Mode: Ein dickes Plus

Mit Mode in großen Größen ist gutes Geschäft zu machen – das erkennen jetzt auch Luxusbrands.

Mode dickes Plus
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Mode dickes Plus
(c) REUTERS (SHANNON STAPLETON)

Zu dick, zu dünn, zu flach, zu rund: Dass es in dieser Hinsicht im Modezirkus ein wenig eigentümlich zugeht, ist kein Geheimnis. Einerseits gilt ein Model wie Lara Stone mit Konfektionsgröße 36 als rundlich, während Karl Lagerfeld der Empörung über allzu fleischlose Mannequins wenig abgewinnen kann und sich über „mit der Chips-tüte vor dem Fernseher“ sitzende „dicke Muttis“ ereifert. Nun ja. Unter den Modemedien spielte sich mit dem Prinzip der „Fotostrecke ohne Agenturmodels“ die deutsche „Brigitte“ in den Vordergrund. Dass nicht jede Frau ohne Modelvertrag automatisch Plus-Size-Mode trägt, versteht sich allerdings von selbst; die Modellosigkeit ist also auf den zweiten Blick gar keine so gewagte Ansage. Markanter war da schon die Trendbibel „V Magazine“ mit einer „ Size Issue“ Anfang des Jahres – das Cover zierte die „Precious“-Darstellerin Gabourey Sidibe. Bemerkenswert ist auch „Vogue Curvy“, ein Online-Ableger der einflussreichen italienischen Vogue, der sich vielleicht Inspiration bei der wachsenden Anzahl von „kurvigen“ Modebloggerinnen geholt hat: „Frocks and Frou Frou“, „Le Blog de Big Beauty“ oder „Dollface is Candy-sweet“ punkten mit Erfahrungsberichten modebewusster Übergrößenträgerinnen.

Vorbildwirkung

Eigentlich geht es ohnehin um anderes als die zaghafte Diskussion über eine laufstegkompatible Konfektionsgrößenpalette. Übergewicht ist bekanntermaßen in den Wohlstandsgesellschaften im Vormarsch – und zwar bei allen Altersstufen. Dies
bedenkend, und zwar ungeachtet aller anderswo zu
diskutierenden Auswirkungen auf Volkswirtschaft und
Gesundheitssystem, ist es erstaunlich, wie lange die
Reaktion der ansonsten so findigen Modeindustrie auf sich warten ließ (Marks & Spencer lancierte gerade
erst – ein erschreckendes Signal übrigens – eine eigene Linie für übergewichtige Kinder).

Während, wie das „New York Magazine“ berichtet, in den USA fast zwei Drittel aller Frauen als übergewichtig gelten, fallen nur 18 Prozent des Modegesamtumsatzes in das Plus-Size-Segment. Hat diese bemerkenswerte Diskrepanz (verbunden immerhin mit dem Verzicht auf potenzielle Umsatzzuwächse) mit der intrinsischen Assoziationskette „Mode – Illusion – Perfektion“ zu tun? Dafür spräche zum Beispiel der Umstand, dass selbst für die Imagekampagne einer auf Übergrößen spezialisierten Marke ein keineswegs übergroßes Mannequin eingesetzt wird: So modelt für den Max-Mara-Ableger Marina Rinaldi in der aktuellen Saison Tatjana Patitz, ehedem Mitglied der ersten Supermodel-Generation, die zwar ein bisschen in die Jahre gekommen, keineswegs aber in die Breite gegangen ist.

Dabei gäbe es auch unter den Plus-Size-Models internationale Stars; allen voran die Amerikanerin Crystal Renn, die unlängst sogar als Chanel-Testimonial herhalten durfte. Abgelichtet wurde sie dafür von Karl Lagerfeld höchstselbst, und zwar nicht einmal ein Jahr nach seinem Chips-Sager – in Stein gemeißelt ist bei dem Selbstvermarktungsprofi offenbar kaum etwas. Womöglich hat den Bibliophilen ja auch die verbalisierte Version des harten Modelschicksals umgestimmt: Renn verdankt
ihren Bekanntheitsgrad nämlich nicht zuletzt der Biografie „Hungry. Ich wollte essen. Aber ich wollte auch in der Vogue sein“ (Heyne), in der sie von Essstörungen und ihrer Absage an den Magerwahn berichtet.

Selbstbewusster Stil

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Beth Ditto – (c) beigestellt
Ebenfalls zu Ehren als üppige Modeikone gelangte die Sängerin Beth Ditto, die als illustrer Aufputz manche Fashion-Frontrow schmückt. Der britische Übergrößenspezialist Evans engagierte Ditto 2009 als Designerin für eine Kooperation, die fortgesetzt wird; soeben wurden neue Modelle präsentiert. Dass der Star selbst modelt, erhöht zweifellos die Werbewirkung. Von einer steigenden Nachfrage hofft man aber auch anderswo zu profitieren: Auf Twitter entstand nach einer Kürzestmeldung von Marc Jacobs’ Businesspartner
Robert Duffy („We gotta do larger sizes“) unlängst das Gerücht, dass auch im Hause Jacobs demnächst eine Übergrößenkollektion mit dem Arbeitstitel „Above Average“ Form annehmen werde. Know-how für das nicht ganz einfache Schnittgradieren im Bereich 44+ könnte man sich zum Beispiel beim Anbieter One Stop Plus abschauen, der auf der letzten New Yorker Modewoche mit einer eigenen Modeschau in die PR-Offensive ging – eine Premiere im illustren Fashion-Week-Kontext.

Super sexy für Super Size – das könnte man von der „Class White Label“-Linie erwarten, weil sie doch ein Roberto-Cavalli-Ableger ist. Und Letzterer lässt verlockenden Kurven bekanntlich gern freien Lauf. Allerdings wird die Zweitlinie nicht gerade offensiv kommuniziert: Lediglich ein paar deutsche Medien reagierten auf eine Presseaussendung der Kölner Boutique Di Più, die exklusiv für Deutschland die Kollektion im Angebot hat. Nach einer „Schaufenster“-Nachfrage in Cavallis Mailänder PR-Abteilung dauert es fast zwei Tage, bis die Information bestätigt wird, dass das Tochterlabel existiert. Bildmaterial gebe es keines, Samples für ein Shooting könnte man wohl irgendwo im Haus auftreiben. So viel zu medialem Hype.

Back to Basics

Über den Alltag einer Übergrößen-Boutique weiß Gabriele Maier-Umfogl Bescheid, die vor zwanzig Jahren „aus eigenem Bedürfnis“ ihren Shop Tiziana und wenig später deren Ableger Fourty Four in Wien gegründet hat. Dieser persönliche Zugang erkläre auch den anhaltenden Erfolg der Boutique, die sich an Kundinnen wendet, die auch mit Größen 44 bis 60 „ein modisches Statement setzen wollen“. Beratung und Beistand, meint Maier-Umfogl, seien wichtig – und einige Faustregeln: „Bei gewissen Farbtönen, zum Beispiel Hellrosa oder Puder, weiß man schon, dass das nicht besonders kleidsam ist. Das Thema Kleid ist auch ein bisschen schwierig.“ Dennoch vermeide sie das allzu Hausbackene – und vertraue den auf Übergrößen spezialisierten Anbietern. Denn, wie bereits angedeutet: Der Aspekt gekonnter Schnitterstellung ist entscheidend. Deshalb habe sie auch mit nordeuropäischen Marken bessere Erfahrungen gemacht als mit solchen aus Italien, wo, meint sie, korpulente Frauen anders gebaut seien als in Österreich. Um so Grundlegendes wie die konkrete Beschaffenheit von Körpern gibt es eben selbst in einer globalisierten Welt kein Herumkommen.

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