Istanbul. Jahrzehntelang galt vielen Türkinnen das Kopftuch als bestenfalls dörflich und altbacken, schlimmstenfalls als reaktionäres Zeichen der Unfreiheit. Doch seit die religiös-konservative AK-Partei das Land regiert, ist das Tuch wieder im Kommen. Ob die Zahl der Kopftuchträgerinnen tatsächlich so zugenommen hat, ist umstritten. Aber Köpfe mit Tuch werden nun selbstbewusst gezeigt, insbesondere von den Frauen und Töchtern aus einer neureichen Schicht, die die Gelegenheiten des Booms der letzten Jahre genutzt hat. Vor allem fällt das Tuch auch deshalb mehr auf, weil es plötzlich bunt und modisch geworden ist.
Genau für die modebewussten Kopftuchträgerinnen gibt es nun das Hochglanzmagazin „Âlâ“. Das im Türkischen sonst kaum gebrauchte Wort kommt aus dem Arabischen, der Sprache des Korans, und bedeutet einfach so viel wie „höher, besser“. Nach ihrem Untertitel ist „Âlâ“ eine „Zeitschrift für den schönen Lebensstil“. Als ein „muslimisches Lifestyle-Magazin“ bezeichnet der Gründer Mehmet Volkan Atay seine Erfindung.
Sie richtet sich an modebewusste Frauen, die auch durchaus arbeiten dürfen. So gibt es eine Umfrage über das beste „Büro-Outfit“. In der Rechtsberatung wird die Frage, ob eine Frau ohne die Zustimmung ihres Mannes ein Unternehmen gründen dürfe, mit einem klaren „Ja, aber“ beantwortet. Sie darf heute alles, wenn sie „den Frieden und Nutzen für die Ehe“ im Blick behält.
Fotos, Tipps und Rezepte
Neben vielen raffiniert geschossenen Modefotos stehen Artikel über Geburt, Kleinkinder, Tipps zur türkischen Küche, etwas über die Kunst, Blumen zu malen, über selbst gefertigten Schmuck, über Hautpflege, und immer wieder wird für das Kopftuch geworben. Im Editorial zitiert die Herausgeberin Esra Sezis den Brief einer Leserin, die zwar kein Kopftuch trägt, aber anerkennt, dass es eigentlich „der Wille meines Schöpfers“ wäre. Und dann berichtet die Leserin von einem glücklichen Traum, in der ihr ein Kopftuch überreicht wurde. Auf den Modefotos achtet man peinlich genau darauf, dass kein einziges Haar zu sehen ist.
Neben Zuspruch hat „Âlâ“ aber auch Kritik aus dem islamischen Lager zu hören bekommen. Der islamische Autor Ihsan Eliaçik meint gar, „Âlâ“ würde seine Leser zu „Kommunisten“ machen. Einen Schleier zu tragen bedeute doch, „sich zu verheimlichen und sich in den Hintergrund zurückzuziehen“, meint Eliaçik. Wenn das Gesicht einer Frau mit Kopftuch „riesengroß“ auf die Titelseite gedruckt werde, so sei dies das Gleiche wie wenn „ein Mannequin im Badeanzug ausgestellt wird“. Die Zeitungsmacher hätten den „Geist der Verschleierung“ nicht verstanden.
Solche Kritik kann aber den Erfolg des Magazins für die konservative Frau nicht schmälern: Mit einer Auflage von 10.000 ist die Zeitschrift gestartet. Die siebte Nummer hat nun schon eine Auflage von 30.000. Laut eigenen Angaben findet das Magazin auch Absatz im Ausland, viele Abonnentinnen befänden sich etwa in Deutschland. Auf der Internetplattform Facebook interessieren sich mehr als 111.000 User für das Magazin.
Kopftuch im Trend
Im Trend liegt „Âlâ“ sicher: War es früher ein Karrierehindernis, mit einer Kopftuch tragenden Frau verheiratet zu sein, so gilt heute vielfach das Gegenteil. Auch das Kopftuchverbot an den Universitäten ist de facto außer Kraft gesetzt. In vielen Berufen, etwa als Lehrerin oder Ärztin in einem staatlichen Krankenhaus, dürfen Frauen auch weiter kein Kopftuch tragen. Doch diese Verbote bröckeln.
Die langsam einsetzenden Liberalisierungen beim Kopftuch mögen einigen Frauen tatsächlich den Weg in das Berufsleben erleichtern. Trotzdem ist in der konservativen Revolution die Zahl der berufstätigen Frauen nicht angestiegen, sondern sogar erheblich zurückgegangen. Die Töchter der neuen konservativen Elite dürfen studieren, vielleicht auch etwas in einen Beruf hineinschnuppern, das Happy End ist aber noch immer das Leben für die Familie. Und insbesondere darauf bereitet die Zeitschrift „Âlâ“ ihre Leserinnen gewissenhaft vor.
Die Zeitschrift „Âlâ“ ist ein muslimisches Lifestyle-Magazin. Mit einer Auflage von 10.000 Stück wurde gestartet. Die siebte Nummer hält nun schon bei 30.000 Exemplaren. Laut eigenen Angaben gibt es zahlreiche Abonnenten im Ausland, so auch in Deutschland. Die Facebook-Gruppe zählt immerhin mehr als 111.000 Unterstützer.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2012)
Roben-Revue Neue Kleider und Pärchen