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Der Mythos Gucci feiert sich selbst

08.10.2011 | 17:49 |  von kordula doerfler (Die Presse)

Das Florentiner Modehaus zelebriert seinen 90. Geburtstag. Es ist eine sehr italienische Geschichte, eine vom sagenhaften Erfolg eines Familienunternehmens, von Kreativität, Geschmack und Leidenschaft für schönes Design.

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Am Anfang stand eine Handtasche. Sie hieß schlicht 0633, war aus Kalbsleder, von eher strenger Form, mit einem gebogenen Bambusgriff, weil alles knapp war in jenen Jahren in der Nachkriegszeit. 0633 begründete den Weltruhm eines bis dahin nur wenigen bekannten Sattlermeisters vom Ufer des Arno. Man schrieb das Jahr 1947, und für Guccio Gucci ging ein Lebenstraum in Erfüllung.

„Bamboo“, die Tasche mit dem ungewöhnlichen Griff, der einen Hauch von Exotik versprühte, avancierte zum Kultgegenstand. Die Materialien, die Gucci in der Not verwendet hatte, Hanf, Leinen, Jute, wurden, kombiniert mit Leder, bald Teil eines unverwechselbaren Stils. Schon 1953 trug Ingrid Bergmann in Roberto Rossellinis Film „Eine Reise in Italien“ eine Bambustasche. Später zierten sie US-Filmdiven und den internationalen Jetset. Audrey Hepburn, Liz Taylor und Vanessa Redgrave, Jackie Kennedy und Grace Kelly, alle verfielen den sportlich-eleganten Kreationen aus Italien. Der kleine Handwerksbetrieb stieg zum Weltkonzern auf. Gucci schrieb Stil- und Modegeschichte, wurde zum Inbegriff von „Italianità“, zum Exportschlager „made in Italy“.

Es ist eine sehr italienische Geschichte, eine vom sagenhaften Erfolg eines typischen Familienunternehmens, von Kreativität, Geschmack und Leidenschaft für schönes Design und gute Qualität, aber auch von menschlichen Abgründen und Tragödien, von Exzessen und Schuldenbergen. Gucci, das ist ein Stoff für Legenden und großes Kino und zugleich ein Lehrstück des Prozesses, der heute Globalisierung heißt.

„Gucci hat mehr Leben als eine Katze.“ Dieser Tage feiert das Modehaus seinen 90. Geburtstag, und das hat es sich einiges kosten lassen. Am Montagabend fand in Florenz, im Palazzo Vecchio, dem Rathaus an der weltberühmten Piazza Signoria, ein Galadiner statt. Der Unterstützung der Stadt Florenz ist es auch zu verdanken, dass Gucci gleich nebenan, im Palazzo della Mercanzia, einem traditionsreichen Gebäude aus der Renaissance, ein Museum eröffnen durfte. Die prominenten Gäste von Grace Kellys Enkelin Charlotte Casiraghi bis zur Modepäpstin Anna Wintour durften es am Montagabend als Erste besichtigen.

Frida Giannini, seit 2006 Chefdesignerin, hat auch das Konzept für das Museum entworfen. Als sie vor fast zehn Jahren bei Gucci anfing und zum ersten Mal das Archiv sah, spürte sie „sofort die tiefe Verbindung zum kreativen Erbe des Hauses“, sagt sie heute. „Ich wollte die Geschichte hinter den berühmten Motiven und Designs erzählen.“ Mit Erklärungen und Erläuterungen wird der Besucher indessen leider nicht verwöhnt, die begleitenden Texte streifen allenfalls die Oberfläche. Es ist offensichtlich: Hier feiert ein Mythos sich selbst, sehr schön inszeniert, aber auch sehr glatt, ohne Brüche, und orientiert an einem kaufkräftigen jungen Publikum vor allem aus den neuen Märkten Asiens.

Dabei gäbe es ja wahrlich viel zu erzählen über dieses Unternehmen, und es wäre auch ein Stück italienischer Geschichte des 20. Jahrhunderts. „Gucci hat mehr Leben als eine Katze“, formulierte das der heutige CEO Patrizio di Marco einmal. Andere sprechen von Wiedergeburten und Revolutionen. Bis heute legt man in Florenz großen Wert auf Tradition. Der Name des Firmengründers Guccio Gucci steht noch immer auf dem Türschild in der eleganten Via Tornabuoni. Im Erdgeschoß liegt einer der ältesten der 317 noblen Läden, die Gucci heute weltweit betreibt.

Französische Eigentümer. Seit zehn Jahren allerdings gehört das Unternehmen mehrheitlich zum französischen Mischkonzern PPR – wie auch die meisten anderen namhaften italienischen Modehäuser längst in ausländischer Hand sind. Für PPR-Chef Francois-Henri Pinault war es auf jeden Fall eine lohnende Investition, denn selbst in Zeiten der Wirtschaftskrise sorgen die Italiener für satte Gewinne. Um 18 Prozent stieg der Umsatz der Gucci Group im Jahr 2010, auf 2,6 Milliarden Euro. Und für dieses Jahr sind die Aussichten noch besser.

Fast vergessen ist die Zeit, als Gucci vor dem Konkurs stand. Ende der 80er-Jahre war die glamouröse Marke zum austauschbaren Allerweltsprodukt geworden, das Unternehmen hatte die Expansion zu weit getrieben. Gucci verlor seine Exklusivität. Und es drohte zugrunde zu gehen an den Konflikten und Intrigen, die die Erben in innige Todfeindschaften trieben. Der letzte Firmenchef, Maurizio Gucci, ein Enkel Guccios, musste 1988 an einen arabischen Investor verkaufen. Es war das scheinbare Ende eines Aufstieges, der 1921 begonnen hatte. Da eröffnet Guccio Gucci seinen ersten eigenen Laden in Florenz. Vorher hat er eine harte Schule durchlaufen. Als 16-Jähriger flieht er vor dem drohenden Bankrott seines Vaters, der Strohhüte herstellt, und geht nach London. Dort fängt Guccio ganz unten an, als Liftboy im Savoy Hotel, in dem Europas Großbürgertum und Adel aus- und eingehen. Im Aufzug studiert er, welches Gepäck die Herrschaften dabei haben. Er lernt viel über typisch englischen Geschmack und erkennt, dass dem Tourismus die Zukunft gehört.

Zurück in Italien, geht Gucci bei einem bekannten Lederwarenhersteller in die Lehre, ehe er sich schließlich unabhängig macht und damit eine alte Familientradition fortführt. „Wir sind so italienisch wie eine Trattoria“, scherzt sein Sohn Aldo viele Jahre später. „Die ganze Familie steht in der Küche.“

Guccio Gucci beginnt, exklusive handgearbeitete Reisetaschen und Koffer im Reiterstil herzustellen. Sie sind bald in den besseren Kreisen in Europas Hauptstädten begehrt. 1938 eröffnet er sein erstes Geschäft in Rom, in der Via Condotti, doch der Durchbruch gelingt ihm erst nach dem Krieg. Es bleiben ihm nur noch wenige Jahre. Nach seinem Tod im Jahr 1953 führen drei seiner Söhne das Unternehmen weiter, Aldo betreibt die Expansion nach Amerika und eröffnet Luxusboutiquen an den besten Adressen. Amerika liegt den Italienern zu Füßen, sogar im Museum of Modern Art steht ein Mokassin aus Florenz. Doch mit dem Tod des Patriarchen beginnt auch der erbitterte Streit um das Erbe.

Exfrau wird verhaftet. Bei Gucci gipfelte die Familienfehde in der Ermordung von Maurizio Gucci. Am 27. März 1995 wird er vor seinem Büro in Mailand von einem Berufskiller erschossen. Später wird seine Exfrau Patrizia Reggiani zu fast 30 Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie den Mord in Auftrag gegeben haben soll. Und doch feiert Gucci eine Renaissance. Dem Italoamerikaner Domenico De Sole, der nun an der Spitze steht und der Familie schon lange als Anwalt gedient hat, gelingt das Wunder. Er stellt Konzern und Finanzen auf den Kopf und holt den amerikanischen Stardesigner Tom Ford nach Italien. Der hat ein untrügliches Gespür für den Zeitgeist – und fürs Geschäft. Die Mode von Gucci wird sexy, verrucht, schrill – und erneut zum Statussymbol, nun bereits in einem globalisierten Markt. Die Gucci-Manie kennt keine Grenzen, und der Erfolg gibt Ford recht. Im Hintergrund aber tobt erneut eine erbitterte Übernahmeschlacht, die der Franzose Pinault schließlich für sich entscheiden kann.

Wieder schien das Ende von Gucci nahe. Dann aber kam Frida Giannini, die gerade einmal 34 Jahre junge Römerin. Giannini besann sich auf die Wurzeln, kehrte zurück zu mehr tragbarer Eleganz. Manche werfen ihr zu viel Nostalgie vor. Doch der Erfolg gibt ihr recht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2011)

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