25.05.2012 12:15 | Meine Presse Merkliste 0

Muttertag ohne Kinder: Aufstand der "bösen Mütter"

08.05.2010 | 18:42 |  von Doris Kraus (Die Presse)

Immer mehr Frauen wehren sich gegen die Tyrannei der selbstlosen und aufopfernden Mutterliebe. Und träumen zum Beispiel von einem Muttertag der völlig anderen Art: Einem Tag nur für sich, ganz ohne Kinder.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

In tausenden Haushalten ist jetzt gerade Hochbetrieb. Kinder verwüsten die Küche in dem löblichen Bestreben, der Mama eine Freude zu machen: mit einem Muttertagsfrühstück. Die Hauptperson liegt derweil im Bett, beißt die Zähne zusammen und betet, dass die Kinder die Existenz des guten Service vergessen haben, die Milch nicht total anbrennen lassen und die teure Nespresso-Maschine das Experiment überlebt. Und träumt möglicherweise heimlich von einem Muttertag der völlig anderen Art: einem Tag nur für sich, ganz ohne Kinder.

Aussprechen würde die gute Mutter das natürlich nie. Außer vielleicht in anonymisierten Umfragen, die auf die Frage, was sich Mütter wirklich wünschen, regelmäßig dasselbe Ergebnis erbringen: Zeit für sich. Ganz allein. Höchstens noch mit dem Partner oder mit Freunden.

Ayelet Waldman machte den Fehler, derartige „Rabenmütter“-Gefühle laut zu äußern. Die ehemalige Strafverteidigerin, Ehefrau des Schriftstellers Michael Chabon („Wonder Boys“) und vierfache Mutter erklärte in einem Artikel für die „New York Times“ vor einiger Zeit, dass sie ihren Mann mehr liebe als ihre Kinder. Mehr brauchte sie nicht. Waldman wurde von der Mütterpolizei auf die Most-wanted-Liste gesetzt und monatelang öffentlich abgewatscht. Jetzt hat sie ihren Schock über die Reaktionen auf ihr Bekenntnis verarbeitet – und zwar schriftlich. Das Buch „Böse Mütter“ erscheint im Juli auch auf Deutsch.

Lesen dürften es viele Mütter mit großem Vergnügen, hohem Wiedererkennungswert, viel Sympathie und der einen oder anderen Einsicht. Denn schön langsam regt sich unter Frauen Widerstand gegen das Konzept der selbstlosen und aufopfernden Mutterliebe, das sich als Relikt des romantischen 19. Jahrhunderts bis heute erhalten hat. Dieses Bild sieht die Mutterliebe als die absolute, höchste und reinste Form der Liebe. Als natürlich, allgegenwärtig und nicht verhandelbar.

Spielt es da eine Rolle, dass diese Form der Mutterliebe auch im 19. Jahrhundert eher selten gelebt wurde? Dass die Frauen, die es sich leisten konnten, die Kinder Ammen und Kinderfrauen überließen, und die anderen ohnedies keine Zeit hatten, sich um hehre mütterliche Ideale zu kümmern? Ja, schon. Vor allem deshalb, weil diese absolute Mutterliebe heute kategorischer verstanden und eingefordert wird denn je. Als eine Art letzte verlässliche menschliche Bastion in einer komplexen Welt. Leider ist dieser Anspruch der totalen Mutterliebe heute kein bisschen realistischer als im 19. Jahrhundert. Aus unerfindlichen Gründen gibt es allerdings viel mehr Frauen, die unter noch schwierigeren Bedingungen als damals versuchen, ihm gerecht zu werden.


Oxytocin und Baby-Blues. Das Einfachste an der Mutterliebe ist, dass sie uns sozusagen von der Natur frei Haus geliefert wird. Das sagt zumindest die Wissenschaft. Das Hormon Oxytocin, das während der Geburt ausgeschüttet wird, verursacht ein High an Liebesbereitschaft und Liebesfähigkeit. Stimuliert man diesen Botenstoff noch durch möglichst viel direkten Körperkontakt zwischen Mutter und Kind, kann nicht mehr viel schiefgehen. Oder vielleicht doch. Schließlich gibt es gar nicht so selten Mütter mit Baby-Blues, die sich schon am Tag nach der Geburt etwas ratlos und sehr frustriert von den Idealvorstellungen der Mutterliebe verabschieden müssen. Und die Beziehung zu ihrem Kind mit dem schlechten Gewissen beginnen, schon in der Stunde null etwas falsch gemacht zu haben.

Das schlechte Gewissen ist in Wahrheit überhaupt die treibende Kraft der modernen idealen Mutterschaft. Man denke nur an einige der Grundvoraussetzungen, die die wirklich gute Mutter mitbringen sollte: Sie hat immer für das oder die Kinder da zu sein; sie muss ihre Kinder immer lieben, egal, was diese anstellen und wie sie sich aufführen; sie muss die viele Zeit, die sie mit ihren Kindern zu verbringen hat, immer genießen und darf nie sagen, dass sie irgendetwas davon anödet. Sie muss mit Laserblick jedes Talent und jede Schwäche ihres Kindes erkennen, fördern bzw. ausmerzen und darf keine Sekunde ihre Funktion als Bodyguard vergessen.

Die Gesellschaft ist ganz zufrieden damit, dass die Mamis mit derartigen unerfüllbaren Aufgaben beschäftigt sind. Umso mehr, als Mütter untereinander dafür sorgen, dass dieses System auch erhalten wird. Das Ergebnis sind allerdings oft Mutter-Kind-Beziehungen, denen es ein bisschen an Sauerstoff fehlt. „Selbstlosigkeit und Aufopferung sind weder für die Mutter noch für das Kind das Wahre“, sagt Sabine Buchebner-Ferstl, Psychologin am Österreichischen Institut für Familienforschung. Und deshalb haben „böse Mütter“ wie Ayelet Waldman derzeit Rückenwind. „Böse Mütter“ sind keine schlechten Mütter, die ihre Kinder prügeln, vernachlässigen oder emotional ausnützen. Sie sind allerdings Mütter, die nicht nur geben, sondern sich auch nehmen, was sie brauchen. Ohne deshalb gleich wieder von schlechtem Gewissen geplagt zu werden oder seelisch in die Knie zu gehen, wenn sie von der „Mütterpolizei“ dafür schief angeschaut werden.

Damit tun sie auch ihren Kindern einen großen Gefallen. Denn ständige Selbstverleugnung macht weder eine gute Mutter noch sorgt sie für entspannte Stimmung noch ist das vorbildhaft. Kinder haben Besseres verdient. Zum Beispiel eine entspannte Mutter, die den Muttertag ohne sie feiert. Danke übrigens fürs Frühstück!

TIPPS
Lieselotte Ahnert: Wieviel Mutter braucht ein Kind? Spektrum-Verlag

Gaby Gschwend: Mütter ohne Liebe. Vom Mythos der Mutter und seinen Tabus. Hans Huber Verlag

Deborah Blum: Die Entdeckung der Mutterliebe. Die legendären Affenexperimente des Harry Harlow. Beltz-Verlag

Ayelet Waldman: Böse Mütter. Klett-Cotta. Erscheint am 23. Juli 2010 auf Deutsch

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2010)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

15 Kommentare
0 0

ich glaube soviel selbstdisziplin und taktgefühl

sollte man aufbringen, wenn man den mann mehr liebt als seine kinder, besser zu schweigen. wem ist mit der schockierenden wahrheit (für die armen kinder) geholfen?

muttertag mit angebrannten milchtöpfen sind von kurzer dauer, also kein malheur und so abgerackert ist heutzutage auch keine mutter mehr (dank waschmaschinen geschirrspüler fertigprodukten etc.) dass sie tatsächlich nach einem freien tag lechzen müsste.

muttertag sollte meiner meinung nach in erster linie ein festtag für meine kinder sein und *herausgeputzt und fein* sollen sie an diesem tag ihre mama (wenn es will) genießen dürfen.

unsere kinder machen uns doch erst zu mütter und daher bin ich an diesem tag besonders dankbar für die gnade welche zu haben!

0 0

Unsere Gesellschaft ist wohlstandsverwahrlost und dekadent!

Prof. Miegel in seinem neuen fantastischem Buch: "EXIT - Wohlstand ohne Wachstum":

"Wir leben in einer erwerbsarbeit- und konsumfokussierten Gesellschaft. Da mögen Kinder ja ganz nett sein. Aber so nett sind sie nun auch wieder nicht, um ihretwegen Konsummöglichkeiten und Karrierechancen zu schmälern. Vor diesem Hintergrund wirken Bemühungen von Staaten und gesellschaftlichen Gruppen beinahe rührend: mehr Kindergeld, Krippenplätze und Ganztagsschulen... Das alles ist gut und recht...Nur ändern sie nichts daran, dass hochproduktive, hochmobile und auf Erwerbsarbeit, materielle Wohlstandsvermehrung und Wirtschaftswachstum fokussierte Gesellschaften ganz einfach kein geeignetes Biotop für Kinder sind."
Sein Fazit: "Das ist sie, die westliche Gesellschaft: an der Oberfläche bunt und glänzend, darunter aber morsch und zerbrechlich. Wenn über einen längeren Zeitraum hinweg die Kinderjahrgänge einer Bevölkerung zahlenmäßig kleiner sind als die Elternjahrgänge, dann stirbt diese Bevölkerung irgendwann aus. Ihr tradiertes Gesellschaftsmodell geht dabei zu Bruch. Füllt sie die entstehenden Lücken durch Zuwanderer, ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese ihr eigenes Gesellschaftsmodell durchsetzten und andere Modelle an den Rand drängen."
Die Philosophie HINTER-UNS-DIE-SINTFLUT ist die Maxime der derzeitigen selbstverliebten, dekadenten Gesellschaft!

elbin1
10.05.2010 18:57
0 0

erstaunlich die postings zu diesem artikel

klar dürfen mütter mal richtig frei haben. ich finde auch, dass das ein schönes geschenk ist. jeder mensch braucht mal zeit ausschließlich für sich. auch mütter. very simple. hat nichts mit degeneration zu tun. im gegenteil, mit gesundung. bedauernswert sind diese, die sich das meist aus finanziellen gründen nicht organisieren können.

Peregrin
10.05.2010 10:39
1 0

Artikel passt

... zu einer degenerierten, kinderlosen Gesellschaft.

Gast: Nicki
10.05.2010 09:04
0 0

Mütter von heute

Es wäre wünschenswert, wenn beide Partner in beiden Welten leben könnten, in der Familienwelt und Arbeitswelt, beide hätten dann mehr Verständnis für die Probleme des Anderen,
es ist nicht gut, wenn die Mutter mit dem Kind alleine gelassen wird und auch nicht wenn der Vater alleine für die Familie sorgen muss,
Einfach nur zu sagen, das ist halt so und kann nicht geändert werden, führt nur geradewegs entweder ins Aussterben oder in noch höheren Scheidungszahlen,
Kinder nerven manchmal und manchmal ist es einfach das Größte/Schönste/Tollste auf der Welt, das wird man doch sagen dürfen, also aufhören mit der Lobhuddelei, das kommt meistens von jenen, die sich nicht sehr viel mit ihren Kindern beschäftigen,


Gast: Hugoin
10.05.2010 08:14
0 0

Denkin!

Abhilfe kann geschaffen werden: Vorher denkinnen, dann pempern(innenin)!

Gast: gästinin
09.05.2010 18:12
0 0

ininninen


nur für SICH, ganz ALLEIN -- schönes EINSAMES Leben, das EGOISTINNEN fürhren.

LOL

.

Gast: Oedipus
09.05.2010 14:47
0 0

Muttertag..

ohne Mütter...

Logisch

Gast: Durchblick
09.05.2010 13:03
4 1

Die "armen" Mütter...

Boah, da tun mir die "armen" Mütter ja richtig leid... Leider weiß kaum jemand, wie wichtigst die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind ist. Weil fast alle verdrängen, dass sie selbst nicht geliebt wurden. (Ups, gesellschaftliches Tabu!) Natürlich ist es gut und wichtig für Mütter, sich einzugestehen, wenn die Liebe fehlt. Das muss aber weiterhin problematisiert werden (nicht skandalisiert!), sonst hat das schwerwiegendste Folgen für die wirklich armen Kinder, die das Licht der Welt erblicken und voller Empathie die Ablehnung der Mutter spüren und nicht verstehen können, warum sie nicht erwünscht sind.
Feminismus berücksichtigt leider überhaupt nicht das Wohl der Kinder. Unter anderem deshalb ist er für frustrierte Frauen, die sich ständig nur in der Opferrolle sehen.

Ophicus
09.05.2010 08:06
4 0

Nicht neu

Seltsam, dass Ayelet Waldman hier nur über ihren ehemaligen Beruf und den Beruf ihres Mannes definiert wird. Dass die vierfache Mutter nicht erst durch die Kritiken dazu bewegt wurde ein Buch zu schreiben sondern schon davor eine durchaus erfolgreiche Schriftstellerin war fällt völlig unter den Tisch.
Auch hat sie nicht einfach nur gesagt, dass sie ihren Mann mehr liebt, als ihre Kinder. Sie hat ganz allgemein gesagt, dass eine "Hierarchie der Liebe" in einer erfolgreichen Ehe notwendig ist, und dass man auch den Kindern klar sagen soll, dass sie was die Liebe betrifft an zweiter Stelle kommen.
Sie hat also nicht nur "ihre Gefühle" geäußert, sondern über allgemeingültige Grundsätze des Familienlebens philosophiert. Dass so etwas eine Diskussion und auch Kritik anregt ist nicht so wirklich verwunderlich.

Inhaltlich ist der Artikel natürlich berechtigt, wenn auch etwas überzogen.
Das schlechte Gewissen ist heute überhaupt die treibende Kraft der Gesellschaft. Selbstlose Aufopferung oder "Solidarität" wird nicht nur von Müttern gefordert.

Übrigens werden Mütter nicht nur abgewatscht, wenn Sie ihren Kindern zu wenig Zeit opfern, sondern auch, wenn sie es doch tun. Allerdings dann eben von der anderen Seite, die mit eben solcher Selbstverständlichkeit meinen die Selbsterfüllung würde sich nur durch bezahlte Arbeit einstellen.
Wobei mir hierzulande noch selten wer untergekommen ist, der Eltern den Wunsch nach einem kinderfreien Urlaub übel genommen hätte.

Gast: Fellini
09.05.2010 07:13
2 0

netter Artikel...

..vor allem das verklärte Bild auf Mutterliebe, das historisch nicht haltbar ist. Aber den Presselesern wird das nicht gefallen;-)

Merlin
08.05.2010 21:42
3 3

Haha

Sehr witzig: "selbstlos und aufopfernd" - sind doch überwiegend "Sozialfälle" und kassieren tüchtig vom (Ehe)mann und vom Staat.

Antworten Gast: roland
09.05.2010 12:01
0 2

Re: Haha

bin ich froh nicht so frustriert zu sein wie du armer mensch

blablub
08.05.2010 21:38
1 6

...

Na wenn die Babsi das liest wird sie aber wütend werden. All ihre Ideale in den Dreck gezogen!!! ;)

Antworten Gast: Ingrid Augustin
09.05.2010 14:23
3 0

Die Wahl ist vorbei, also hören Sie auf, sich aufzuregen.