Eine der grundlegenden Fragen im Leben lautet: Liegt es an mir oder an den anderen? In geschätzten 99,9 Prozent der Fälle trifft Ersteres zu, zuletzt auf der Fernsehcouch hatte ich jedoch das Gefühl, dass es diesmal anders ist: Auf einem Privatsender lief gerade ein Reality-Format mit Jugendlichen, wobei: Es könnten auch Klicklaute machende Außerirdische gewesen sein. Denn sobald irgendwer den Mund aufmachte, fragte entweder Freund J. oder ich: „Was hat der gesagt?“ und „Hast du das verstanden?“
Und, nein, das lag nicht am sogenannten Jugendsprech, zu dem es halblustige Wörterbücher gibt, oder an modern interpretierten Modalverb-Einsatz. Es war eher so, dass wir einfach nichts verstanden. Zwischen den Wörtern waren keine Pausen, die Tonlage hatte weder Höhen noch Tiefen, alles, was bei uns ankam, war vernuschelt-monotones Brandungsgeräusch. Ein Phänomen, das ich übrigens auch von Telefonaten mit der jugendlicheren Verwandtschaft kenne. Ich sage dann immer „Das Telefon hat was, kannst du das noch einmal...“ Denn das ist einfacher, als über im Alter abnehmende Bandbreite hörbarer Frequenzen zu referieren (und weniger peinlich als „Red deutlich!“).
Wobei man an den Jungen auch manchmal wirklich inhaltlich vorbeiredet. Bei einer Hochzeit unterhielt ich mich mit der circa sechsjährigen Tochter einer Bekannten über einen blauen Uhu, den sie gekauft hatte. In der Annahme, es gehe um ein Stofftier, fragte ich nach dem Lieblingstier, kam auf Schönbrunn und Harry-Potter-Eulen. Die Kleine wurde immer verstörter, und als ich sagte, dass der Uhu nachtaktiv sei, brach sie das Gespräch ab. Der Rest der Tischgesellschaft bekam fast einen Lachanfall: Es ging nämlich eigentlich um einen („Ice-age“-blauen) Uhu-Kleber.
Insofern: Vielleicht liegt es doch an mir. Die Angst vor einer Sprache, die man nicht versteht, heißt übrigens Xenoglossophobie.
E-Mails an: ulrike.weiser@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2012)
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