Ich war neun Jahre alt, Fußball-WM 1982 in Spanien, die deutsche Nationalmannschaft hatte in der Vorrunde mit 1:2 gegen Algerien, ein Team, das man damals noch „bloßfüßig“ nannte, verloren. Am nächsten Tag ging ich in die Trafik und kaufte mir meine erste „Bild“-Zeitung. Um als Deutschland-Hasser wie fast alle in meiner Generation (im Gegensatz zur Vätergeneration) mit großer Schadenfreude zu lesen, was denn der Deutschen liebstes Boulevardblatt zur Blamage zu sagen hatte.
Daraus wurde eine lebenslange, innige Affäre. Eine, die ich ungeniert auch in aller Öffentlichkeit auslebe. Wann immer in einem der Wiener Innenstadt-Cafés eine „Bild“-Zeitung aufliegt, ich greife sofort zu – und erst danach zu den anderen Blättern.
Was die Faszination ausmacht? Ich weiß es nicht. Oder vielleicht doch: Die „Bild“-Zeitung vermittelt stets eine Art Urlaubsgefühl. Und für einen, der in der österreichischen Provinz aufgewachsen ist, war sie schon auch ein Tor zur großen, weiten, bunten Welt. Und im Gegensatz zur hiesigen Raubkopie „Österreich“ ist sie auch wirklich witzig.
Es ist ein wenig wie mit dem deutschen Schlager. Auch hier gilt: grundsätzlich tabu, aber augenzwinkernd gestattet. Und mittlerweile darf man ihn sogar schon wieder gut finden.
Ich möchte nie bei der „Bild“-Zeitung arbeiten. Aber lesen, das ja. Daher auch von dieser Stelle nachträglich: alles Gute zum Sechziger!
Das Finale bei der WM in Spanien bestritten übrigens jene Mannschaften, die auch heute Abend aufeinandertreffen: Deutschland und Italien. Ich habe damals zu Italien gehalten. Mein Vater zu Deutschland. Ich nehme an, es wird diesmal nicht anders sein.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2012)
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