Seit Freitag ist Belgien in heller Aufregung. Gut, vielleicht nicht das ganze Königreich, von der Nordsee bis zu den Ardennen, und schon gar nicht der flämische Norden, aber zumindest die französischsprachigen Belgier tragen ihre stolzen Häupter noch ein wenig stolzer. Denn am Freitag wurde bekannt, dass die nächste Ausgabe des populären französischen Wörterbuches „Le Robert illustré (Dixel)“ das Wort „Belgitude“ enthalten wird. Es handle sich dabei um „eine Gesamtheit an kulturellen Eigenschaften Belgiens; das Gefühl der Zugehörigkeit zu Belgien als spezifische kulturelle Einheit“. Die Angaben zu Ursprung und Urheberschaft lassen uns allerdings stutzen, denn im Jahr 1981, das der „Robert“ nennt, war Jacques Brel leider schon seit drei Jahren tot. Brel hatte in seinem Lied „Mai 1940“, das vom deutschen Überfall auf Belgien handelt, von „müden Soldatesken“ gesungen, die seine „Belgitude“ wiederherstellt hätten.
Gottlob müssen die Belgier keine Angst mehr vor kriegerischen Invasoren haben. Was also versteht man heute unter „Belgitude“? „Das, was uns so stark zu eigen ist, dass sogar das größte aller französischen Wörterbücher unfähig ist, es intelligent zu beschreiben“, meint der Karikaturist Pierre Kroll. „Eine Form leichter Depression“, ätzte ein gewisser Pierre Lejeune auf Twitter. „Der Kampfsport der Selbstironie“, schlägt wiederum der Schriftsteller Marcel Sel vor und liefert ein konkretes Beispiel: „Belgitude ist die Fähigkeit der belgischen Innenministerin, sich zuerst ihr iPhone und dann das Auto stehlen zu lassen.“ Das ist Joëlle Milquet tatsächlich passiert. Zumindest der Dienstwagen tauchte wieder auf. Vor einer Woche hat die Ministerin übrigens 300 neue Polizisten für Brüssel angekündigt. So also schaut angewandte „Belgitude“ aus!
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2012)
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