Die Erben der Einhörner

Das Einhorn ist so gut wie passé, jetzt beginnt die Hochsaison der Flamingos. Warum die Mode-, Deko- und sogar die Luftmatratzenbranche ständig auf neue Trendtiere setzen.

Die pinkfarbenen Paradiesvögel erobern derzeit auch Strände und Pools. Nach den Einhornluftmatratzen sieht man heuer viele Flamingos.
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Die pinkfarbenen Paradiesvögel erobern derzeit auch Strände und Pools. Nach den Einhornluftmatratzen sieht man heuer viele Flamingos.
Die pinkfarbenen Paradiesvögel erobern derzeit auch Strände und Pools. Nach den Einhornluftmatratzen sieht man heuer viele Flamingos. – (c) Retales Botijero / Westend61 / picturedesk.com

Vermutlich sind die Katzen schuld. Oder eine ganz bestimmte, Hello Kitty nämlich. Geboren 1974 in Japan, mit vollem Namen Kitty White, vielfach repliziert auf T-Shirts, Halstüchern, Polstern und Küchenutensilien, und zwar mit dem immer gleichen Konterfei: weißer Körper, Knopfaugen, drei Schnurrbarthaare an jeder Backe, dafür kein Mund (wieso eigentlich kein Mund?) und eine bunte Schleife oder Blume an das (meist) rechte Ohr gesteckt. War die weiße Kitty gut zwei Jahrzehnte nur als Mädchenspielzeug und vorwiegend in Japan beliebt, eroberte sie ab Mitte der Neunzigerjahre alle Erdwinkel und die Herzen von Teenagern und Erwachsenen. Der japanischen Firma Sanrio gelang es also die in ihrer Heimat gebräuchliche Kawaii-Kultur, die Ästhetik und Hinwendung zur Niedlichkeit, in die Welt zu tragen.

Die Folgen spüren wir bis heute. Denn ständig tauchen neue auf, niedliche Tiere, die die Bekleidungs-, Spielwaren-, Einrichtungs- und Spaßartikelindustrie überschwemmen, und natürlich das Internet. Gerade war es noch das Einhorn, das man in den ausgefallensten Designs (von sehr kitschig bis sehr reduziert, stets mit Regenbogenschweif) auf Hauspatschen, Federpennalen, Schlafanzügen und Schokoladesorten entdeckte. Das Fabelwesen wird vermutlich nie wieder verschwinden, dafür ist seine Symbolik zu stark: Ein Wesen, das nicht existiert, wer daran glaubt, glaubt an das Unmögliche. Aber es bekommt zwischendurch immer wieder Konkurrenz von echten Tieren. Von Eule, Igel, Fuchs oder Reh – und seit einiger Zeit vom Flamingo.

Will man die Luftmatratzenbranche als Trendbarometer sehen, dann sind Flamingos in diesem Sommer endgültig im Mainstream angekommen. Auf dem Strand, in Swimmingpools und auf Urlaubsschnappschüssen auf Instagram sieht man auffallend viele Flamingoschwimminseln (mit Einhörnern gab und gibt es die freilich auch). Das Tier wird auf Schuhe appliziert, taucht in Düften („Pink Flamingo“ von Prada) und in der Kosmetik auf (Lipgloss von Marc Jacobs).

Rückkehr eines Paradiesvogels

„Der Flamingo ist aber schon länger da“, sagt Gabriele Schiepek, Inhaberin eines Schmuckgeschäfts in der Wiener Teinfaltstraße. „Es gab schon in den 1950ern Steckflamingos, die sich Amerikaner in ihre Vorgärten gestellt haben.“ Also das Pendant zum mitteleuropäischen Gartenzwerg. Auch sie habe diese Deko lange im Geschäft angeboten, derzeit zieren verschiedene Flamingo-Ohrringe ihre Auslage. Dass der Vogel wieder en vogue ist, gefällt ihr; für den Einhorntrend konnte sie sich nämlich kaum begeistern: „Das ist doch eine reine Mädelgeschichte.“ Das stimmt so zwar nicht, aber es wird klar, was sie meint: Das Einhorn ist verspielter, kindlicher, eben fabelhaft. Der Flamingo hingegen steht mit seinen (oft, aber nicht ausschließlich) rosafarbenen Federn, dem langen Hals und seinen Stelzenbeinen für eine gewisse Eleganz und Makellosigkeit. Und für etwas Paradiesisches. Dort, wo der Flamingo heimisch ist, wollen wir alle hin. Nicht umsonst taucht der Paradiesvogel häufig im Gespann mit Ananas oder Palme auf. Das Tier heißt übrigens auf Deutsch und Englisch gleich, im Italienischen trägt es den schönen Namen „il fenicottero“, und im Spanischen heißt es wie der Tanz, „el flamenco“.

Gabriele Schiepek klingt beinahe abgeklärt, wenn sie über die Seltsamkeiten der Schmuck- und Modebranche spricht, es gebe doch „eigentlich immer ein Tier“, das plötzlich alles dominiere, resümiert sie. Als sie 1986 ihr Geschäft aufgesperrt hat, waren es Bären. Braunbären. „Auf Ketten, Ringen oder Ohrringen – und das alles gab es dann auch noch mit Gummibären.“ Sie habe diesen Trend damals verweigert. Auch die Diddl-Maus kam nicht in ihr Geschäft. Jene (auch wieder weiße) Comicfigur mit den großen Füßen und Ohren des deutschen Illustrators Thomas Golletz, die ab Mitte der Neunzigerjahre, ähnlich wie Kitty, aus den Comicheften auf Taschen, T-Shirts und Taschentücher wanderte. Gabriele Schiepek erzählt, sie habe sogar einmal eine frisch eingestellte Mitarbeiterin gebeten, ihre Diddl-Maus-Sammlung vom Rucksack zu nehmen, wenn sie bei ihr arbeiten wolle. „Eine Zeit lang war das Gegenständliche, Lustige ganz weg“, sagt Schiepek. Seit einigen Jahren ist es wieder da und wird durch digitale Kanäle wie Instagram und Pinterest verstärkt. Es sind Symbole, mit denen sich viele Menschen identifizieren können. Das Erstaunliche ist: Wer Einhorn, Flamingo und Co. trägt, will sich damit vom Einheitsbrei abheben, individuell sein und merkt gar nicht, dass er dabei ist, eine neue Uniform zu etablieren.

Älter als Kitty

Der Flamingo existiert als Deko-Element also sogar länger als Kätzchen Kitty. Und das hat viele Gründe. In den Siebzigerjahren wurde das gefiederte Tier, vor allem durch John Waters' Dragqueen-Film „Pink Flamingos“, zu einem Symbol der exentrischen Schwulenbewegung. Das „Zeit-Magazin“ schrieb schon 2016: „Der bunte, wilde Vogel, einst Wahrzeichen suburbaner Zufriedenheit, später des schwulen Stilprotests, dient heute dem Mainstream als Symbol der Lebensfreude.“ Na dann. Neugierig, welches Tier als Nächstes trendet? Die Anfang des Jahres vorhergesagte Qualle hat sich bislang nicht so recht durchgesetzt. Aber das Lama, das wird das Trendtier 2018.

Das Tier

Flamingos, lateinisch Phoenicopteridae, sind eine sehr alte Vogelgruppe, die auf das Eozän (56–33,9Mio. Jahre vor unserer Zeit) zurückgehen und in Süd-, Mittel- und Nordamerika, Afrika und Südwestasien vorkommen, sowie in Teilen Europas, etwa im Norden Frankreichs, den Niederlanden, in Dänemark und Deutschland und sich durch ihr rosafarbenes Gefieder auszeichnen.

Google liefert derzeit beim Wort Flamingo 133 Millionen Ergebnisse. Zum Vergleich: Unter dem Wort Einhorn liefert Google 23,6 Millionen Ergebnisse, unter dem englischen Wort „unicorn“ gar 208 Millionen.

Wer in Onlinesupermärkten nach Flamingos sucht, stößt allerdings auch auf Spaßschilder wie dieses, das anzeigt, dass man das Einhornland verlässt und sich einer Flamingofarm nähert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2017)

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