Autodrom, Slimey und Punsch

Kommende Woche öffnen wieder die Adventmärkte, manche mit Programmpunkten, die nicht sehr weihnachtlich scheinen. Dabei wollen die Besucher vor allem eines: Punsch.

Punsch, Glühwein und noch viel mehr: Das Angebot auf Weihnachtsmärkten - hier der Christkindlmarkt am Rathausplatz - wird immer breiter.
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Punsch, Glühwein und noch viel mehr: Das Angebot auf Weihnachtsmärkten - hier der Christkindlmarkt am Rathausplatz - wird immer breiter.
Punsch, Glühwein und noch viel mehr: Das Angebot auf Weihnachtsmärkten - hier der Christkindlmarkt am Rathausplatz - wird immer breiter. – (c) FABRY Clemens

Das Flair sollte ein besonderes sein, die Kulisse eine hübsche, die Musik weihnachtlich (aber bitte nicht Last Christmas!). Und natürlich muss es Punsch geben, den man in der Kälte trinkt und dabei auf die Stände mit den Schafmilch-Seifen und Bienenwachs-Kerzen schauen kann.

Diese Grundausstattung eines jeden Weihnachtsmarkts ist aber längst nicht mehr alles. Bei Weitem nicht. Landauf, landab haben viele Weihnachtsmärkte aufgerüstet und bieten mittlerweile unüberschaubar viel Rundherum-Begleitprogramm.

Neben vielen netten Ideen ist dabei eine Entwicklung zu beobachten, die durchaus nachdenklich stimmen darf: Denn viele Programmpunkte haben mit Weihnachten wenig bis gar nichts mehr zu tun. Autodrom-Fahren hier, Fechtvorführungen dort. Beim Christkindlmarkt auf dem Rathausplatz, dem größten und buntesten der Stadt, können Kinder neben einschlägig-weihnachtlichen Dingen heuer an einer Forschungsstation unter anderem glitschigen Schleim herstellen, der hier als „Weihnachts-Slimey“ daherkommt. Macht sicher Spaß, besinnlich aber eher nicht. Auch das heuer neue Handyspiel, bei dem man virtuelle Geschenkpackerl auf dem Markt suchen muss, wird Weihnachtsmarkt-Puristen nicht ganz ins Konzept passen. Da man die virtuell gesammelten Packerl aber gegen reale Geschenke für bedürftige Kinder eintauschen kann, wird das Spiel immerhin dem guten Zweck gerecht. (Für selbigen trinkt man ja gern auch den einen oder anderen Punsch an einem der karitativen Stände.)

Auf dem Markt am Karlsplatz, einem der stimmigsten der Stadt, gibt es heuer Workshops für Kinder zum Thema Klimawandel. Eine löbliche Initiative, zweifellos, aber wie viel hat das mit Weihnachten zu tun?

Roland Murauer, Geschäftsführer bei Cima Beratung und Management, nennt die Entwicklung kritisch „Aufmunitionieren. Dieser Erlebnis-Overkill auf vielen Weihnachtsmärkten entfernt sich vom eigentlichen Weihnachtsgedanken immer weiter“, sagt er. „An vielen Standorten geht das schon in Richtung Jahrmarkttrubel.“ Auch Alexander Hengl, Sprecher des Wiener Marktamts, das die Weihnachtsmärkte bewilligt und kontrolliert, beobachtet das immer breiter werdende Angebot. „Da werden Unsummen investiert“, sagt er. Vor vielen Jahren hat das Marktamt selbst den Christkindlmarkt vor dem Rathaus organisiert. „So wie das heute aufgezogen ist, würden wir das gar nicht mehr schaffen.“

Hinzu kommt, dass es neben den großen Märkte eine Vielzahl an Veranstaltungen gibt, die sich zwar „Weihnachtsmarkt“ nennen, dieser Idee aber nicht immer sehr nahekommen. Da gibt es Verkaufs-Events für Kinderbetten oder auch einen Hundeweihnachtsmarkt, bei dem es unter anderem Vorführungen im Hundeturnen (!) gibt. Aber auch, das sei erwähnt, Neuzugänge, deren Konzept durchaus stimmig wirkt: Wie das neue Adventfest der Kleinen Stadt Farm in der Lobau, das mit Lebkuchenbacken, Ponyreiten und Christbaum-Verkauf sehr besinnlich klingt. (Das geplante Eisschwimmen für mutige Besucher vielleicht weniger.)

Ziemlich viel Angebot, offenbar wird immer mehr Entertainment von den Besuchern verlangt – und das auch immer länger, einige Märkten halten auch noch nach Weihnachten offen. Einerseits. Andererseits liegt den meisten Adventmarkt-Besuchern vor allem eines am Herzen: Das Kulinarische, bevorzugt Alkoholische. Bei einer Umfrage der Wiener Wirtschaftskammer aus 2014 nannten 85 Prozent „Glühwein und Punsch trinken“ als „sehr wichtigen Grund“ für den Besuch eines Adventmarkts, gefolgt von „Spezialitäten essen“. Auch Cima kam in einer Umfrage zu ähnlichen Resultaten. „Fragt man Besucher, was ihnen auf dem Markt wichtig ist, sagen sie zuerst Kunsthandwerk“, sagt Murauer. Fragt man aber, wofür sie Geld ausgeben, zeigt sich, dass 67 Prozent der Ausgaben in den Sofortkonsum fließen. Punsch, Glühwein, Ofenkartoffeln also.


Trink-Gelage. Kunsthandwerk schätzen die österreichischen Besucher nämlich vor allem als hübsche Kulisse, gekauft wird wenig. (Dass diese Stände trotzdem gut laufen, liegt laut Murauer vor allem an den Touristen). Ein paar Stände mit hochwertigem Kunsthandwerk gehören für einen guten Weihnachtsmarkt heute sowieso zum guten Ton, nicht zuletzt, um vom Image des reinen Trink-Gelages in der Kälte wegzukommen. Auf den großen Wiener Märkten darf deswegen auch nur ein Drittel der Stände gastronomischer Art sein.

All diese neuen Angebote muss, wer einen Weihnachtsmarkt besucht – im Schnitt tut dies jeder Österreicher 2,5 Mal pro Saison – natürlich nicht in Anspruch nehmen. Statt ins Autodrom zu setzen, kann man sich auch einfach beim Glühweinstand anstellen. Und irgendwann kommt garantiert Last Christmas. So wie immer schon. 

Weihnachtsmärkte

In Wien gibt es ab Ende kommender Woche 20 große Weihnachtsmärkte auf öffentlichen Plätzen. Überblick: www.wien.gv.at/freizeit/einkaufen/maerkte/weihnachtsmaerkte.html

Dazu kommen unzählige Märkte auf Privatgrund, eine kleine Auswahl: Weihnachtszauber Schloss Wilhelminenberg(tägl., ab 17. 11.), mittelalterlicher Adventmarkt beim Heeresgeschichtlichen Museum (30. 11. bis 3. 12.). Für Hunde und Besitzer gibt es den Hundeweihnachtsmarkt (1. bis 3.12., Heuriger Steinklammer, hundeweihnachtsmarkt.at). Heuer neu: Der Indoor-Markt Kitschmas (1., Walfischg. 13, ab 17. 11. www.kitschmas.wien). Und am 2. 12. lädt die Kleine Stadtfarm zumAdventfest (22., Naufahrtweg 14, www.nalela.at).

Zahlen

24

Euro gibt jeder Österreicher laut Cima-Umfrage pro Besuch am Weihnachtsmarkt aus.

67

Prozent der Ausgaben werden für den Sofortkonsum – also Punsch, Glühwein und Speisen – ausgegeben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2017)

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