Larissa Herold steht nackt vor dem Spiegel und kann die Augen nicht öffnen. Es gefällt ihr nicht, was sie dann sieht. So schlaff hängen sie da, wie zwei kleine Melanzani, die schon längst verarbeitet gehören. Nacht für Nacht weint sie sich deshalb in den Schlaf, wickelt sich ein Handtuch um den Körper, wenn sie schwimmen geht und trägt keine Bikinis mehr. „Lass sie dir straffen“, sagen ihre Freundinnen dann. Aber Larissa Herold weiß es besser: Die Brust muss einfach größer werden. Von Körbchengröße C träumt sie. So wie damals, vor der Geburt ihres Sohnes, wo sich das filigrane Mädchen sogar D-Körbe kaufen konnte. Also macht sie sich einen Termin beim Schönheitschirurgen aus. Larissa Herold ist zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 17 Jahre alt.
Mädchen wie Larissa sind mittlerweile in Österreichs Praxen für plastische Chirurgie keine Seltenheit mehr. In einer vom Marktforschungsinstitut Marketagent durchgeführten Studie, bei der 4000 Österreicher, Deutsche und Schweizer befragt wurden, gab rund ein Drittel der 20- bis 30-Jährigen an, sich einer Schönheitsoperation unterziehen zu wollen. In einer anderen Studie, die die Wiener Schönheitschirurgin Dagmar Millesi in Auftrag gegeben hat, ist jeder dritte Österreicher ab 18 Jahre mit seinem Aussehen unzufrieden.
Einmal D-Cup bitte. „Die Zahl der Anfragen von Patientinnen unter 18 Jahren ist wirklich stark am Steigen. Das ist kein Vergleich zu früher“, sagt dazu Artur Worseg, Schönheitschirurg in Wien, der schon Promis wie Pamela Anderson operiert hat. Gewünscht werden von den Jugendlichen dabei vor allem Brustvergrößerungen oder Fettabsaugungen. In den meisten Fällen, sagt Worseg, würde er diesem Wunsch allerdings nicht nachkommen. Also dann nicht, wenn keine „medizinische Indikation“, wie eine entstellende Nase oder stark asymmetrisch gewachsene Brüste, vorliegt. Auch weil hinter dem Besuch der jungen Mädchen oft ein ganz anderes Phänomen steckt: „Sehr häufig wollen nicht die Kinder die Operation“, erzählt der Arzt, „sondern die Mütter drängen sie dazu.“
Die Mütter drängen die Töchter? Eine dieser Mütter könnte Mirjam Baumeister sein. Die 49-Jährige, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, war mit ihrer 15-jährigen Tochter Alexandra erst kürzlich beim Schönheitschirurgen und bat um eine Brustvergrößerung der Tochter. „Das Mädchen hat wirklich gar nichts, und sie leidet ganz fürchterlich“, erzählt Baumeister. Laut dem Arzt würden die Brüste ihrer Tochter auch nicht mehr wachsen. „Und wenn ich ihr den Leidensweg so verkürzen kann, dann ist das gut“, sagt sie. Alexandra selbst sieht die Sache mit der Brustoperation etwas differenzierter: „Ich muss mich jetzt nicht unbedingt operieren lassen. Ich bin ja noch so jung“, sagt das Mädchen. Und eigentlich kann sie sich ein Leben mit zwei Implantaten im Körper so gar nicht vorstellen. Auch wenn sie von ihren Mitschülern wegen der kaum vorhandenen Brust oft gehänselt werde. „Ich bin deswegen schon traurig“, sagt sie.
„Es ist für uns Ärzte oft nicht einfach zu sagen, wann eine Operation aus medizinischen Gründen stattfinden soll und wann nicht“, sagt Artur Worseg dazu. Ein Verbot von rein kosmetischen Schönheitsoperationen von unter 18-Jährigen, wie sie zuletzt von der grünen Frauensprecherin Judith Schwentner gefordert wurden, fände er daher schon in Ordnung. Auch weil er damit weniger Verantwortung tragen würde: Denn „ich glaube nicht, dass ich eine Entscheidung über den Leidensdruck von Patienten treffen kann. Ich sehe sie ja im Schnitt nur zweimal kurz vor der Operation.“ Seine Kollegin, Schönheitschirurgin Dagmar Millesi, ist ganz anderer Meinung: „Ein Psychologe weiß viel zu wenig über die Risiken einer Operation, nur der plastische Chirurg sollte diese Entscheidung treffen.“ Auch in Millesis Praxis werden die Patientinnen immer jünger. Zwischen 20 und 21 Jahren sind sie bei der Brustvergrößerung. Im Durchschnitt führt Millesi 20 bis 30 dieser Operationen in einem Monat durch. Das ist pro Arbeitstag mindestens eine.
Mit 18 Jahren zum Traumbusen. Viele Mädchen fiebern ihrem 18. Geburtstag schon entgegen, lassen sich die Brustvergrößerung quasi zur Matura schenken. Auch Larissa Herold war schließlich 18 Jahre alt, als sie von Artur Worseg operiert wurde. Vom hängenden A-Busen zur prallen B-Brust. Das ist jetzt drei Monate her. Sie bereut ihre Entscheidung nicht. „Wer will denn schon ein junges Mädchen mit schlaffem Busen?“, sagt sie. Nachsatz: „Außerdem war ich wirklich unglücklich und habe ständig geweint.“ Ihre Mutter, sagt Larissa, habe die Entscheidung sehr gut verstanden. Sie hat auch ein bisschen mitgezahlt. Den Großteil der 5000 bis 6000 Euro, die ein neuer Busen im Durchschnitt kostet, hat Larissa aber von ihrem Ersparten bezahlt. Geld, das sie lieber in ihre Schönheit, als in ihre Ausbildung oder in die Altersvorsorge investiert hat. Denn Larissa hat die Schule abgebrochen und ist in Karenz, danach möchte sie Grafikerin werden. Trotzdem sieht sie mit dem reparierten Äußeren ihrer Zukunft jetzt sehr positiv entgegen. „Ich kann jetzt wieder rausgehen, ohne mich zu schämen“, sagt sie. Vor dem Spiegel hat sie jetzt die Augen immer offen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2011)
Roben-Revue Neue Kleider und Pärchen