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Die Guerilla-Oma und der Werkunterricht

07.09.2012 | 18:45 |  MIRJAM MARITS (Die Presse)

Aus nicht ganz erklärbaren Gründen hat mich neulich eine Einladung zum „Guerilla Knitting“ ereilt. Ich soll also in der Öffentlichkeit stricken. Und das möglichst „Guerilla“.

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Aus nicht ganz erklärbaren Gründen hat mich neulich eine Einladung zum „Guerilla Knitting“ ereilt. Ich soll also in der Öffentlichkeit stricken. Und das möglichst „Guerilla“. Klingt martialisch, tatsächlich wird der Begriff seit einiger Zeit überstrapaziert (Guerilla Gardening, Guerilla Grillen), um alltägliche Dinge (Blumen gießen, Bratwürstel wenden) abenteuerlich wirken zu lassen. Naja, denk ich mir, strick ich mir coram publico ein wenig Herbstmode. Irgendwer wird mir, die ihre handwerklichen Kenntnisse in der AHS-Unterstufe zurückgelassen hat, dort schon zeigen, wie man die Maschen aufnimmt (oder wie das heißt). Aber weit gefehlt: Guerillagestrickt wird nicht für einen selbst, nein, morgen und Montag (ab 13 Uhr) werden die am Wiener Burjanplatz ansässigen Bäume, Brunnen und Statuen eingestrickt.

Generell muss man sagen: Meine Generation kann handwerklich fast nichts mehr. Die schwierigste, ansatzweise lösbare Aufgabe ist das Annähen eines Knopfes. Und das sieht dann so aus, als hätte es das Kind mit verbundenen Augen versucht. Das Kind übrigens weiß mit seinen zwei Jahren schon um mein Untalent im textilen Bereich. Jedes Mal, wenn eine Socke ein Loch hat, sagt es: „Oma muss helfen.“ Das muss die Oma schon seit der Schulzeit, als sie die von mir im Werkunterricht unleidenschaftlich begonnenen Dinge daheim weitergehäkelt, -genäht und -gestrickt hat. Und nicht nur sie: Der Werkunterricht der Kinder war, ist und wird immer ein ungefragtes Entertainmentprogramm für die (Groß-)Mütter daheim sein. Auch eine Art Guerilla Knitting eigentlich. Natürlich ist stets erkennbar, wo die Mamas geholfen (schön) und welche Abschnitte die Kinder selbst geschafft haben (nicht so schön). Insofern hat meine Unbegabung einen Vorteil: Wenn ich später eine dieser Heimlich-Daheim-Fertigstricker-Mütter sein werde, wird man wenigstens keinen Unterschied bemerken.

 

E-Mails an: mirjam.marits@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2012)

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