustellen. Und schon steht die hundertfach abgenickte Floskel gar nicht mehr so apodiktisch da. Natürlich, Bilder werden schneller aufgenommen als geschriebener Text, der erst im Gehirn umgewandelt werden muss. Doch auf der anderen Seite lässt sich über Sprache und Text besser reden – und ein gut geschriebener Text kann wiederum im Kopf eigene Bilder entstehen lassen. Im Gegenzug ließe sich also eine Art Gegendogma formulieren, etwa „ein Wort wirkt länger als drei Bilder“.

Jens Korff sammelte über Jahre Floskeln wie diese, hinterfragte sie und stellte ihnen andere, zum Teil absolut gegenteilige Sinnsprüche gegenüber. Nun hat der deutsche Historiker und Werbetexter diese Gedanken in einem Buch zusammengefasst: „Die dümmsten Sprüche aus Politik, Kultur und Wirtschaft“.

Nicht widerlegbar

„Hauptsächlich erkennt man sie daran, dass man sie schon öfter gehört hat“, sagt Korff. Beim ersten Mal mag es noch wie ein Argument wirken, doch taucht ein derartiger Satz in bestimmten Situationen immer wieder auf, ist es an der Zeit, ihn als Floskel zu erkennen. Wobei es verschiedene Gründe gibt, dass Menschen sie benutzen. Da wäre zum einen die Bequemlichkeit, dass man sich eine vorgefertigte Meinung wie ein Convenience-Produkt aus der Tiefkühltruhe holen kann. Damit kann man in einer Diskussion punkten, ohne sich allzu intensiv mit einer Thematik auseinandersetzen zu müssen.

Zum anderen kann ein solches Dogma aber auch dazu dienen, ideologische Positionen zu zementieren. „Der kleine Mann kann da gar nichts tun“, führt Korff als ein klassisches Beispiel an. Mit diesem Satz könne die Herrschaft von oben über die da unten– repräsentiert durch den kleinen Mann – gerechtfertigt werden. Womit sich der Autor selbst auch gleich ideologisch links verortet – denn viele Floskeln in seinem Buch schreibt er vor allem Konservativen zu oder nutzt sie zur Kritik am Kapitalismus. Dem vom Politologen Francis Fukuyama in den 1990ern aufgestellten Dogma „Der Kapitalismus ist das Ende der Geschichte“ setzt er dann etwa als Antidogma entgegen: „Hinter dem Kapitalismus kommt etwas Besseres, denn wir haben etwas Besseres verdient.“

„Auch als Linker ist man gegenüber Dogmen nicht immun“, sagt er. Wichtig sei dabei vor allem, dass man derartige Glaubenssätze, egal aus welcher ideologischen Richtung sie kommen, nicht unwidersprochen im Raum stehen lässt. Mit einem Antidogma sei der Herrschaftsanspruch des Dogmas erschüttert. Und man könne damit beginnen, das Thema auf Augenhöhe auszuhandeln.

Oft sind es banal dahingesagte Sätze, hinter denen sich gesellschaftliche Sichtweisen verbergen. „The winner takes it all“, zum Beispiel. So bestimmt etwa in Europa bei einem Medaillenspiegel eines Sportbewerbs die Zahl der Goldmedaillen den Platz. Eine Nation, die insgesamt mehr Medaillen errungen hat, kann hinter einer Nation landen, die mehr erste Plätze erreicht hat. In Nordamerika hingegen würden alle Medaillen zusammengezählt und die Teilnehmer danach gereiht. Dem klassischen Sager, dass nur der Sieg zählt, setzt Korff ein „Mehr Freude auf den Plätzen“ entgegen. Schließlich seien auch Silber- und Bronzemedaillen ein Grund zur Freude.

„Geht nicht, gibt's nicht.“

Manches Dogma wiederum kann tatsächlich weitreichende Konsequenzen haben. „Geht nicht, gibt's nicht“, zum Beispiel. Korff sieht in diesem Spruch eine Parole derjenigen, die jede Kritik an eigenen Projekten aus dem Weg schaffen wollen – und führt als Beleg dafür etwa die Entscheidung eines Managern an, innerhalb einer viel zu kurzen Zeit eine Zementfabrik in Saudiarabien zu errichten. Ein Jahr später war die Firma pleite. Offenbar hatte niemand gewagt, dem Manager zu sagen, dass man das Projekt in dieser kurzen Zeit nicht bewerkstelligen könne. So fielen Konventionalstrafen an, weil man unrealistische Verträge gebrochen hatte.

Auf diese Art stellt Korff Dutzende Glaubenssätze zur Diskussion. Von wirtschaftspolitischen Aussagen („Autofahrer sind die Melkkühe der Nation“) über Dogmen zu Krieg und Frieden („Nicht jeder Moslem ist ein Terrorist, aber jeder Terrorist ist ein Moslem“) bis zum Thema Arm und Reich („Arme sind an ihrer Lage meist selbst schuld“). Er selbst argumentiert dabei aus einer weltanschaulich linken Position. Das Werkzeug, um Dogmen zu bekämpfen, gilt aber unabhängig von der ideologischen Position.

Bitte um ein Beispiel

Konfrontiert mit einem Dogma biete sich etwa an, nach einem Beispiel zu fragen. Oft, so Korffs Erfahrung, komme von der Gegenseite dann nur etwas, das sie selbst nur über mehrere Ecken gehört hat. Derart entzaubert könne man dann wieder mit eigenen Beispielen oder Argumenten eine Diskussion starten. Wer bisher vor Floskeln kapitulieren musste, muss das ja nicht auf alle Ewigkeit tun.

Auch dieser Wandel lässt sich anhand einer Floskel veranschaulichen: „Wer A sagt, muss auch B sagen“ wird gern eingesetzt, um Konsequenz einzufordern, ein bereits begonnenes Verhalten bis zum Schluss durchzuziehen. Korff zitiert in diesem Zusammenhang Bertolt Brecht, der von diesem Dogma auch schon genervt war – und ein passendes Antidogma formulierte: „Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch gewesen ist.“

Buchtipp

Jens Korff (geb. 1960) ist deutscher Historiker, Werbetexter und Buchautor.
Susi Freitag

„Die dümmsten Sprüche aus Politik, Kultur und Wirtschaft“
Westend-Verlag
15,50 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2015)

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