Freundliche Spionage

Wie haben wir das eigentlich gemacht ohne die sozialen Medien, damals, vor circa fünf Jahren?

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(c) Bloomberg (Chris Ratcliffe)

Mir kommt vor, in der nahen Vergangenheit waren diese vielen Kanäle nicht so infektiös wie heute, und mittlerweile hat es sogar meine Tanten erwischt, die sich noch vor mir auf Instagram registriert haben. Sie sind aber nicht da, um zu posten, das weiß ich seit meinem kürzlich erfolgten Instagram-Eintritt. Eine Tante postet zwar, aber immer nur dasselbe Bild ihres ersten Enkelkindes; die andere Tante hat bislang nur ein einziges Foto geteilt, es zeigt einen Sonnentag im japanischen Frühling und stammt offenbar von der offiziellen Kirschblütenwerbung. Wiederum eine andere Tante hat nur das Bild einer grauen Straßenkatze gepostet, es ist die Tante, die keine Katzen mag. Und noch eine weitere Tante postet zwar gelegentlich Familienbilder, aber dafür nennt sie Instagram Integral, und zwar so beharrlich, dass wir begonnen haben, ihr zu glauben.

„Was machen die überhaupt auf Integral?“, frage ich einen Cousin, der diese seltsame Ausgangslage bereits analysiert zu haben scheint. „Uns ausspionieren“, sagt er, „auf Facebook spionieren ist auffällig, auf Integral nicht.“ Dank Instagram wissen die Tanten, wo sich ihre Kinder, Nichten und Neffen gerade aufhalten, mit wem, und wie das Wetter dort ist, und außerdem bleibt alles in einem freundlicheren Rahmen als auf Facebook, weil keine politische, soziale oder sonstige Diskussion angezettelt wird – und weil die Kinder natürlich sehr aufpassen, welche geschönten Fotos den Weg ins Internet finden. Überhaupt: Auf Instagram kann man sich einen friedlichen Ort zusammenbasteln, mit Kochtipps, Backtipps, Einrichtungstipps und Japan-Tourismus.

Währenddessen wird der Ton auf Twitter und Co. immer rauer, da zucken alle aus, das ist der Pöbelort, wo man jederzeit Fackeln und Mistgabeln auspacken kann. Kürzlich hat man da einen abartigen Aufruf lesen können, eine österreichische Jungautorin zu vergewaltigen. Es war nur das letzte Beispiel, das eine lang gehegte Vermutung bestätigt hat: Twitter und Facebook haben keine Manieren.

E-Mails an: duygu.oezkan@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2017)

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