Österreichs unschlüssiger Widerspruch

Wer „Ja, na, eh!“ sagt, gibt nicht offen zu, dass er seinem Gegenüber zustimmt.

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Symbolbild – (c) GEPA pictures (GEPA pictures Martin Dirninger)

Geh, kumm, schleich dich!“ Wer diesen Satz auf der Straße hört, kann ins Grübeln kommen ob der Unentschlossenheit der Österreicher in ihrer Sprache. „Was jetzt? Soll ich gehen, herkommen oder mich schleichen?“, könnte das Gegenüber des Aggressors antworten. Besonders lustig war, dass ich versuchte, den Satz meinen Freunden aus dem Ausland zu übersetzen: „He said: Go, come, get lost!“ Das führte zu einer Diskussion, ob diese österreichische Spracheigenheit – man könnte es „unschlüssigen Widerspruch“ nennen – eine Weiterentwicklung der in anderen Sprachen üblichen doppelten Verneinung ist. So sagen die Spanier „No quiero nada“ („Ich will nicht nichts“), was Anfänger als „Ich will alles“ deuten, obwohl der Iberer „Ich will nichts“ damit meint.

Ähnlich ist es im Italienischen, Französischen und Portugiesischen. Und bei dieser genauen Betrachtung unserer Sprache warf dann meine Waldviertler Freundin das Argument ein, dass bei ihr zu Hause die doppelte Verneinung gang und gäbe sei. Nämlich dann, wenn man etwas Nettes zu sagen hätte, das aber wegen der sozialen Regeln nicht so einfach tun kann.

So heißt es über ein hübsches Mädel: „Die ist net unfesch“ oder über einen angenehmen Gast: „Der ist net unguat.“ Wir quittieren das mit: „Na, na. Du hast schon recht.“ Auch so ein unschlüssiger Widerspruch, genauso wie das in Diskussionen häufig gehörte: „Ja, ja, na, na!“, und das österreichische Ende eines Streits, wenn man „Ja, na, eh!“ als Zustimmung (!) ausruft. Leicht lassen sich noch viele Beispiele dieser widersprüchlichen Ausdrucksweise finden: Ein Wiener, dem es sehr gut geht, kann z.B. auf die Frage „Wie geht es dir?“ wegen seiner Neigung zum Jammern nur traurig antworten: „Ich kann nicht klagen.“

 

E-Mails an: veronika.schmidt@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2013)

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