Wenn Sie das hier lesen, bin ich schon reich. Nicht reicher als reich, wohlgemerkt – selbes Unternehmen, schlechtere Chancen –, man will ja bescheiden bleiben. Ich habe mir gestern, kein Zweifel, dezente neun Millionen Euro gesichert – mit einem lausigen Schnelltipp übers Handy, noch nicht einmal die Schlange vor der Bahnhofstrafik war zu erdulden. Ist auch einfacher so: Wie wir nach 1945 Geborenen sechs Zahlen kleiner/gleich 45 aus unserem Geburtsdatum destillieren sollen, muss mir erst einmal jemand erklären. Andere Daten von Bedeutung können wiederum verfänglich sein, wie jeder weiß, der sein Glück schon einmal mit einem partnerschaftlich relevanten Tag versucht hat („Schatz, wieso setzt du auf den 24. ?“ – „Unser Hochzeitstag, oder?“ – „...“). Nein, besser, das die Maschine machen zu lassen.
Während ich nur mehr zu entscheiden habe, welchen Teil meiner bald um vieles umfangreicheren Latifundien ich zur Errichtung des Geldspeichers zu opfern gedenke, stellt sich die Frage, ob dies vielleicht schon der zweite Lottogewinn in der Familie ist – ich weiß es ja nicht. Die Mutter, seit Jahrzehnten treue Tipperin, hat Vatern und mich auf die Frage, was sie eigentlich mit einem Gewinn machen würde, nämlich einst belehrt, sie würde genauso weitermachen wie bisher – und noch nicht einmal uns den Glücksfall kundtun. Seither zuckt uns jedesmal, wenn ein Spieler wieder Millionen holt, die Frage durch den Kopf: Hat sie . . .? Die Mutter schweigt – und lächelt wissend.
Anders das neuerdings 190 Millionen Euro schwere britische Ehepaar Bayford: Das gab nach seinem Gewinn eine Pressekonferenz, um „unser Glück zu teilen“. Was ich nachvollziehen kann – inzwischen bin ich ja auch schon reich. Erzählen Sie's bloß niemandem.
E-Mails an: georg.renner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2012)
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