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Justitia wohnt in einer bombastischen Bruchbude

17.07.2012 | 18:31 |  OLIVER GRIMM (Die Presse)

Brüssels Palais de Justice, eine Ausgeburt imperialer Gigantomanie, ist nun ein Fall fürs Arbeitsinspektorat.

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An fast keinem Punkt Brüssels kann man sich ihm entziehen, von überall wird man seiner goldenen Kuppel ansichtig: Der Justizpalast ist eine der überwältigendsten Sehenswürdigkeiten der belgischen Hauptstadt. Größer als der Petersdom, bedrohlich auf dem Galgenberg errichtet, wo man jahrhundertelang Verbrecher zu henken pflegte, in eklektizistischem Wahnsinn eine Säulenreihe über die andere häufend und dabei blindlings in alle stilistische Schubladen greifend, erregt das Palais de Justice schon seit seinem Bau die Gemüter. Sein Architekt, Joseph Poelaert, hatte zum Zeitpunkt der Auftragserteilung in den 1860er-Jahren bloß ein paar Säulen für eine Kirche entworfen. Fast logisch, dass das ursprüngliche Budget für den Bau ums Fünffache überschritten wurde, zumal Bürgermeister Jules Victor Anspach schon vorab erklärt hatte: „Ich wünsche, dass die Ausgaben größtmöglich sind, damit er seiner Bestimmung und der Stadt, in der er sich erhebt, würdig wird.“

All der Bombast freilich altert so schlecht, dass der Bau seit Jahren dauerhaft eingerüstet ist und aus manchem Architrav kleine Bäume sprießen. Und nun auch noch das: Das Arbeitsinspektorat hat mindestens 30 Verstöße gegen Arbeitsplatzvorschriften festgehalten. Und wir reden hier nicht von Peanuts, wie ein Bericht des belgischen Fernsehsenders RTBF zeigt: Im Keller des Palasts werden Flüssiggas und diverse Chemikalien in rostenden Behältern gelagert, Plafonds bröckeln, allerorten liegen Stromkabel neben Kübeln voller Regenwasser frei, das durch Decken tropft. Bis September hat Justizministerin Annemie Turtelboom Zeit, die Schäden beheben zu lassen – sonst muss die Justiz aktiv werden. Wen wundert's, dass Orson Welles in diesem Gebäude Kafkas „Prozess“ verfilmen wollte?

 

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2012)

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