Es soll grau melierte Erwachsene geben, die regelmäßig in Studentenlokale gehen. Vor allem deswegen, weil dort jeder Gast mit Du angesprochen wird – das schmeichelt. Unangenehm wird es allerdings, wenn man selbst in dieser dogmatisch duzenden Umgebung doch gesiezt wird. Denn spätestens dann ließe sich der Glaube, graue Schläfen seien ohnehin nur ein kleiner Makel einer ansonsten durch und durch jugendlichen Erscheinung, nicht länger aufrechterhalten. Das „Sie“ wirkt wie ein Brandzeichen, mit dem man der Herde der etablierten Erwachsenen zugewiesen wird.
Aber es geht auch umgekehrt. Meist so um den 35. Geburtstag herum – plus minus fünf Jahre – beginnen manche Menschen, es als unpassend zu empfinden, wenn sie von Unbekannten ganz selbstverständlich geduzt werden. Gefühlsmäßig stimmt dann etwas nicht mehr, im Koordinatensystem der sprachlichen Distanz hat sich eine Grenze verschoben – und das „Du“ hat plötzlich den Nimbus der Respektlosigkeit. Tatsächlich gehört der korrekte Einsatz von „Du“ und „Sie“ zu den komplexeren Problemen der deutschen Sprache, ist die korrekte Anrede geradezu ein Minenfeld zwischenmenschlicher Kommunikation.
Immerhin, es gibt einige Fälle, in denen das Duzen obligatorisch ist. Dann nämlich, wenn man von Dingen spricht („Liebe Sonne, schein doch endlich“), wenn Verstorbene angesprochen werden („Du warst ein wahrhaftiger Christ“) und schließlich auch im Zwiegespräch mit Gott (aber auch mit Jesus, Maria oder anderen Heiligen) – zumindest haben Gebete, die mit dem förmlichen „Sie, Herr Gott“ eingeleitet werden, einen eher exotischen Charakter. Abgesehen davon kann man davon ausgehen, dass man Personen, zu denen man eine gewisse Nähe und Vertrautheit hat, ebenfalls duzt, seien das Familienangehörige oder Freunde. Aber auch – und ab jetzt wird es kompliziert – Kinder werden in der Regel mit „Du“ angesprochen.
Eure Gnaden. Kompliziert wird es nämlich dadurch, dass das Du-Wort in vielen Fällen nur einseitig gilt – denn Kinder haben fremde Erwachsene schließlich zu siezen, Experten sprechen von einer asymmetrischen Anrede. Genau dieser Asymmetrie begegnen wir auch bei einem Blick in die Vergangenheit, in der die Anrede soziale Ungleichheit auf der sprachlichen Ebene widergespiegelt hat. Denn während das gemeine Volk von Klerus und Adel geduzt wurde, mussten Vertreter gesellschaftlich höher gestellter Schichten speziell angesprochen werden.
Die Anrede mit dem Pluralis Majestatis kennt man heute nur noch aus Ritterfilmen. Dass ein König oder Fürst mit „Ihr“ angesprochen wird, war aber über Jahrhunderte hinweg üblich. Neben dem „Ihrzen“ kam um das 17. Jahrhundert auch noch das „Erzen“ in Mode, dass man also von besonders verehrungswürdigen Personen in der dritten Person Singular sprach. Doch bald verlor diese Anrede an Popularität – und wurde nach und nach durch die dritte Person Plural ersetzt. Das „Sie“ als respektvolle Anrede war geboren.
Doch das „Sie“ hatte Feinde. All jene republikanisch Orientierten im revolutionären Frankreich nämlich, die darin einen sprachlichen Beleg für eine gelebte Mehrklassengesellschaft sahen. Und so erließen sie 1793 ein „Duz-Dekret“ – wer damals nicht duzte, stellte sich selbst unter den Verdacht, die Ungleichheit der Menschen weiter propagieren zu wollen. „,Per Sie‘ kann man keine Revolution machen“, beschrieb Werner Besch in seinem Standardwerk „Duzen, Siezen, Titulieren“ dieses Phänomen.
Im deutschen Sprachraum waren es die Studentenrevolten der 1968er-Jahre, die eine regelrechte Du-Expansion mit sich brachten. Plötzlich war es üblich, alle und jeden zu duzen – inklusive Professoren an der Uni. Für einen weiteren Schub in der Verflachung sozialer und sprachlicher Hierarchien sorgte der Einzug amerikanischer Unternehmenskultur in europäische Firmen. Es ist längst keine Seltenheit mehr, dass Mitarbeiter mit dem Chef per Du sind. Und schließlich hat auch die digitale Revolution dem Du eine neue Dimension eröffnet – auf Social-Media-Plattformen wie Facebook ist man generell per Du. Und nimmt das auch in die Offline-Welt mit.
„Sie, Herbert!“ Allein, ganz ausgerottet haben all diese sprachlichen Revolutionen das Siezen nicht. Es kursiert nach wie vor und gilt in der Regel als höfliche Anrede von Erwachsenen, der üblicherweise der Nachname oder Titel einer Person folgen. Doch zwischen der klassischen Verwendung von Du und Sie haben sich mittlerweile noch einige Zwischenformen etabliert.
So kennt man etwa das sogenannte „Hamburger Sie“, das sich unter anderem bei TV-Talkshows durchgesetzt hat („Herbert, was haben Sie denn so erlebt?“). Ein Ableger davon ist die großelterliche bis spießige Variante, in der dem Vornamen einer jüngeren Person beim Siezen noch ein Herr oder Frau vorangestellt wird („Herr Peter, möchten Sie noch Salat?“). Umgekehrt ist das Duzen mit Nachnamen oder Funktion eher selten – und wenn es zum Einsatz kommt, hat es meist einen eher komischen Beigeschmack („Du, Frau Lehrerin?“).
In einer förmlichen Kommunikation, etwa im Kontakt mit Behörden, hat sich das „Sie“ als Anrede jedenfalls gehalten. Auch im beruflichen Kontakt mit Menschen ist man mit dem „Sie“ zunächst einmal auf der sicheren Seite – auf das „Du“ umstellen kann man ja immer noch. Das „Sie“ zeigt dem Gegenüber zunächst einmal eines: dass man es ernst nimmt. Ein Entzug des „Mündigkeits-Sie“ kommt dennoch häufig vor. Vor allem gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund hat sich dieses Verhalten eingebürgert, meist in Kombination mit primitiven Infinitiv-Konstruktionen („Du machen, Du putzen!“). Und natürlich kann ein Du auch gezielt als Unhöflichkeit eingesetzt werden, um jemanden spüren zu lassen, dass man in der sozialen Hackordnung über ihm steht – die Asymmetrie feudaler Zeiten lässt grüßen.
Zugegeben, eine verächtliche Wortmeldung wird nicht besser, wenn ihr mit einem „Sie“ der Anschein von Respekt verliehen werden soll. Doch glaubt man der These, dass Sprache Veränderungen in der Gesellschaft bewirken kann, macht das kleine Wort auf lange Sicht vielleicht doch einen Unterschied. Und das nicht unbedingt nur auf einer professionell-beruflichen Ebene. Schließlich sollen sich sogar Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir als Eheleute gesiezt haben, um ihren gegenseitigen Respekt zum Ausdruck zu bringen.
Vielleicht würde uns eine Renaissance des „Sie“ ja gut tun, würde das gegenseitige Gefühl für Respekt wieder auf ein neues Level heben. Zumindest könnte man sich das einreden, wenn man in einem Studentenlokal wieder einmal mit „Sie“ angesprochen wird.
Duzen in Situationen In Gefahrensituationen wird häufig auf das Du umgeschaltet, weil es eine schnellere Kommunikation ermöglicht und Höflichkeit nur eine sekundäre Rolle spielt. Unter Golfspielern gibt es die Besonderheit des „Tages-Du“, das nur während des gemeinsamen Spiels gilt.
Roben-Revue Neue Kleider und Pärchen