Liebe Fahrgäste, Sie verzögern die Abfahrt

Der aktuelle Soundtrack der Stadt ist das genervte Wehklagen über die Passagiere in der Straßenbahn.

Symbolbild: Wiener U-Bahn
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Symbolbild: Wiener U-Bahn
Symbolbild: Wiener U-Bahn – (c) APA/HELMUT FOHRINGER

Natürlich könnte man auch den Donauwalzer nehmen. Im beschwingten Dreivierteltakt durch die Stadt hopsen, beobachtet von einer Kameradrohne, die im Abgang den majestätischen Sonnenaufgang über dem Schloss Schönbrunn einfängt, während Balletteleven und Wiener Sängerknaben von der Gloriette herunterwinken. Aber es wäre ein Soundtrack der Stadt, der vielleicht ein bisschen weit weg wäre vom alltäglichen Geschehen in Wien. Die eigentliche Hintergrundmusik der Stadt wirkt deutlich hölzerner. Sie kommt ohne Pathos aus, ohne liebliche Streicherklänge und eignet sich nur bedingt für die Aufführung beim Neujahrskonzert: „Liebe Fahrgäste, Sie verzögern die Abfahrt. Bitte halten Sie den Türbereich frei!“

Die Durchsage in Straßenbahnen und Bussen der Wiener Linien läuft mittlerweile in Heavy Rotation. Weil die Stadt wächst und der öffentliche Verkehr dem Wachstum nicht ganz nachgekommen ist. Und weil es die Wiener Urangst gibt, eine Station zu weit fahren zu müssen, weil man nicht aus dem Gefährt kommt – darum krallen sich alle an den Türbereich. Was offenbar schon so bekannt ist, dass die Meldung aus dem Lautsprecher sogar dann kommt, wenn man gerade erst zum Einsteigen ansetzt. Das erinnert ein bisschen daran, wie Straßenbahnfahrer versuchen, ein Auto, das den Schienenbereich blockiert, weil der Gegenverkehr es am Linksabbiegen hindert, einfach wegzubimmeln. Psychotrick, sehr perfide! So wie auch die Durchsage, die, weil automatisiert, weitgehend ohne Emotion abläuft: Nüchtern wie ein Elternteil, der dem Kind mantraartig eine Verhaltensregel einbläuen will – und dabei erst am Anfang steht, also noch ohne genervten Unterton. Der kommt erst, wenn sich nach einigen erfolglosen Durchsagen der Fahrer per resigniertem Liveeinstieg einschaltet: „Mir is' wurscht, ich bin schon in der Arbeit.“

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2017)

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