Katarina Noever: Eine Qualitäts-Zumutung

27.01.2012 | 10:52 |  von Daniel Kalt (Die Presse - Schaufenster)

Eine Biografie im Spiegel des Gewandes: Die Modesammlung von Katarina Noever kommt ins Museum.

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Wenn das Metropolitan Museum in New York oder das Victoria & Albert Museum in London Mode-ausstellungen ausrichten, die um eine zentrale Persönlichkeit konstruiert sind, handelt es sich zumeist um Hollywood-Stars oder extravagante Erscheinungen, die ausschließlich in straßenuntauglichen Outfits auftreten. Dazu zählen etwa die McQueen-Mentorin Isabella Blow oder auch die schwerreiche Erbin der Guinness-Dynastie (ja, das Bier!), Daphne Guinness. Eingedenk dessen könnte sich das Wiener Publikum dieser Tage ebenfalls auf die Vorführung einer auf Kleider gestützten Exzentrizität einstellen – lockt doch das Wien Museum ab 2. Februar mit einer Textilpersonale, die mit „Mehr als Mode – die Sammlung Katarina Noever“ überschrieben ist.

Ideenvermittlerin.
Die Dame, deren Gewandbestand hier in den musealen Kontext gerückt wird, schüttelt sich allerdings regelrecht beim Gedanken, ins Kielwasser der gewohnheitsmäßigen Selbstdarstellerei zu geraten: „Ich habe ja immer etwas für andere gemacht, bin als Model in eine Rolle geschlüpft und habe für das Modesekretariat Kollektionen österreichischer Konfektionsmarken im Ausland vorgeführt. Später habe ich zeitgenössische Designpositionen in der Section N vermittelt. Ich war immer die Vermittlerin, quasi die graue Eminenz.“ Und, mit Nachdruck: „Im Grunde genommen ist also die Art, wie die Ausstellung im Wien Museum präsentiert wird, etwas für mich gänzlich Neues.“ (c) Wien Museum Mantelträger: K. Noever praktiziert das Prinzip  tragender Innenschlaufen.
Dass es zu diesem Novum in ihrer Biografie kommt, ist freilich durchaus begrüßenswert. Allein schon, weil Kleidung in Wien wieder einmal Exponatcharakter genießen darf, oder natürlich, weil Katarina Noever viel zu erzählen hat, das, wie der Zusatz „Mehr als Mode“ impliziert, einen Zusammenhang zwischen einigen Jahrzehnten Wiener (Kreativ-)Gesellschaftsleben und dem schönen Gewand herstellt. „Ich habe ja als Titel vorgeschlagen, Section: Mode – weil mir eben auch in der Mode, wie bei den Möbeln, wichtig ist, gute Ideen zu vermitteln.“ Das wäre zugleich eine Referenz gewesen zu jenem Geschäft, heute würde man es wohl „Concept Store“ nennen, das Katarina gemeinsam mit ihrem damaligen Mann, Peter Noever, Anfang der Siebzigerjahre eröffnete und in dem sich Design-Aficionados mit schicken Wohnaccessoires eindeckten. Diese gab es zu kaufen und zu mieten, und obwohl in der Section N Mode im engeren Sinn keine große Rolle spielte, gab es doch Berührungspunkte
mit der Szene: „Helmut Lang hatte seine Boutique vis-à-vis meiner Wohnung und war ein Section-N-Kunde. Drei Gwandln habe ich mir auch bei ihm gekauft – er ist übrigens wie ich ein gebürtiger Ramsauer, sein Großvater war der Ramsauer Schuster.“
Der Gedanke, ihre Modesammlung (wobei: „Ich bin keine Sammlerin, ich bin eine Nichtwegwerferin. So ist das auch mit der Mode im Lauf der Jahre gewesen, streng genommen gibt es also gar keine ‚Modesammlung Katarina Noever‘.“) in die umfangreichen Bestände des Wien Museums einzuspeisen, kam der ehemaligen Ladenbesitzerin – die Section N sperrte 1987 zu –,
als sie das Ladenarchiv für eine 2005 erschienene CD-Rom aufarbeitete. „Kurz danach bin ich in mein Schrankzimmer gegangen und habe gesehen, dass es auch übervoll ist.“ Und weil sie ohnehin in Sortierlaune war, ging sie eben Regalbrett um Regalbrett und Kleiderstange um Kleiderstange durch. 

Mit Geist – und Menthol. Wer nun meint, eine zum Fixinventar der feinen Innenstadt gehörende Designvermittlerin habe sich über Jahrzehnte ausschließlich in Luxuskleider gehüllt, irrt. „Die meisten Sachen, die ich zeitlebens getragen habe, und auch heute noch, lasse ich anfertigen, das meiste von meiner Freundin Elisabeth Pichler. Dazwischen habe ich wohl immer wieder Armani-Kostüme, Missoni-Kleider oder Modelle von Miyake getragen. Es ist mir aber nie um den ‚Zeitgeist‘ gegangen, ich fühlte mich sozusagen der Zeit und dem Geist verpflichtet.“ (c) Wien Museum Sammlerstück: Das  Original dieses Modells ging ans Missoni-Archiv.
Im Rahmen dieser Doppelmission reiste Katarina Noever in den Sechzigerjahren als Mannequin um die Welt – das Modesekretariat der Wirtschaftskammer, geleitet übrigens von Daniel Kehlmanns Tante Ursula, nahm sie auf alle möglichen Vorführreisen mit, gab es doch damals noch eine funktionierende Textilindustrie in Österreich, die gefragte Exportgüter herstellte.
Ein Höhepunkt ihrer Karriere als Mannequin, abgesehen einmal von der Tatsache, dass sie für die Verpackung von „Diana mit Menthol“ posierte, war die Teilnahme Katarina Noevers an der 1967 im Messepalast ausgerichteten Modeschau der Wiener Boutique Etoile im Rahmen der „Jochen Rindt Racing Car Show“. „Ich würde sagen, das war die Wiener Modeschau schlechthin. Insgesamt waren wir 15 Mädchen, die da zu Musik von Frank Zappa über eine von Hans Hollein gestaltete Treppe gelaufen sind; das war schon sagenhaft. Moderiert hat ein Jugendfreund von mir, André Heller, heiße 20 Jahre alt. Als Honorar erhielt er übrigens eine Krawatte!“

Mangel und Marken. Die Verhältnisse
waren damals andere, was sich nicht nur an der bescheidenen Entlohnung des Herrn Heller ablesen lässt, sondern auch an den Einkleidegewohnheiten der Menschen. Wenige Geschäfte importierten Konfektionsmode aus dem Ausland; wer gut angezogen sein wollte, wandte sich an die Boutique seines Vertrauens, oft mit angeschlossener Schneiderei. Schon Anfang der Fünfzigerjahre war das so, da kam Katarina Noever in die Volksschule: „Damals hat es in Wien wirklich gar nichts zu kaufen gegeben, außer im Kaufhaus Neumann auf der Kärntner Straße. Wir hatten nur selbst genähte Kleider; meine Mutter hatte bis zu meiner Geburt bei Wimmer-Wisgrill in der Modeklasse der heutigen Angewandten studiert, Kleider zu entwerfen und nähen zu lassen war für sie also überhaupt kein Problem.“ Zunächst geschah das in Zusammenarbeit mit einer Hausschneiderin, später oft mit Lisa Robinson, die den von Monika Sarnitz, Katarina Noevers Mutter, geschätzten Salon Luna betrieb. Wieder später, in den frühen Sechzigern, sperrten Christine Gössl und Ingrid Reder jene Boutique Etoile auf, deren Mode Katarina Noever inmitten rauchender Boliden vorführte und wo sie sich lange einkleidete.(c) Wien Museum Epochal: Die Sammlung umfasst auch Stücke von Noevers Urgroßmutter.
Daneben spielten immer wieder auch internationale Marken eine Rolle, Castelbajac oder Marimekko etwa (Noevers Tante, Justine Auböck, kam zuerst auf den Geschmack der finnischen Mustermixer). Eine weitere Entdeckung stellte die farbenfrohe Strickmode der Familie Missoni dar. „1969 habe ich bei Helma von Pach mein erstes Missoni-Kleid gekauft, das ich dann dreißig Jahre lang getragen und schlussendlich 2005 Rosita Missoni geschenkt habe, für das Archiv des Hauses. Ich hatte Rosita einmal in Venedig kennengelernt; im Gegenzug war sie so freundlich, mir das Modell nachstricken zu lassen.“
Und unter den österreichischen Designern, da schätzt sie – neben dem „Ramsauer Nachbarn“ Helmut Lang – zum Beispiel Schella Kann oder Kayiko von Karin Oebster. Auch wenn sie nicht so ganz auf Du und Du mit der Szene ist: „Als sie mir gesagt haben, Sie möchten unter Umständen auch über die aktuelle Szene reden, habe ich mir gedacht: Oh je! Ich könnte mich natürlich hinsetzen und mir alle Aussendungen durchschauen, die ich von Unit F in letzter Zeit bekommen habe. Ehrlich gesagt bin ich mit den ganz jungen Designern aber nur wenig vertraut.“

Qualitätsgebot. Auf die Exponate im Wien Museum darf man in jedem Fall gespannt sein – denn Qualität wird es mit Sicherheit zu sehen geben. Ein Satz einer von ihr geachteten Schriftstellerin ist Katarina Noever nämlich besonders wichtig: „‚Darf ich Ihnen bitte Qualität zumuten?‘ Dieses Zitat von Elfriede Gerstl ist wunderschön, und es trifft auf alles zu, was mir lieb und wert ist, ob auf Mode, Musik oder Literatur.“ Ja, und noch etwas gibt es unbedingt zu beherzigen: „Es geht um eine Haltung zu den Dingen, ob das jetzt Essen ist, Mode oder meine Möbel, von denen ich auch viele beim Tandler gefunden habe. Aber das Wichtigste im Leben war mir immer, sinnvolle Dinge zu vermitteln.“ Darum hätte Katarina Noever auch noch viel Interessantes zu sagen, und es gäbe viel Gesagtes nachzuerzählen –vielleicht sprechen am Ende aber Katarina Noevers Kleider Bände, scheinen sie doch eine textile Biografie zu ergeben.

TIPP
„Mehr als Mode – die Sammlung Katarina Noever“ ist ab 2. 2. im Wien Museum zu sehen. Am 26. 2. führt Katarina Noever persönlich durch die Schau. Details über das weitere Rahmenprogramm auf www.wienmuseum.at.

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