Bei der Vleischpalatschinke geht es um die Vurst

30.12.2012 | 18:29 |  ERICH KOCINA (Die Presse)

Nicht einmal Deutsch können die!

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Nicht einmal Deutsch können die! Das war der erste Gedanke vor dem Schild mit dem Mittagsmenü des Lokals. Und sogleich wanderte ein Foto der „Vleischpalatschinke“ auf Facebook. Doch was zunächst für großes Gaudium und hämische Kommentare sorgte, wurde wenige Minuten später vom sprachlichen Pranger geholt – denn Vleisch gibt es wirklich. Der Neologismus steht für vegetarischen oder veganen Fleischersatz. Und damit nicht genug – es gibt auch analog dazu den Begriff Vurst.

Nun könnte man hämisch einwerfen: Wenn Vegetarier keine Tiere essen, warum pressen sie dann Soja und andere pflanzliche Produkte in Formen wie Schnitzel, Döner oder Frankfurter Würstel? Nun, und damit endet die Häme auch schon wieder, vermutlich aus ganz pragmatischen Gründen. Weil Wurst einfach praktisch ist – Erbsenwurst kennen ja beispielsweise auch Carnivore. Weil Schnitzel sich aus Tofu leichter formen lassen als Tannenzapfen. Und weil ein Stück Gebäck mit Seitanstreifen nun einmal die Anmutung eines Döner-Sandwichs hat. So einfach.

Und ganz nebenbei, es geht ja auch in die umgekehrte Richtung. Ein faschiertes Laibchen hört etwa in Bayern auf den Namen Fleischpflanzerl. Gelegentlich wandern auch hierzulande marinierte Fleischröschen auf den Griller. Und die Saison für den Heringssalat kommt sicher auch bald wieder.

Nach dem ersten Verteidigungsreflex, die Wurst vor den Veganern zu schützen, stellt sich also so etwas wie Gleichstand ein. Ein bisschen Weiterblödeln muss aber trotzdem erlaubt sein. Denn vielleicht zaubern findige Marketingexperten ja bald Mofu aus dem Hut – den Tofuersatz aus Milch. Oder vermarkten Sojabohnenersatz aus Hühnerfleisch, könnte man ja Chickoja nennen, oder so. Und wenn wir schon beim Thema Ernährung sind: Solange Kakao auf Bäumen wächst, ist Schokolade für mich Obst.

 

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2012)

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