Am nächsten Tag ist der Schreibtisch leer

07.02.2013 | 18:24 |  FRIEDERIKE LEIBL (Die Presse)

Was übrig bleibt, wenn einer geht, lässt oft viel Raum für Deutung.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Was übrig bleibt, wenn einer geht, lässt oft viel Raum für Deutung. Nein, nicht der große Abschied aus einer romantischen Zweierbeziehung ist gemeint, da kann man dem wunderschönen, unsagbar traurigen Gedicht Ingeborg Bachmanns „Eine Art Verlust“ nichts hinzufügen. (Es endet mit „Nicht dich habe ich verloren, sondern die Welt“ und sollte nur in seelisch stabilem Zustand gelesen werden.) Es geht darum, wie jemand seine Spuren beseitigt, wenn er das Büro verlässt, sei es für kurz, für einen Urlaub oder für immer.

Es gibt Menschen, die verlassen ihren Schreibtisch täglich so, als wären sie nie hier gewesen – keine Unterlagen, keine Kulis bleiben liegen, das Telefon steht parallel zur Kante. Nichts deutet auf den Menschen hin, der sonst hier sitzt. Bei anderen hat man das Gefühl, sie wären gerade in einer Alarmsituation aus dem Raum gerannt und nicht etwa auf einen geplanten Urlaub gefahren. Der Löffel steckt noch im Joghurt, Brösel zeugen von einer herzhaften Jause, Zeitungen, Notizen, Kleidungsstücke liegen aufeinandergetürmt. Wenn solche Typen plötzlich ihren Schreibtisch aufräumen, sollte man hellhörig werden.

Wenn Kollegen gehen, die schon lange da gewesen sind, die also auch viel Ballast angesammelt haben, wird der Schreibtisch oft in letzter Minute über Nacht geräumt. Da kommt viel zutage. Alte Fotos, achtlos in die Laden geworfen, Schokolade, die schon lange nicht mehr essbar ist und ein Dankeschön für irgendwas war. Vollgekritzelte Notizbücher mit Telefonnummern von Leuten, die längst weitergezogen sind.

Am nächsten Tag ist der Schreibtisch blank. Von manchen bleibt ein verdrehtes Telefonkabel, das sich nie wieder entwirren lässt. Wer den Platz übernimmt, hat manchmal die Person vor Augen, wie sie telefonierte und beim Reden das Kabel um die Finger wickelte. Irgendwann kann sich dann keiner mehr erinnern.

 

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2013)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

AnmeldenAnmelden