Selbstgespräche und andere Allergien

04.01.2013 | 18:23 |  MIRJAM MARITS (Die Presse)

Das Leben bringt ganz interessante Erkenntnisse, wenn man ein bisschen herumkommt.

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Das Leben bringt ganz interessante Erkenntnisse, wenn man ein bisschen herumkommt. Wenn man etwa wieder einmal nach Graz fährt, lernt man, dass man im Zug nicht mehr telefonieren darf (so als ob man auf der Südbahn Empfang hätte). Zumindest nicht in den von den ÖBB zweckgewidmeten Ruhewaggons, aus denen die resche (schönes, altmodisches Wort, nicht?) Schaffnerin jeden, der sein Handy auch nur in die Nähe des Ohrs hält, sofort verweist. Dass sie im Ruhewaggon sitzen, merken Menschen mit überdurchschnittlich guten Augen an den unterdurchschnittlich kleinen „Pst“-Piktogrammen. Alle anders gearteten Konversationen fallen leider nicht unter das „Pst“-Gebot. Und genau die ziehen leicht misanthropische Menschen wie ich an. Das ist wie bei Katzen, die sich bevorzugt von Katzenhaarallergikern streicheln lassen wollen: Die redelustigen Damen setzen sich verlässlich neben mich, und schon ist man in einem Gespräch gefangen, dem man erst am Zugendbahnhof (wenn überhaupt) entkommt.

Origineller, wenn auch beunruhigender sind da Mitreisende mit Hang zum Selbstgespräch. Neulich in Person eines der Paranoia nicht abgeneigten Vorarlbergers, der neben mir und mit sich selbst über elektrische Stühle und Jörg Kachelmann sprach und dazu Notizen in sein bereits vollgeschriebenes Heft machte. Zwischendurch täuschte er seine fiktiven Verfolger, mit denen er durch einen eingebildeten Knopf im Ohr kommunizierte, durch die Durchgabe falscher Koordinaten. „Passieren soeben das Waldviertel“, sagte er, während wir den Semmering entlangfuhren. „Befinde mich in einem kaum bewohnten Gebiet“, als der Zug in Kapfenberg stehen blieb. (Womit er gar nicht so unrecht hat.) Zwei Wünsche, liebe ÖBB, nach zweieinhalb Stunden des ungefragten Mithörens fremder Selbstgespräche: gratis Ohropax für alle oder Redeverbotabteile. Ich schalte diesmal auch mein Handy aus.

 

E-Mails an: mirjam.marits@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2013)

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