„Entschuldigung: Hätten Sie ein paar Groschen für einen Eckerlkäs für mich?“ Einem Schnorrer, der einem mehr als zehn Jahre nach dem Ende von Groschen und Schilling mit solchen Worten auf der Hainburgerstraße entgegentritt, muss man einfach zuhören. Die paar Groschen für den Eckerlkas (ob Rupp oder Clever, weiß ich nicht) hatte ich freilich übrig, sogar mehrere tausend Groschen, wenn man die paar Euro ins „echte Geld“ zurückrechnet. Kreativität ist gefragt beim Betteln auf der Straße.
Handlesen, im U-Bahn-Aufgang rumänisch singen oder im Waggon Ziehharmonika spielen, das reißt keinen mehr aus dem Trott. Eine Dame, der ich letztens das Handlesen am Gehsteig verweigerte, rief mir nach: „Sie haben eine schlechte Aura! Voll von Hektik!“ Solche Wahrsager lob' ich mir, die meine patzige Ausrede („Keine Zeit!“) gleich in eine Gratiskostprobe ihres Könnens umwandeln. Ich nehme es jedenfalls keinem übel, wenn er seinen Tag damit verbringt, Geld von Fremden zu erbeten. Denn seit meiner Studentenzeit ist mir klar: Das ist auch nur ein Job.
Damals stand ich vor der Hauptuni und musste in einem unterbezahlten Nebenjob Werbezettel verteilen. Neben mir ging ein Schilling-Schnorrer am Schottentor auf und ab. Nach eindringlicher Beobachtung seiner und meiner Tätigkeit fand ich seine ehrenhafter: Genauso wie ich stand er stundenlang in der Gegend herum und ging – so wie ich – Leuten auf den Wecker. Ich habe den Menschen ungefragt Zettel in die Hand gedrückt, er bat sie um ein paar Schilling. Am Ende des Tages standen wir beide mit etwa der gleichen – redlich verdienten – Summe da. Nur dass meine Arbeit einen großen Haufen Müll hinterlassen hat: achtlos weggeworfenes Papier.
E-Mails an: veronika.schmidt@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2012)
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