Bitte seien Sie achtsam, der Spalt wird zur Popkultur!

06.01.2013 | 18:39 |  ERICH KOCINA (Die Presse)

Gibt es eigentlich eine Statistik, wie oft Benutzer der U-Bahn in den Spalt zwischen Bahnsteig und U-Bahn-Tür tappen?

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Gibt es eigentlich eine Statistik, wie oft Benutzer der U-Bahn in den Spalt zwischen Bahnsteig und U-Bahn-Tür tappen? Und wenn ja, lässt sich seit Einführung der neuen Ansagen mit neuer Stimme in den Wiener U-Bahnen ein signifikanter Rückgang dieser Zwischenfälle feststellen? Schließlich wird seit Anfang Dezember regelmäßig auf diese einen Zwischenraum bildende, schmale, längliche Öffnung und die von ihr ausgehende Gefahr hingewiesen.

Aber abgesehen davon, dass die Botschaft aus den Lautsprechern das Leben in der Stadt wohl nur bedingt sicherer macht, muss man den Wiener Linien dennoch gratulieren. Denn für die Ermahnung zur Aufmerksamkeit das Wort „achtsam“ zu verwenden, lässt das sprachinteressierte Herz höherschlagen. Wie viel banaler hätte man es ausdrücken können – „Seien Sie vorsichtig!“, „Passen Sie auf!“, „Achtung, Türspalt“. Nein, man hat „Bitte seien Sie achtsam!“ aus dem Sprachlabor des vernachlässigten passiven Wortschatzes Wiens gekramt. Und damit eine Formel geschaffen, die zum Teil der Popkultur werden könnte.

Ähnlich wie beim Londoner Gegenstück „Mind the gap“ wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis der Spruch auf T-Shirts, Aschenbechern und ähnlichem touristischem Tand zu lesen sein wird. Ähnlich wie die „Unschuldsvermutung“ wird der Sager zum medialen Dauerbrenner, der bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit angebracht wird. (Bei einer Analyse des Wirtschaftswachstums etwa in Form von: „Bitte seien Sie achtsam, aus Spargründen wurde das Licht am Ende des Tunnels ausgeschaltet!“) Und vermutlich arbeitet DJ Ötzi sogar schon an einer skihüttenkompatiblen Variante des Spruchs, die beim Abfahrtswochenende in Kitzbühel live präsentiert wird. „Bitte seien Sie achtsam! Uh! Ah!“, oder so. Und das alles nur wegen dieses kleinen Spalts... Wie war das noch mal mit der Statistik?

 

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2013)

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