Wenn er in die Klasse kam, mit möglichst energiesparenden Bewegungen, darauf legte er Wert, hieß es zuerst einmal, egal wie warm oder kalt es war: „Kinder! Reißts bitte die Fenster auf!“ Ohne frische Luft könne man nicht denken, sagte er dann, und denken, das hätten wir bitter nötig. Wir, das waren Heranwachsende in der Oberstufe eines ehrwürdigen Gymnasiums, eine eingeschworene Klassengemeinschaft, geprägt vom Jahr 1986 und seinen Folgen. Waldheim und Waldsterben, Aids und Tschernobyl, das hatte uns ziemlich sprachlos gemacht.
Er hasste das „Miachteln“, nicht nur im Sinne von „schlecht riechen“, sondern auch als Verhalten: Herumhängen und Raunzen, ein gleichgültiges Schulterzucken machte ihn zornig, oder, schlimmer noch, es langweilte ihn. „Jetzt habe ich erst die Hälfte von euch geprüft, und mir ist schon fad“, klagte er, und es klang fast traurig.
Er wollte provozieren und aufwecken, das war nicht immer angenehm, aber es war immer spannend. Wir lasen das Übliche, aber er stellte nicht die üblichen Fragen. Wir lasen darüber hinaus das Außergewöhnliche und lernten die deutsche Sprache und ihre Literatur lieben. Halbe Sachen konnte er nicht leiden: Besser einen Dichter gar nicht zu kennen, als nicht sämtliche seiner Vornamen. Der Sinn der Übung war uns, die schon bei Grimmelshausen und seinem schlanken Namen schwächelten, erst viel später klar.
Mach das, was du gut kannst, und nimm deine Träume ernst, sagte er. Er fuhr zur Fiesta nach Pamplona und stieg auf einen der höchsten Berge der Welt. Es war ihm egal, was andere über ihn sagten. Er suchte die Eine, und als er sie fand, ließ er sie nie mehr gehen. Er tauschte schließlich Nebenjob und Hauptberuf; er verlor nie die Leidenschaft für das, was er tat.
Die Krankheit war stärker. Aber noch stärker ist die Erinnerung an alles, was er uns gegeben hat.
E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2012)
Lady DianaZwischen Trauer und Hysterie
Vorkosten mitAnna Burghardt, Petra Percher und Almuth Spiegler
VerkosterGerhard Hofer degustiert im Keller
BrautmodeTrends nicht nur in Weiß
Hüte, Hüte, HüteHauptsache Ascot
ÜberfliegerDas sind die besten Airlines
Melissa McCarthyPhotoshop-Panne auf Filmplakat