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Hinter die Kulissen: So gut wie ungestellt

02.02.2012 | 14:09 |  von Daniel Kalt (Die Presse - Schaufenster)

Nicht jeder Blick hinter die Kulissen gibt authentisches und ungeschöntes Leben wieder. Manche Modemarken setzen auch hier auf Inszenierung.

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Der Mensch ist ein ambivalentes, ja wankelmütiges Wesen; die Beobachter des Modezirkus sind da logischerweise nicht anders: Auf der einen Seite erwarten sie, ausschließlich makellose Menschen, nicht selten berühmt, in wunderschönen Kleidern zu sehen. Auf der anderen Seite delektiert das Publikum sich diebisch, wenn ein Model auf dem Laufsteg hinfällt oder ein sonstwie „verräterischer“ Schnappschuss an die Öffentlichkeit dringt. Schließlich gibt es dann etwas zu monieren, zu bekritteln, zu belächeln oder auszustallieren. Abgesehen von den offensichtlichen Hoppalas erfreuen sich letzthin aber auch jene (vorgeblich) spontan entstandenen Backstage-Bilder großer Beliebtheit, die den Vorhang für die staunende Schar ein wenig zur Seite ziehen. Das Interesse für das scheinbar Ungeschönte ist im Wachsen begriffen, wie auch der Backstage-Fotograf Sonny Vandevelde bestätigt, der seit 15 Jahren Models abseits der Laufstege fotografiert: „Damals bin ich eher zufällig zu meinem Job gekommen, weil der belgische

Backstage: Voyeurismus de luxe

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Make-up-Artist Peter Philips, der aktuelle Kreativchef bei Chanel, ein Freund von mir ist. Da war ich bei den Shows, habe ein paar Fotos gemacht und sie später dem Redaktionsteam einer Zeitschrift gezeigt. Die waren so begeistert, dass ich gesehen habe: Auch so kann ich mein Geld verdienen.“ In den letzten zwei oder drei Jahren habe sich – analog zum bunten Treiben vor den Toren der Modeschaulokalitäten – in dem Bereich extrem viel getan, meint Vandevelde. Dazu würden nicht zuletzt die chinesischen und brasilianischen Magazine beitragen, die nun ebenfalls Fotografen entsenden und dafür sorgen, dass der Backstage-Bereich ebenso überfüllt ist wie die Fototribüne am Ende des Laufstegs.

Side-Stage oder Backstage? Ohne Zweifel geht das gesteigerte Interesse für Geschehnisse hinter den Kulissen mit dem Auftauchen neuer Kanäle für die Verbreitung von Backstage-Bildern, zuletzt verstärkt Online-Medien und Blogs, einher. Als theoretischer Unterbau lässt sich die bahnbrechende Untersuchung „The Presentation of Self in Everyday Life“ des amerikanischen Soziologen Erving Goffman, erschienen 1959, konsultieren – er unterscheidet zwischen (c) AP „Backstage“- und „Front Stage“-Verhalten innerhalb gesellschaftlicher Gruppen, die einerseits eine (halb-/offizielle) Rolle zu spielen haben und sich andererseits unter ihresgleichen ganz „natürlich“ geben. Diese bipolare Theorie wurde Anfang der Achtzigerjahre von Joshua Meyrowitz, der in „No Sense of Place“ den zusätzlichen Begriff der „Side Stage“ einführte, ergänzt: Begünstigt durch elektronische Medien wie das Fernsehen habe sich ein halb inszenierter Zwischenbereich ausgeprägt, der den Beobachtern das Teilhaben an für sie scheinbar (und eben nicht anscheinend!) nicht gedachten Geschehnissen in Aussicht stellt. Die Vermutung, dass es sich bei einem Großteil des Mode-Backstage in Wahrheit also um ein Side-Stage handle, liegt nahe.
Insider Sonny Vandevelde bestätigt das: „Manche Marken bestellen die Fotografen zu einem eigens anberaumten Fototermin und drehen so die Backstage-Situation in ein Red-Carpet-Setting um.“ Er hat aber auch eine mögliche Erklärung für diese Tendenz parat, die logischerweise die (c) Anna Bauer/Angelika Books ursprüngliche Faszination für das fotografische Genre unterminiert: „Oft befürchten die Verantwortlichen, dass unangemessene Bilder von nackten Models gemacht werden. Dabei vergessen sie aber, dass hinter den Kulissen jeder jeden kennt. Irgendein Model oder ein anderer Fotograf würde sofort bemerken, wenn jemand voyeuristische Aufnahmen macht – und dieser Kollege wäre für immer diskreditiert.“

Hoher Suchtfaktor. Aus heutiger Sicht, da die Perspektive des Hinter-die-Kulissen-Lugens aus diversen Zusammenhängen bekannt ist, lässt sich kaum nachvollziehen, welche Wirkung die Bilder von Jerry Schatzberg Anfang der Sechzigerjahre hatten: Er fotografierte 1962 für das „Esquire Magazine“ bei den Modeschauen von Christian Dior und Yves Saint Laurent (der zum ersten Mal nach Verlassen des Hauses Dior seine erste Kollektion zeigte) und legte sein Hauptaugenmerk auf die Besucher der Defilees, auf die Vorgänge im Hintergrund, auf die anonymen Akteure und Passanten. Besonders berührend ist Schatzbergs Bild einer minderwüchsigen Frau, die vor dem, mit exklusiven Waren dekorierten, Schaufenster einer Dior-Boutique haltmacht: Ohne jede Missgunst, so scheint es, beäugt sie diese Luxusgüter, die doch einer Welt entstammen, die der ihren fern ist. Immer wieder versuchen sich freilich Fotografen darin, unter Zuhilfenahme der Backstage- oder eben Side-Stage-Ästhetik, die Betrachter ihrer Bilder besonders zu berühren oder besondere Emotionen der Abgebildeten zu transportieren. Nicht immer gelingt dies, manchmal gerät das Ungestellte zu platt, zu schal, bleibt an der Oberfläche hängen. Die Bilder der deutschen (c) Anna Bauer/Angelika Books Fotografin Anna Bauer in einem der ersten von Angelika Taschen in ihrem neuen Verlag veröffentlichten Bände meistern den Spagat zwischen Inszenierung und Spontaneität ganz gut. „Backstage zu arbeiten macht süchtig“, meint denn die Fotografin in der Einleitung. Kein Wunder, wird sich einer denken. Vorausgesetzt, er wäre auch gern einmal Zaungast bei den Schönen dieser Welt.

TIPP
Einer der ersten Titel, den Angelika Taschen in ihrem neuen Verlag Angelika Books verlegt, ist der Band „Backstage“ mit Bildern der deutschen Fotografin Anna Bauer (ca. 100 Euro). www.angelikabooks.com

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