Bei uns im Grätzel wähnt man sich beim Wurstsemmelkaufen seit einiger Zeit auf der Fifth Avenue. Eine Supermarktkette hat uns nämlich eine Designerfiliale hingestellt, was wir erst nach Längerem bemerkt haben. Denn dank verdunkelter Scheiben und gedimmter Lichter im Inneren glaubten viele, dass der alte Laden immer noch umgebaut wird. Im Supermarkt 2.0. ist das Fließband jedenfalls so was von out. Nun gibt es drei dicht aneinandergereihte fließbandlose Expresskassen. Blöderweise haben die schlauen Designer dem Personal nicht dazugesagt, dass alle drei Kassen auch besetzt sein müssten, damit das mit dem Bezahlen tatsächlich express funktioniert. Meist ist nur eine Kassiererin da, der man seine Waren mangels Fließbandes direkt aus dem Einkaufswagen Stück für Stück in die Hand drückt. Die zieht die Waren über den Scanner und gibt sie dem Kunden mühsam nach und nach retour. Dadurch wird zwar die Interaktion zwischen Kunde und Verkäufer gefördert (positiv), das Aggressionspotenzial der dahinter Wartenden aber ebenso (nicht so positiv). Zudem sind die Bankomat-Terminals nun so aufgestellt, dass die versammelte Warteschlange uneingeschränkt Blick auf den Pin-Code hat, was aber hoffentlich durch die gedimmten Lichtverhältnisse erschwert wird.
Leider haben die Neudesigner auch vergessen, zum gehoben-eleganten Interieur das dazupassende Personal zu liefern. Das ist nämlich das alte geblieben. Die bissigste Regalschlichterin Österreichs (Kunde: „Im Regal steht kein Pizzagewürz mehr. Haben Sie noch eines im Lager?“ Verkäuferin: „Im Lager? Nein, wir haben kein Lager.“) schlichtet bei nicht mehr ganz so grellem Neonlicht Lebkuchen (oja, den gibt es schon) ein. In die Wurstsemmeln bekommt man aber immer noch ein Gurkerl, besonders dann, wenn man sie „ohne Gurkerl“ bestellt. An manchen Dingen kann auch schickes Design nichts ändern. Immerhin.
E-Mails an: mirjam.marits@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)
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