Simma wieder gut?

Tschuidign ist eines der meistgebrauchten Wörter im österreichischen Idiom der deutschen Sprache.

Handschlag zur Versöhnung (Symbolfoto)
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Handschlag zur Versöhnung (Symbolfoto)
APA/ROBERT JAEGER

Tschuidign ist eines der meistgebrauchten Wörter im österreichischen Idiom der deutschen Sprache. Wobei diese Kurzform für „Ich bitte um Entschuldigung“ hauptsächlich die Funktion von „Darf ich bitte durch“ (in öffentlichen Verkehrsmitteln auch „Oh mein Gott, ich werde hier nicht rauskommen und kann erst bei der nächsten Station aussteigen!!! Panik!!!“) erfüllt. Die ernst gemeinte Bitte um Verzeihung wird dagegen deutlich seltener ausgesprochen. Klar, schließlich kann man damit nicht einfach nur schwerfällige Menschenmassen dazu bringen, einen Durchgang zu schaffen, sondern muss sich selbst und anderen eingestehen, etwas falsch gemacht zu haben. Und das ist gar nicht so einfach.

Noch schwieriger wird es, wenn es darum geht, sich zu versöhnen. Denn Entschuldigen ist unser eigener Entschluss, doch bei der Versöhnung gilt es, zwei (oder mehrere) Seiten dazu zu bringen, auf Hass und Groll zu verzichten. Oft sind dabei die Positionen aber so festgefahren, dass es einen Impuls von außen braucht, um eine solche Versöhnung in Gang zu bringen. So etwas wie den Elternteil, der den Kindern sagt: „Gebt euch die Hand und seid wieder gut!“

Schade nur, dass im Erwachsenenalter vielen Situationen ein Vermittler à la Eltern fehlt – und man von selbst initiativ werden muss, um den Versöhnungsprozess ins Laufen zu bringen. Gerade Weihnachten ist aber vielleicht ein ganz guter Zeitpunkt, damit zu beginnen. Auch ohne Vermittlung. Und so wackelt man dann mit hochrotem Kopf von einem Bein auf das andere, wagt kaum den Blick zu heben. Doch schließlich schaut man doch auf sein Gegenüber, sei es die Partnerin, die man enttäuscht hat, sei es ein Kollege, den man bloßgestellt hat oder sei es ein italienischer Eisverkäufer, den man in einem Anfall von Flapsigkeit als Mafioso bezeichnet hat. „Es tut mir leid“, sagt man dann. Hebt die Hand und sagt mit hoffendem Blick genau die Worte, die man schon als Kind so oft geübt hat: „Simma wieder gut?“

 

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2012)

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