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Vintage-Couture: Heute war gestern

03.03.2010 | 14:48 |  von Daniel Kalt (Die Presse - Schaufenster)

Was Mode mit Rotwein gemein hat? Alt kann auch gut sein. Ganz besonders gut verträgt sich Vintage-Couture dabei mit roten Teppichen.

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So viel steht fest: Wenn Oscar ist und in Los Angeles der rote Teppich ausgerollt wird, dann führt die eine oder andere Hollywooddame auch wieder eine Vintagerobe aus. Denn: So zelebriert man hier gehobenes Stilbewusstsein, und das ist spätestens seit 2001 en vogue – damals nahm Gewinnerin Julia Roberts ihr goldiges Kerlchen in einer Vintage-Robe von Valentino entgegen. Sie war zwar weder die Erste noch die Einzige, die diesen stilistischen Kunstgriff tat, trotzdem verhalf erst ihre Siegerinnenpose der Vintage-Couture zu einem regelrechten Triumphzug.

Alles nur Secondhand? Die Angelegenheit entbehrt
allerdings nicht einer begrifflichen Schwammigkeit. Unklar bleibt, wo Vintage anfängt und Secondhand aufhört – handelt es sich gar um zwei Ausdrücke für dasselbe Phänomen? Über ein verbindliches Mindestalter wollte die amerikanische Boutiquebesitzerin Elizabeth Mason in einem Interview ihren Zugang finden: Mindestens zwanzig Jahre alt müsse ein Modell sein, sonst könne unmöglich von Vintage gesprochen werden. Pikanterweise entspricht aber nicht einmal die Robe von Julia Roberts, immerhin Anlassfall für den, salopp formuliert, Edelaltkleiderhype, diesem Kriterium – ihr Valentinomodell zählte 2001 zarte neun Lenze. Etymologische Sorgfalt ist ebenso wenig hilfreich – leitet sich doch das nobel anmutende „Vintage“ über den Umweg des Englischen aus dem Französischen ab, in dem es zuvorderst Jahrgangsportweine bezeichnet. Wiewohl durchaus stimmig, ist der vage Eindruck auserlesener Kostbarkeit kein in Stein gemeißeltes Kriterium.

Ingrid Raab und ihr Gatte Karl betreiben mit der Boutique flo die beste Wiener Adresse für „nostalgische Mode
von 1880 bis 1980“ und sprechen derweil Klartext: „Secondhand ist das, was Sie gestern noch getragen und ausgezogen haben und dann zur Altkleidersammlung geben.“ Und Vintage folglich – alles verbleibende gut erhaltene Textil. Mit dem auratischen Mehrwert eines Unikats aufgeladen, so könnte man, laut Walter Benjamin, die Vintage-Mode wahrnehmen und damit das Verschwimmen der Grenzen zwischen Haute Couture und Prêt-à-porter. Obendrein spendet die Patina vergangener Tage tröstliches Wissen um die Vermeidbarkeit der schlimmstdenkbaren modischen Peinlichkeit auf dem gesellschaftlichen Parkett: Schließlich ist nicht zu erwarten, dass für dasselbe Ereignis von zwei Personen die gleiche Rarität als Abendoutfit aufgetrieben wird. „Wir haben“, so Ingrid Raab, „jedes Jahr drei bis fünf Kleider auf dem Opernball. Früher haben hauptsächlich Kunden aus der Kunstszene bei uns eingekauft. Das hat sich in den letzten Jahren verändert.“ Wien liegt offenbar ganz im Trend, denn ob Hollywood-Diven oder eben ihre im Hintergrund wirkenden Stylisten, geschmacklich trittsichere Gesellschaftsdamen oder Designer auf der Suche nach Input – die Anhängerschar von Vintage-Mode wächst ständig.

Die Vintage-Lüge. Da ein geradezu wesenshaftes Interesse der Mode daran besteht, mit der Zeit zu gehen, war unvermeidbar, dass es irgendwann zum Kurzschluss zwischen Tagesaktuellem und Betagtem kommen würde. So macht sich eine Zweitlinie wie Marc by Marc Jacobs im Grunde als eine Art Remix aus Pseudo-Vintage
aus, Rykiel lancierte eine „Modern Vintage“-Kollektion, und ein D&G-T-Shirt affichierte 2004 gar „J’adore le vintage“ – die Rede war nicht von Portwein.

Auf der anderen Seite warf man die Frage auf, ob Mode von gestern auch als Investitionsobjekt zu gebrauchen sei. 2009 schloss folgerichtig das bedeutende Münchner Auktionshaus Neumeister zu modeerfahrenen Konkurrenten wie Christie’s auf und wagte sich erstmals an das Unterfangen einer reinen Vintage-Versteigerung. Die Leiterin der Modesammlung des Wien Museums, Regina Karner, gibt derweil zu bedenken: „Wenn jemand an uns herantritt und uns Stücke zu exorbitanten Preisen anbietet, weise ich immer auf eines hin: Ein Kleidungsstück, aus welchem Material auch immer, ist dem Verfall preisgegeben. Kleidung ist sicher vergänglicher als andere Objekte.“

Während das Wien Museum in seinem modernen Depot ideale Bedingungen für seine 21.000    Exponate schafft, dürfte dies für Endverbraucher eher schwierig sein. Und doch versichert die Modehistorikerin, dass sie keineswegs erschaudere, wenn ihr jemand in kostbarer Nostalgiemode über den Weg läuft: „Eigentlich freue ich mich da eher – es gibt nach wie vor Damen, die diese Stücke tragen, und das ist doch etwas sehr Schönes.“ Schützenhilfe bekommen besagte Damen von einer Pionierin in diesem Bereich, denn Ingrid Raab eröffnete ihre Boutique vor stolzen 32 Jahren, während derer sie sich für ihr umfangreiches Sortiment einen weltweit anerkannten Namen gemacht hat.

Trendscouts in Wien. Der Großteil der auf Kommission angenommenen Stücke stammt zwar aus österreichischen Kleiderschränken, die sind aber offenbar mitunter auch mit internationaler Markenware befüllt. Wen es allerdings grundsätzlich eher nach Courrèges und Madame Grès
gelüstet als nach Adlmüller und Flöge, sollte eine Paris-
Reise andenken: Die wunderschöne Boutique von Didier Ludot im imposanten Arkadenhof des Palais Royal ist gewiss einen Abstecher wert. Das Preisniveau – Paris oblige – ist dementsprechend hoch. In Wien, wo Vintage günstiger zu haben ist, werden ebenfalls edle Stücke gehandelt. Frau Raab gibt mit einigem Stolz Anekdoten von der illustren Kundschaft zum Besten, trendscoutende Assistentinnen von Marc Jacobs shoppten in der Schleifmühlgasse ebenso wie eine etwas forsch auftretende Stella McCartney.

Kreatives Räderwerk wird nicht selten mit Brennstoff aus der Vergangenheit befeuert: „Helmut Lang hat als erster von den großen Designern bei uns eingekauft. Er hat ausschließlich nach perlenbestickten Jugendstilkleidern gesucht.“ Exquisite Raritäten übrigens, von denen auch derzeit einige bei flo zu bestaunen sind. Dort hängen sie in unmittelbarer Nachbarschaft eines Teils mit offenkundigen Jugendstilanleihen aus einer der ersten Lang-Kollektionen. Der Kreis schließt sich, getreu dem Motto: Aus Alt mach Neu.

TIPP
flo Nostalgische Mode
Schleifmühlgasse 15a
1040 Wieden

Didier Ludot Vintage Haute Couture20 – 24
Galerie de Montpensier Jardin du Palais Royal
75001 Paris

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