Sven Gächter hat einmal im „Profil“ geschrieben, er greife im Flugzeug auf dem Weg nach Wien stets als Erstes zur „Kronen Zeitung“, um sich auf das einzugrooven, was ihn hierzulande erwartet. Mir fehlt diese Geduld, und so las ich schon unter der brütenden Sonne Liguriens diesen Satz des „Krone“-Kolumnisten Michael Jeannée: „Wer alt genug zum Einbrechen ist, ist auch alt genug zum Sterben.“ Gemeint war jener 14-Jährige, der in einem Kremser Supermarkt von der Polizei beim Einbrechen erwischt und erschossen worden ist.
Jeannées Django-Attitüde ist vielen ältlichen Herrenreitern eigen. Erstaunlich ist aber, nicht nur im gegenständlichen Kremser Fall, wie sich der Leidensdruck, von den Beteiligten eines aufsehenerregenden Ereignisses kein klares Bild zu haben, in den wilden Drang entlädt, so ein Bild zu zeichnen – egal, wie. Wer eine Verbrechervisage hat, muss auch ein Verbrecher sein. Und ist damit nie zu jung zum Sterben.
Oder nicht? Im ungarischen Pavillon auf der Biennale in Venedig, den der Medienkünstler Péter Forgács gestaltet hat und den ein digitales Abbild der oben abgebildeten großartigen „Vecchia“ von Giorgione ziert, sind 96 Fotos von Männern zu sehen, die der erste Blick des Besuchers als randständige Gestalten ablegt (www.coltempo.hu). Doch das sind Kriegsgefangene und Juden auf dem Weg ins KZ Buchenwald, die der Wiener Anthropologe Josef Wastl (Nazi seit 1932) mit seinen Kollegen vom Naturhistorischen Museum fotografiert, verfilmt und vermessen hat. Kein Wunder, dass diese Männer verstört wirken. Interessiert uns ihr Schicksal? Sehen wir sie als Menschen? Oder ist unser Blick blind, verfängt er sich an der Oberfläche? Manchmal braucht es die Kunst, um uns zu intellektueller Demut zu erziehen.
oliver.grimm@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2009)

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