In tausenden Haushalten ist jetzt gerade Hochbetrieb. Kinder verwüsten die Küche in dem löblichen Bestreben, der Mama eine Freude zu machen: mit einem Muttertagsfrühstück. Die Hauptperson liegt derweil im Bett, beißt die Zähne zusammen und betet, dass die Kinder die Existenz des guten Service vergessen haben, die Milch nicht total anbrennen lassen und die teure Nespresso-Maschine das Experiment überlebt. Und träumt möglicherweise heimlich von einem Muttertag der völlig anderen Art: einem Tag nur für sich, ganz ohne Kinder.
Aussprechen würde die gute Mutter das natürlich nie. Außer vielleicht in anonymisierten Umfragen, die auf die Frage, was sich Mütter wirklich wünschen, regelmäßig dasselbe Ergebnis erbringen: Zeit für sich. Ganz allein. Höchstens noch mit dem Partner oder mit Freunden.
Ayelet Waldman machte den Fehler, derartige „Rabenmütter“-Gefühle laut zu äußern. Die ehemalige Strafverteidigerin, Ehefrau des Schriftstellers Michael Chabon („Wonder Boys“) und vierfache Mutter erklärte in einem Artikel für die „New York Times“ vor einiger Zeit, dass sie ihren Mann mehr liebe als ihre Kinder. Mehr brauchte sie nicht. Waldman wurde von der Mütterpolizei auf die Most-wanted-Liste gesetzt und monatelang öffentlich abgewatscht. Jetzt hat sie ihren Schock über die Reaktionen auf ihr Bekenntnis verarbeitet – und zwar schriftlich. Das Buch „Böse Mütter“ erscheint im Juli auch auf Deutsch.
Lesen dürften es viele Mütter mit großem Vergnügen, hohem Wiedererkennungswert, viel Sympathie und der einen oder anderen Einsicht. Denn schön langsam regt sich unter Frauen Widerstand gegen das Konzept der selbstlosen und aufopfernden Mutterliebe, das sich als Relikt des romantischen 19. Jahrhunderts bis heute erhalten hat. Dieses Bild sieht die Mutterliebe als die absolute, höchste und reinste Form der Liebe. Als natürlich, allgegenwärtig und nicht verhandelbar.
Spielt es da eine Rolle, dass diese Form der Mutterliebe auch im 19. Jahrhundert eher selten gelebt wurde? Dass die Frauen, die es sich leisten konnten, die Kinder Ammen und Kinderfrauen überließen, und die anderen ohnedies keine Zeit hatten, sich um hehre mütterliche Ideale zu kümmern? Ja, schon. Vor allem deshalb, weil diese absolute Mutterliebe heute kategorischer verstanden und eingefordert wird denn je. Als eine Art letzte verlässliche menschliche Bastion in einer komplexen Welt. Leider ist dieser Anspruch der totalen Mutterliebe heute kein bisschen realistischer als im 19. Jahrhundert. Aus unerfindlichen Gründen gibt es allerdings viel mehr Frauen, die unter noch schwierigeren Bedingungen als damals versuchen, ihm gerecht zu werden.
Oxytocin und Baby-Blues. Das Einfachste an der Mutterliebe ist, dass sie uns sozusagen von der Natur frei Haus geliefert wird. Das sagt zumindest die Wissenschaft. Das Hormon Oxytocin, das während der Geburt ausgeschüttet wird, verursacht ein High an Liebesbereitschaft und Liebesfähigkeit. Stimuliert man diesen Botenstoff noch durch möglichst viel direkten Körperkontakt zwischen Mutter und Kind, kann nicht mehr viel schiefgehen. Oder vielleicht doch. Schließlich gibt es gar nicht so selten Mütter mit Baby-Blues, die sich schon am Tag nach der Geburt etwas ratlos und sehr frustriert von den Idealvorstellungen der Mutterliebe verabschieden müssen. Und die Beziehung zu ihrem Kind mit dem schlechten Gewissen beginnen, schon in der Stunde null etwas falsch gemacht zu haben.
Das schlechte Gewissen ist in Wahrheit überhaupt die treibende Kraft der modernen idealen Mutterschaft. Man denke nur an einige der Grundvoraussetzungen, die die wirklich gute Mutter mitbringen sollte: Sie hat immer für das oder die Kinder da zu sein; sie muss ihre Kinder immer lieben, egal, was diese anstellen und wie sie sich aufführen; sie muss die viele Zeit, die sie mit ihren Kindern zu verbringen hat, immer genießen und darf nie sagen, dass sie irgendetwas davon anödet. Sie muss mit Laserblick jedes Talent und jede Schwäche ihres Kindes erkennen, fördern bzw. ausmerzen und darf keine Sekunde ihre Funktion als Bodyguard vergessen.
Die Gesellschaft ist ganz zufrieden damit, dass die Mamis mit derartigen unerfüllbaren Aufgaben beschäftigt sind. Umso mehr, als Mütter untereinander dafür sorgen, dass dieses System auch erhalten wird. Das Ergebnis sind allerdings oft Mutter-Kind-Beziehungen, denen es ein bisschen an Sauerstoff fehlt. „Selbstlosigkeit und Aufopferung sind weder für die Mutter noch für das Kind das Wahre“, sagt Sabine Buchebner-Ferstl, Psychologin am Österreichischen Institut für Familienforschung. Und deshalb haben „böse Mütter“ wie Ayelet Waldman derzeit Rückenwind. „Böse Mütter“ sind keine schlechten Mütter, die ihre Kinder prügeln, vernachlässigen oder emotional ausnützen. Sie sind allerdings Mütter, die nicht nur geben, sondern sich auch nehmen, was sie brauchen. Ohne deshalb gleich wieder von schlechtem Gewissen geplagt zu werden oder seelisch in die Knie zu gehen, wenn sie von der „Mütterpolizei“ dafür schief angeschaut werden.
Damit tun sie auch ihren Kindern einen großen Gefallen. Denn ständige Selbstverleugnung macht weder eine gute Mutter noch sorgt sie für entspannte Stimmung noch ist das vorbildhaft. Kinder haben Besseres verdient. Zum Beispiel eine entspannte Mutter, die den Muttertag ohne sie feiert. Danke übrigens fürs Frühstück!
Gaby Gschwend: Mütter ohne Liebe. Vom Mythos der Mutter und seinen Tabus. Hans Huber Verlag
Deborah Blum: Die Entdeckung der Mutterliebe. Die legendären Affenexperimente des Harry Harlow. Beltz-Verlag
Ayelet Waldman: Böse Mütter. Klett-Cotta. Erscheint am 23. Juli 2010 auf Deutsch
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2010)
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