„Jane’s Walk“: Wien im Schritttempo

An diesem Wochenende gehen bei „Jane’s Walk“ Menschen gemeinsam durch die Stadt. Mit offenen Augen und Ohren, in den Fußstapfen der urbanen Aktivistin Jane Jacobs.

Schrittweise. Andreas Lindinger brachte die Idee von „Jane’s Walk“ von Kanada nach Wien.
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Schrittweise. Andreas Lindinger brachte die Idee von „Jane’s Walk“ von Kanada nach Wien.
Schrittweise. Andreas Lindinger brachte die Idee von „Jane’s Walk“ von Kanada nach Wien. – (c) Beigestellt

Die Stadt. So ein Gerangel. Nicht nur zu Stoßzeiten geraten alle möglichen aneinander: die Interessen der einen und die der anderen. Jene, die sich so fortbewegen, wie es die Evolution für uns vorgesehen hat. Zu Fuß. Und jene, die die Evolution lieber auf Gummireifen und Motoren auslagern. Früher war die Stadtautobahn noch das Heilsversprechen der Stadtentwickler. Inzwischen glauben so manche eher an Verkehrsflächen wie Begegnungszonen und Fußgänger-Highways. Plötzlich geht man auch zu Fuß durch die Stadt, nicht nur, weil zwischen U-Bahn-Station und Haustür noch ein paar Meter liegen, sondern sogar, weil man es will. Oder zumindest, weil es andere wollen.

Die Stadt selbst möchte es ja auch gern, dass alle gehen. Und die Fußgängerbeauftragte Wiens, Petra Jens, kümmert sich darum, dass es allen leichter fällt. Das Straßenqueren, das Sich-an-den-Sesseln-der-Schanigärten-mit-dem-Kinderwagen-oder-Rollstuhl-Vorbeimanövrieren. Dazu plakatiert die Stadt gern „Geht doch!“. Als müsste man die Menschen zum Selbstverständlichen animieren. Tja, muss man. Solang Fußgänger auf den Straßen durch die Autospuren in der Mitte zwangsläufig zu Randerscheinungen geraten.

Infrastruktur. Straßen queren, Straßen folgen. „Jane’s Walk“ führt durch die Stadträume.
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Infrastruktur. Straßen queren, Straßen folgen. „Jane’s Walk“ führt durch die Stadträume.
Infrastruktur. Straßen queren, Straßen folgen. „Jane’s Walk“ führt durch die Stadträume. – (c) Beigestellt

Fußläufig. Manchmal motiviert man sich auch selbst, zu gehen und Dinge anzugehen. Andreas Lindinger, ein Consultant für nachhaltige Energien und Mobilität, ist in Vancouver so einigen netten Menschen begegnet. Vielen davon gleich auf einmal, als er hörte, dass in dem Grätzl, in das er gezogen war, ein geführter Spaziergang stattfand, der sich „Jane’s Walk“ nannte. Seit elf Jahren nunmehr folgen Städter Anfang Mai nicht nur den Straßen mit extra weit geöffneten Augen und Ohren, sondern gleichzeitig auch dem aktivistischen Vermächtnis einer Dame, die vor allem in New York unvergessen ist. Wie auch unter jenen, die sich gern mit der Stadt, ihrer Entwicklung und ihren Strukturen beschäftigen – spätestens seit Jane Jacobs Buch „The Life and Death of Great American Cities“, das 1961 erschien.

In New York hatte sich Jacobs mit der Fraktion Stadtautobahn angelegt, in Person von Robert Moses, damals der einflussreichste, oberste Stadtplaner. Ihre Protestbewegung sicherte, dass zumindest das Greenwich Village in Manhattan das Dorf in der Metropole bleiben durfte, das es immer war. In Vancouver folgte Andreas Lindinger dem Spirit von Jane Jacobs auf dem Fuße, lauschte im Schritttempo den Geschichten und urbanen Themen, die die Menschen beschäftigten. Mietpreissteigerungen etwa. Oder: wirtschaftlicher Druck auf die historische Bausubstanz. Inhalte also, die heute auch in Wien schon als Gesprächsstoff für lange Spaziergänge taugen. Lindinger packte die Idee von „Jane’s Walk“ gedanklich ein und in Wien 2014 begeistert wieder aus. Seitdem waren auch hier in über 30 Walks bereits 1000 Teilnehmer in Jane Jacobs’ Namen unterwegs. Dieses Jahr folgen wieder so einige Paar Füße und Ohren dem Walk Leader durch die Straßen und Grätzl, von Aspern bis Althan im Alsergrund – von Freitag, den 5. Mai bis Sonntag, den 7. Mai. Kleine, lockere Forschungsreisen zu Fuß sind es, die tiefer in das Wesen der Stadt, in die Logik ihrer Gestaltung und in medias res der Herzensangelegenheiten so mancher Stadtbewohner führen.

Mit Maß und Zielen. Die Idee von „Jane’s Walk“ wurde 2007 geboren, von ein paar Freunden von Jane Jacobs. Seit damals schnüren die Teilnehmer Anfang Mai die besonders bequemen Schuhe, um im Stadtraum auch ein paar Mal von gewohnten Pfaden und Komfortzonen abzubiegen. „Gehen erscheint so selbstverständlich und normal, dass es oft gar nicht als Fortbewegungsart wahrgenommen wird“, sagt der Initiator, Andreas Lindinger, „was mich besonders fasziniert, ist, dass viele Stadtentwicklungsthemen, die sonst zu komplex scheinen, plötzlich greifbar und nachvollziehbar für die Bürger werden.“ Denn schließlich ist das Gehen in der Stadt oft genug selbst das Thema beim Gehen: was es verkompliziert, es einem verleidet, aber auch, was es baulich und strukturell erleichtert und vereinfacht. Von der fußgängerfreundlichen Ampelschaltung bis zur idealen Gehsteigbreite. „Man merkt erst so richtig, wie eng manche Gehsteige sind, wenn man bei einem Walk plötzlich mit bis zu 50 Teilnehmern unterwegs ist“, erzählt Lindinger, der selbst gern im Alltag ein paar Bim-Stationen gegen ein paar hundert Schritte tauscht. Im lockeren Schritttempo wird augenfällig, was der Bewegung im Weg steht – im öffentlichen Raum.

Austausch. Ein Thema, ein Weg und viele Füße: Die Walks führen quer durch Wiens Grätzl.
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Austausch. Ein Thema, ein Weg und viele Füße: Die Walks führen quer durch Wiens Grätzl.
Austausch. Ein Thema, ein Weg und viele Füße: Die Walks führen quer durch Wiens Grätzl. – (c) Beigestellt

Stadtrivalen. Jane Jacobs und Robert Moses kamen sich 1955 in New York in die Quere, vor allem mit ihren städtebaulichen Ansichten, die in gegensätzliche Richtungen wiesen. Moses forcierte den Maßstabssprung von der Großstadt zur autogerechten Metropole. Jacobs beschwor das menschliche Maß in der Stadtplanung, die dörflichen, kleinteiligen, gemischten Strukturen, die auch die soziale Kohärenz fördern. Was Jacobs lautstark und aktivistisch vertrat, flüstern ohnehin täglich Instinkt und Bauch vor sich hin: Der Mensch liebt das Menschliche, das Überschaubare, das Sicherheitsgefühl, egal, ob er in der Savanne lebt und gerade aufrecht gehen gelernt hat oder in der Großstadt an der Fußgängerampel steht. Die Evolution lässt uns nicht allzu viel Wahl, was uns guttut. Die menschlichen Sinne, sie sind auf ein Wahrnehmungstempo von etwa vier km/h programmiert, die Sinnesorgane auf Vorwärtsgang ausgerichtet.

Auch der dänische Stadtplaner Jan Gehl spürt seit Jahrzehnten dem menschlichen Maß in den Städten nach. In seinem Buch „Städte für Menschen“ beschreibt er es so: „Die städtebauliche Planung nach menschlichem Maß schafft attraktive öffentliche Stadträume für Menschen, die zu Fuß gehen, und berücksichtigt deren vom Körper diktierte Bedürfnisse und Möglichkeiten.“ Wie sehr Wien diese Ansprüche im öffentlichen Raum erfüllt, das wird auch bei den Walks in Wien Thema sein.

Tipp

„Jane’s Walk“. Die Spaziergänge am 5., 6. und 7. Mai führen in verschiedenste Viertel und Themengebiete. Die Walks im Detail: www.janeswalk.org

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