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Gefühlsleben: Probier's mal mit Gelassenheit

09.06.2012 | 18:00 |  von Doris Kraus (Die Presse)

Jahrelang haben alle verbissen das Glück gesucht. Was vielleicht doch ein wenig ambitioniert war. Das derzeit angesagte (Über-)Lebenskonzept gibt's etwas billiger.

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Am Anfang stand so etwas wie die emotionale Meisterklasse. Jahrelang wurde unter fachmännischer Anleitung verbissen das Glück gesucht – aber irgendwie nicht gefunden. Zumindest nicht in der versprochenen nachhaltigen Form, um die es ja ging. Es ist halt doch ein Vogerl, das kommt und geht und sich offenbar nicht so leicht anlocken lässt, weder von Ratgebern noch von Talk-Shows und ihren Zuversicht versprühenden Gastgebern. Kein Glück mit dem Glück also.

Daher ist man einen Schritt zurückgegangen, setzt eine Stufe drunter an und probiert es jetzt einmal mit Gelassenheit. Das ist das neue (Über-)Lebenskonzept, das die Kassen von Büchergeschäften klingeln lässt, Yoga-Studios füllt und zumindest die Bücher der „Personal Coaches“ ausbalanciert. Wenn schon nicht immer das Gefühlsleben ihrer Kunden.

Wahrscheinlich aber ist Gelassenheit genau das richtige für Zeiten wie diese; die einzige passende Antwort auf die „Alles geht den Bach runter“-Stimmung. Wer mikro wie makro das Gefühl hat, mit griechischen Steuerzahlern in einem Schlauchboot ohne Paddel auf dem reißenden Fluss „Shit Creek“ gelandet zu sein, mit einem spanischen Bankdirektor als Steuermann, der hat nach dem ersten Anfall blinder Panik eigentlich nur eine Alternative: immer locker bleiben, in der Ruhe liegt die Kraft.

Das rät zumindest Horst Eckert alias Janosch, der geniale Forensiker der menschlichen Seele, in einem im März erschienenen Büchlein, auf dem die Tigerente in Zen-Position mit Blümchen prangt. Und Janosch ist nicht der Einzige, der mit dem Strom schreibt und seinen Lesern rät, wenigstens die Nerven zu behalten. Immerhin könnten die das Einzige sein, was ihnen bleibt.

Eine kursorische Durchsicht von Online-Bücherdiensten ergibt allein für das laufende Jahr und allein für den deutschsprachigen Raum und allein unter dem Stichwort „Gelassenheit“ nicht weniger als 62 Titel zum Thema. Das ignoriert alle artverwandten Ansätze wie „Harmonie“ oder „Ausgeglichenheit“.

Dabei wird praktisch keine Richtung ausgelassen, aus der man sich nicht an das Sujet heranpirscht. Es gibt Ratschläge, wie man seinen Ängsten die Macht nimmt; wie man es zu einem erfüllten Leben bringt; wie man sich endlich gut genug fühlen kann – und seinen Kollegen nach dem Dalai-Lama-Prinzip den Wind aus den Segeln nimmt (wenn dieser vielleicht auch im Zusammenhang mit China nicht so ganz der Werbeträger für diesen Ansatz sein dürfte). Es gibt die kleine Gelassenheitsschule für Eltern, es gibt viel Fernöstliches und sehr, sehr viel Achtsamkeitstraining. Es gibt Tipps, wie man stress- und krisenfrei wird, und zwar nicht nur in Form von Ratgebern, sondern auch als Gedanken, Gutscheine und Gedichte. Es gibt 99 gute Gründe, gelassen zu leben, und sogar Rezepte zur „emotionalen Entsäuerung“.

Mindestens ebenso bunt wie die Auflösung des Themas ist die Schar der Autoren. Um sich von der Masse etwas abzuheben, ist es daher ganz gut, sich selbst als „Testimonial“ anbieten zu können: als lebendes Beispiel dafür, dass Gelassenheit auch etwas bringen kann, zumindest retrospektiv. Livia Klingl ist so ein Beispiel. Jahrzehntelang schlug sich die außenpolitische Journalistin durch diverse Krisengebiete. Nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst setzte sich die „passionierte Realistin“ hin und schrieb ein sehnsüchtiges Buch, „Die Kunst vollkommener Gelassenheit“: Wie man idealerweise leben würde, wenn man es schaffte, dass einem so manches, über das man sich gern aufregt, Jacke wie Hose ist.

Klingl geht dabei allerdings einen etwas differenzierteren Weg als nur zu sagen: „Is eh alles wurscht.“ Fast erinnert ihre Trennung in Aufregens- und Ignorierenswertes an die philosophischen Grundsätze der stoischen Schule. Zu ihren Lehrsätzen gehörte schließlich, dass wahre Gelassenheit nicht einfach darin besteht, sich zurückzulehnen und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Stattdessen müsse man lernen, manches ganz bewusst sein zu lassen.

Alles Jacke wie Hose? Dass die Trennung in gerechten Zorn und vermeidbaren Blutdruckanstieg keine leichte Aufgabe ist, weiß jeder Mensch, der regelmäßig mehr als 20 Minuten am Stück mit Kindern oder Kollegen verbringt. Da ist Klingls Jacke-wie-Hose-Ansatz ganz hilfreich. Manche ihrer Anregungen klingen zwar ein wenig „no na“ (auch wenn die Autorin das nicht so gern hört), andere regen dafür zur Nachahmung an. Zum Beispiel der Aufruf zur Genügsamkeit: „Befreien Sie sich von der Tantalusqual ewiger Bedürfnisbefriedigung.“ Oder: „Wenn Sie Ihre Lage verbessern wollen, denken Sie darüber nach, was Sie tun müssten, um sie zu verschlechtern.“ Solch eine gedankliche Gegenbewegung kann hilfreich sein, um einen scheinbar festgefahrenen Karren wieder flott zu kriegen.

Wie weit man mit all den Ratschlägen, ruhig zu bleiben, wirklich kommt, sei dahingestellt. Allein die ständige Erinnerung, nicht bei jeder Kleinigkeit die Nerven wegzuwerfen, hat aber schon etwas für sich. Im besten Fall wird man einer von den leisen Coolen, auf die man umso mehr hört, je weniger Lärm sie machen. Und im schlimmsten Fall spart man sich zumindest ein paar hektische Flecken im Gesicht.

Gelassenheit

Der Begriff geht auf die Antike zurück und taucht in den verschiedensten Verkleidungen als eines der wichtigen Ziele der menschlichen Entwicklung auf.Traditionellerweise wird Gelassenheit dabei als Selbstfindung durch die Ablösung von allzu eng gesteckten Zielen interpretiert.

Platon, die Stoiker, das Christentum (Meister Eckhart) und Philosophen wie Martin Heidegger haben sich ebenso damit befasst wie der Buddhismus.

Erschienen

Livia Klingl
Die Kunst vollkommener Gelassenheit

Metroverlag,
96 Seiten, 12 Euro

Janosch
Immer locker bleiben. In der Ruhe liegt die Kraft.

Ars Edition,
48 Seiten, 5,10 Euro

Wolfgang
Schmidbauer
Die gelassene Art, Ziele zu erreichen

Verlag Kreuz,
220 Seiten, 18,99 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2012)

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2 Kommentare
Gast: Einatmen - Austrinken
10.06.2012 23:02
0 0

Gelassenheit

haben uns die ersten Interviews der Verantwortlichen für Fukushima demonstriert.

Gast: gastritis
09.06.2012 22:14
1 0

nun gehen sie zum fenster,

öffnen es und schreien:

"I'm as mad as hell, and I'm not going to take this anymore!"